Vor 13 Jahren traf ich im Schlachthof zum ersten Mal auf HALESTORM, damals als kaum bekannte Vorgruppe von ALTER BRIDGE. Ein überraschender und überaus denkwürdiger Abend mit zwei Bands die Vollgas gaben. Und natürlich haute mich diese Frau mit der Stimme wie ein Orkan aus den Socken. Seither begleite ich HALESTORM, deren Konzerte für meinen Geschmack zwar manchmal etwas (zu) kurz geraten, die aber immer großartige Rockmomente und ehrlichen Hard Rock liefern – gepaart mit viel Spielfreude und einer gehörigen Portion Humor. Ob Arejay Hales erstes Schlagzeugsolo mit den Riesenstöcken, Tortenschlachten auf der Bühne, alberne Gags der Crew, Geburtstagsständchen für Bandmitglieder, eine stockheisere Lzzy Hale, sagenhafte Duette mit ALTER BRIDGES´ Myles Kennedy, oder spontan eine Zugabe zusammen mit der Vorgruppe DEVILSKIN spielen. Langweilig wurde es über die Jahre nie mit HALESTORM!
Umso größer ist an diesem Abend die Vorfreude auf dieses Déjà-vu mit HALESTORM, die im Rahmen ihrer nEVEREST Tour Station in Wiesbaden machen. Sold Out! heißt es im Schlachthof und trotzdem geht es hier wie immer angenehm entspannt zu. Die Halle ist früh bereits überaus gut gefüllt, denn viele der 1600 Fans freuen sich nicht nur auf HALESTORM, sondern sind auch äußerst gespannt auf den exotischen Support.
BLOODYWOOD
Denn den Anfang bestreiten BLOODYWOOD aus Neu Delhi. Die sechs Inder kommen mit ihrer verrückten Mischung aus Metal, Rap und einigen volkstümlich indischen Elementen sofort bestens beim Wiesbadener Publikum an. Das ist nicht ganz überraschend, denn die Band hat bereits mehrere Auftritte in Deutschland bestritten, zum Beispiel auf dem Summer Breeze Open Air und in Wacken.
Es ist den Musikern anzusehen wie begeistert sie vom überaus freundlichen Empfang im Schlachthof sind. Der stimmgewaltige Sänger Jayant Bhadula und Rapper Raoul Kerr kommunizieren viel mit dem Publikum und berichten von ihrem Einsatz für den in weiten Teilen Indiens kaum bekannten Heavy Metal und vom Kampf um Akzeptanz in der Heimat.
Die harten Klänge lassen ein wenig an den Erfolgsaussichten dieses Unterfangens zweifeln. Die Songs sind teilweise sehr heavy und immer wieder schrill, aber besonders mit dem Opener „Gaddaar“ und „Machi Bhasad (Expect a Riot)“ liefern BLOODYWOOD richtig ab. Mit entsprechend lautstarkem Applaus werden sie nach einer knappen Dreiviertelstunde verabschiedet.
Setlist BLOODYWOOD:
Gaddaar
Jee Veerey
Dana Dan
Bekhauf
Nu Delhi
Aaj
Halla Bol
Machi Bhasad (Expect a Riot)
HALESTORM
Zum Ende der Umbaupause verhüllt ein weißer Vorhang die Bühne, sodass von nun an nicht mehr ausgemacht werden kann was dahinter vor sich geht. Mit den ersten Klängen von „Fallen Star“ geht dann plötzlich das Licht aus. Der Vorhang leuchtet jetzt rot und wechselt zu weiß, als langsam die Schatten der Musiker dahinter zu erkennen sind, ein sehr cooler Effekt. Mit Lzzy Hales einsetzendem Gesang fällt der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine recht unspektakulär gestaltete Bühne. Aber mal ehrlich, was braucht es mehr als Marshall Verstärkerwände zu beiden Seiten des Schlagzeugs? Dazwischen noch ein paar schmale Lichtbänder, fertig ist das äußerst effektvolle Bühnenbild; Stichwort Retro Charme!
