wucan sowthewindOb in den beiden Lebensweisheiten „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" tatsächlich so etwas wie Wahrheit drin steckt, darüber lässt sich diskutieren, ungelogen kann man allerdings behaupten: Hätten WUCAN ihr Debüt „Sow The Wind" 2012 oder 2013 herausgebracht, dann wäre die Band tatsächlich „the next big thing" und vollkommen zu Recht in aller Munde. Inzwischen schreiben wir das Jahr 2015 und WUCAN müssen sich erst einmal damit begnügen, dass sie eine weitere Retro-Kapelle von ganz vielen sind und auf den ersten Blick wie eine BLUES PILLS Kopie rüberkommen.

Gottlob ist es für gute Musik nie zu spät und ich begnüge mich natürlich nicht mit dem ersten Blick, sondern wage einen tieferen Einblick in „Sow The Wind", der gar nicht so beschwerlich ist, weil das Material einen direkt fesselt, weil es mitreißend komponiert ist, weil die Band das nötige Augenzwinkern mitbringt („Face In The Kraut", „Wandersmann") und nicht zuletzt weil die Band aus der Chemnitzer Gegend deutlich variabler zu Werke geht als andere Genrekollegen. Und dabei habe ich das Beste noch gar nicht erwähnt, aber das muss noch etwas warten.

Während sich andere Bands auf der Grundlage von Blues, Psychedelic und traditionellem Hardrock austoben, gehen WUCAN einen Schritt weiter und bauen ihr Fundament auf progressivem Rock auf, den man hierzulande in den Siebziger Jahren gerne als Krautrock belächelte. Zusammen mit den anderen Zutaten ergibt das einen wirklich interessanten und durchaus (heutzutage) individuellen Stil, der auch tontechnisch angemessen eingefangen wurde, wenngleich man sich natürlich aus dem Portfolio der Sechziger und Siebziger Jahre bedient. Wenn die Band dann wie in „King Korea" auch einen Schlenker in Richtung Doom macht, klingt das Ganze etwas nach den sehr unterbewerteten BLOOD CEREMONY, grundsätzlich halte ich WUCAN aber für eine Band, die man nicht so einfach mit anderen in einen Topf werfen kann.

Denn, und das kann man jetzt positiv oder negativ sehen, nach den ersten fünf Songs, die allesamt astrein ausfallen, „Father Storm", „Owl Eyes" und „Face In The Kraut" stellen so etwas wie die Hits dar, „Looking In The Past" und „King Korea" kommen ausgefeilter daher und spielen beispielsweise auch mit den Möglichkeiten des integrierten Intros, zaubern die vier Musiker mit dem 16-Minüter „Wandersmann" noch eine Nummer aus dem Hut, bei der die Kinnlade erst einmal nach unten geht. Beim allerersten Hören denkt man sich da, „um Gottes Willen, was zur Hölle ist das?", aber irgendwann denkt man sich dann „wow, das ist aber mutig". Sicherlich hätte man diese Nummer noch kompakter arrangieren können und gerade der lange Spoken-Word Part am Ende ist grenzwertig, der deutsche Text ist es sowieso, aber ist es nicht gerade der fehlende Mut zum Risiko, der dazu führt, dass Musik häufig allzu berechenbar ausfällt?

Fehlt noch was? Ja, das versprochene Beste bei dieser Band ist wenig überraschend die Frontfrau Francis. Es mag gemein und männerfeindlich klingen, aber man hat stellenweise das Gefühl, dass die drei Herrschaften nur nettes Beiwerk sind, so sehr steht Francis mit ihrem klaren, kraftvollen und energischen Gesang im Mittelpunkt des Geschehens. Außerdem steuert sie noch die zweite Gitarre bei und wirklich stilprägend bei WUCAN, sozusagen als Zusatz, ist der immense Einsatz der Querflöte, von der man beim Opener „Father Storm" quasi direkt erschlagen wird. Aber auch diese passt gut ins Gesamtbild, denn nicht erst seit GENESIS oder dieser anderen britischen Progressive Rock Band wissen wir, dass Querflöten und harte Rockmusik gut zusammenpassen. Oder was würde STEVEN WILSON dazu sagen?

Alles in allem ist „Sow The Wind" ein beachtliches Debütalbum ohne größere Schwächen, das vor allem deshalb etwas im Schatten anderer Alben stehen wird, weil die Band einfach zu spät dran ist und insbesondere mit einer Nummer wie „Wandersmann" polarisieren und womöglich gar abschrecken wird. Und immer brav daran denken! „Und nicht auf andere Weise!!!". (Maik)

Bewertung: 9 / 10

Anzahl der Songs: 6
Spielzeit: 41:30 min
Label: Hänsel & Gretel/MIG Music
Veröffentlichungstermin: 11.09.2015

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