adele 25Kann man das Jahr 2015 besser abschließen als mit einem Review zum wichtigsten, besten und überzeugendsten Album dieses Jahrgangs? In diesem Moment meine ich nein und es gibt tatsächlich auch nur eine einzige Albumveröffentlichung, auf die die eingangs erwähnten drei Attribute voll und ganz zutreffen: „25" von ADELE. Ein Album, auf das man lange warten musste, „21" liegt schließlich bereits fast fünf Jahre zurück, und das trotzdem ganz plötzlich, quasi wie aus dem Nichts, da war. An der Stelle, an welcher andere Künstler monatelange vorher die Werbetrommel rühren würden mit Videos, Interviews etc. geht ADELE den umgekehrten Weg und kündigte „25" fast heimlich, still und leise erst vier Wochen vor Veröffentlichung an.

Und an der Stelle, an der andere Künstler versuchen würden mit unzähligen Versionen, mit Spezial-Editionen und Fan-Editionen das größtmögliche Stück vom Kuchen abzubekommen, macht ADELE ebenfalls genau das Gegenteil, gibt sich bescheiden und stellt alleine ihre Musik in den Fokus. Es gibt die CD, es gibt Vinyl, jeweils 11 Songs und das war es. Wer „25" auf Spotify und anderen offiziellen Streamingdiensten sucht, wird dies zumindest aktuell vergeblich tun, und das ist ein gutes Zeichen im Sinne aller Musikliebhaber. Man hat als außenstehender Betrachter auch aufgrund solcher Entscheidungen das Gefühl, dass ADELE gar nicht im Mittelpunkt stehen möchte und dennoch bleibt ihr gar nichts anderes übrig, denn wer mit „21" das bis dato erfolgreichste Album des 21. Jahrhunderts abgeliefert hat, der wird automatisch in allen Bereichen ganz genau unter die Lupe genommen.

Im Grunde genommen ist diese gesamte Erkenntnis wunderlich und wunderbar zugleich, denn nach einem nahezu perfekten Album wie „21" kann es qualitativ und emotional nur noch den Weg nach unten geben, doch ADELE benötigt nur ein einziges Wort und man ist als Hörer hin und weg und bereits nach ein paar Sekunden ist man sich sicher, dass auch „25" eine Faszination haben wird, die einen lange vereinnahmen, beschäftigen und herausfordern wird.
„Hello"!
An der Stelle, wo andere Künstler minutenlange Intros benötigen, braucht ADELE gerade einmal ein einziges Wort! Hätte man sich einen besseren Opener vorstellen können, eine bessere Vorabsingle als „Hello"? Nein, die Welt ist in Ordnung.

Ganz kurze Zweifel kommen einem im Laufe der 48 Minuten Spielzeit lediglich bei „Send My Love (To Your New Lover)", das ADELE zusammen mit Max Martin und Shellback geschrieben hat, die sich beide vorrangig in seelenloser Radio Popmusik austoben, und in der Tat hinterlässt dieser Song, einen überproduzierten Eindruck. Etwas, was so gar nicht zum Rest des Werkes passen will, denn ADELE legte auch dieses Mal wieder großen Wert darauf, dass echte Instrumente und echte Musiker den Gesamtsound prägen und so kommt man nicht umher, anzuerkennen, dass „25" trotz verschiedener Co-Songwriter, verschiedener Musiker und verschiedener Studios wie aus einem Guss klingt und was noch wichtiger ist, über einen natürlichen Klang verfügt, so dass die Seele der Musik zum Greifen nahe ist.

Die Songs tun darüber hinaus das Übrige, um „25" guten Gewissens über den grünen Klee loben zu dürfen, denn ADELE beweist erneut, dass sie ein gutes Händchen und ein gutes Näschen dabei hat, Songs zu schreiben. Dabei entpuppt sich „25" zwar bis zu einem gewissen Maße als vorhersehbar, weil ADELE abgesehen vom bereits erwähnten „Send My Love (To Your New Lover)" auf Experimente verzichtet. Neben den obligatorischen Piano- oder Akustikballaden, die die Hälfte des Albums ausmachen, findet man auf „25" mit „I Miss You" aber auch ein recht rockiges Stück und mit dem famosen „River Lea" eine überraschend düstere Nummer. Bei „Love In The Dark" bekommt die britische Sängerin Unterstützung von einem Orchester, auch das ist wenig sensationell, interessant ist vielmehr, dass ADELE zum Glück darauf verzichtet in diesem Zusammenhang den totalen Soundoverkill zu erschaffen. Manchmal reicht einfach eine tolle Melodie aus und alles ist wunderbar.

Besonders beeindruckend erweist sich bei „25" wie bei seinen beiden älteren Schwestern („19", „21") dadurch, dass es ADELE schafft gegen Ende des Albums, also da wo andere die Songs hinsetzen, von denen man am wenigstens überzeugt ist, nochmals dicke Ausrufezeichen zu setzen. Bei „19" waren es „My Same" und vor allem die Ode an ihre Heimatstadt „Hometown Glory", die im letzten Albumdrittel nochmals herausragten. Bei „21" waren es die drei Balladen „One And Only", „Lovesong" (das THE CURE Cover) sowie die Übernummer „Someone Like You", welche die Gänsehaut nochmals intensivierten. Und ja, es mag vermutlich tausende von Sängerinnen geben, die „Someone Like You" fantastisch singen können, aber es gibt realistisch betrachtet nur eine einzige, die dazu das Recht hat und den Song voller Leidenschaft singen kann, weil sie es geschrieben hat.
Bei „25" sind es nun die minimalistisch arrangierte Akustikballade „Million Years Ago", die wie ein Cover aus den Sechzigern klingt, aber eine Eigenkomposition von ADELE ist, das ebenfalls reduzierte „All I Ask" sowie als Albumabschluss das wieder fetzigere „Sweetest Devotion", das Raum für Interpretationen zulässt und vermutlich für ADELE ähnlich wie „Hometown Glory" und „Someone Like You" ein ganz besonderes Stück darstellt.

Allzu häufig ist es der Fall, dass man bei sehr hohen Erwartungen enttäuscht wird, hier ist genau das Gegenteil der Fall, ADELE liefert mit „25" ein Album ab, das sich nahezu auf Augenhöhe mit „21" bewegt, eines von ganz wenigen Album aus dem „Pop" Genre, vielleicht sogar das einzige, das, nach welcher Lesart auch immer, sich eine Maximalbewertung verdient, nein zwingend erfordert. Danke für elf fantastische Songs und ein Album, das mich die nächsten Jahre stetig begleiten wird bis irgendwann „28" oder „29" erscheinen wird. (Maik)

Bewertung: 9,5 / 10

Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 48:30 min
Label: XL Recordings
Veröffentlichungstermin: 20.11.2015

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