Der klug gewählte Opener aus dem neuen Album „Everest“ erhöht die Temperatur schlagartig um etliche Grade, gefolgt von den HALESTORM-Klassikern „I Miss The Misery“ und „Love Bites (So Do I)“. Es überrascht, dass der große Fanfavorit „Misery“ so früh und ohne das episch in die Länge gezogene Gitarrengewitterende abgefeuert wird. Aber natürlich reißt mich die unbändige Energie dieser ersten Minuten mit. Auf der Bühne steht nicht mehr die Partyband der frühen Jahre. Das hier ist eine große Band, souverän und mit riesen Ausstrahlung. Die Spielfreude ist ihnen an den lachenden Gesichtern abzulesen, fast mit den Händen greifbar. Und dann ist da natürlich Lzzy Hale, mit ihrem Charme, der rauen, voluminösen Stimme und diesen unglaublichen Schreien. Obwohl nicht mehr ganz so häufig wie früher reißen sie das Publikum regelmäßig zu Jubelstürmen hin. Dass die Frau auch noch als Gitarrengöttin daherkommt, gibt dem HALESTORM-Sound im Duett mit Joe Hottinger eine große Wucht. Und mitten in einem der wunderbaren, zweistimmigen Gitarrensoli ist auch wieder Zeit für die beiden laut zu lachen.
Dass die Setlist im Folgenden gleich mit acht Songs von „Everest“ aufwartet, nur gelegentlich unterbrochen von vereinzelten älteren Perlen ist mir ab und an etwas zu viel, bleibt so doch nur wenig Zeit für die geliebten Klassiker. Man merkt es auch an der Resonanz, das Publikum ist nicht ganz so ausgelassen wie gewohnt.
Aber natürlich geizt die Band nicht mit großartigen Momenten. „Like A Woman Can“ ist so einer. Hier zeigen sich das stimmliche Vermögen von Lizzy Hale und das Können der Band vom verhaltenen Beginn bis hin zum fulminanten Höhepunkt. Das darauf folgende „Darkness Always Wins“ – etwas heavier als üblich – stellt sicher, dass die Gänsehaut nicht vergeht.
Die kleine Erholungspause in der nun völlig dunklen Halle leitet über zu einem sparsam beleuchteten und für HALESTORM-Verhältnisse ungewohnt langen Balladenteil, der aber eindrücklich Lzzies leise Seite demonstriert.
Mit „I Am The Fire“ und „Familiar Taste Of Poison” nimmt die Band nun wieder massiv Fahrt auf. Dabei kann man sowohl Lzzy als auch Joe mit einer Doubleneck Gitarre bewundern, so etwas sieht man nicht oft. Genau wie kurz darauf Arejays energiegeladenes Schlagzeugsolo, das natürlich mit den witzigen riesigen Drumsticks endet.
Einen letzten Höhepunkt spart sich die Band bis kurz vor Schluß auf. Wieder so ein gigantisches Doublefeature aus alt und neu: „Freak Like Me“ löst endgültig die Stimmung, gefolgt vom großartigen „Everest“, dem vielleicht stärksten Song aus dem neuen Album. Die Zugabe beschließen HALESTORM mit „Here’s To Us“, „Shiver“ und „I Get Off“, nicht ohne sich davor noch zur allgemeinen Heiterkeit mit kleinen giftgrünen Shots zu stärken – als hätte diese wunderbare Band das nötig. (Frank)
Setlist HALESTORM:
Fallen Star
I Miss The Misery
Love Bites (So Do I)
Watch Out!
Like A Woman Can
Darkness Always Wins
Break In / Beautiful With You
How Will You Remember Me?
Raise Your Horns
I Am the Fire
Familiar Taste Of Poison
Rain Your Blood On Me
Back From The Dead
Freak Like Me
Everest
I Gave You Everything
Here's To Us
Shiver
I Get Off
(Fotos: Frank)
Halestorm + Bloodywood (Fotos: Frank)
