angra secretgardenRedet man über Sportler, dann fällt häufig ein Satz wie, „er/sie hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, um aufzuhören". Diesen Satz kann man inhaltlich problemlos auch auf Bands und Künstler übertragen. Eine Band, für die diese Aussage zutreffend zu sein scheint, sind ANGRA. Die Glanzzeiten dieser Band liegen bereits weit zurück, „Angels Cry" (1993) und „Holy Land" (1996) um genau zu sein, spätestens nach „Fireworks" (1998) und dem daraufhin folgenden internen Krach mit dem Ausstieg von gleich drei Mitgliedern und dem Bandableger SHAMAN, der ebenfalls nicht von langer Dauer war, schien die Luft raus zu sein. Mit „Rebirth" und neuem Sänger Eduardo Falaschi sollte so etwas wie ein Neustart gelingen, aber alles, was seither geschah, kann man eigentlich unter den Tisch kehren, größere Aufmerksamkeit hat man zumindest in Europa für sein Schaffen nicht mehr bekommen.

Nach mehrjähriger Pause starten ANGRA nun so etwas wie ein zweites Comeback, eigentlich hätte man erwartet, dass man hierzu wieder Andre Matos ausbuddelt, ein hervorragender Sänger, der sich in der letzten Dekade irgendwie etwas verrannt hat, stattdessen präsentiert man mit Fabio Lione jemanden als neuen hauptamtlichen Sänger, der auch bereits bessere Zeiten hinter sich hat. Diesen als neues Bandmitglied vorzustellen, ist dabei eine nicht ganz ungefährliche Sache. Klar, der Kerl ist prädestiniert für eine melodische Power Metal Kapelle wie ANGRA, auf der anderen Seite durch RHAPSODY aber verbraucht und gebrandmarkt, also wirklich die beste Lösung für das zweite Comeback?
Den Opener der neuen Platte „Secret Garden" nennt man „Newborn Me", man kann Pragmatismus auch überstrapazieren, ein sehr abwechslungsreich inszeniertes Stück, das gut den Weg vorgibt für die ANGRA der Jahre 2014 und 2015. Den hochmelodischen Melodic Metal hat man größtenteils hinter sich gelassen, man klingt auf dem kompletten neuen Studioalbum moderner, progressiver und bombastischer. Für letzteres sorgen unter anderem diverse „Gäste" und Chöre, das geht dann sogar so weit, dass man bei „Black Hearted Soul" wie RHAPSODY anno 2000 klingt. Für die ersten beiden Faktoren sorgt die Band selber, indem sie eben deutlich vertrackter zu Werke geht, dabei zitiert man teilweise etwas zu sehr DREAM THEATER („Final Light", „Upper Levels") bzw. indem sie Jens Bogren als Produzenten engagierte, der bekanntermaßen für einen modernen Stil steht.

„Secret Garden" klingt von daher nicht wie eine Produktion nach dem Schema „früher war alles besser", so richtig nach einer eingespielten Band klingt das hier aber auch nicht, sondern mehr nach einem Bandprojekt. Gäste sind an und für sich nichts Außergewöhnliches, aber wenn das Highlight der Platte das Titelstück ist, das komplett von Simone Simmons (EPICA) eingesungen wird und demnach mehr nach EPICA als nach ANGRA klingt, spricht das dann für die Band? Ähnliches kann man festhalten für das THE POLICE Cover „Synchronicity II", das textlich ziemlich aus dem Rahmen fällt, ansonsten aber gut umgesetzt wurde, wobei ich mich frage, wer singt da? Hört sich teilweise sehr nach Nils Patrik Johansson an, auch wenn dieser nicht als einer der Gäste aufgeführt ist. Dafür darf als weitere weibliche Nebendarstellerin noch Doro Pesch mitwirken, hat eigentlich irgendjemand einem Überblick, wie und wo der weibliche Udo Dirkschneider bereits überall als Gast aufgetreten ist? Auch "Crushing Room" gehört zu den besseren Stücken des Albums, dafür klingt mir die abschließende Ballade "Silent Call" viel zu sehr nach einer Michael Kiske Nummer. Man kann es auch so sagen, vorne steht ANGRA drauf, aber drin ist gefühlt nur zu einem Teil ANGRA.

Ich vertrete nach wie vor die eingangs gemachte Aussage, dass wir nicht viel verpasst hätten, wenn sich die Brasilianer um die Jahrtausendwende aufgelöst hätten, was nicht die durchaus vorhandene Qualität von „Secret Garden" schmählern soll. Das Album hat richtig gute Momente und Songs aufzubieten, einige wurden bereits erwähnt, mir persönlich fehlen der rote Faden und ein durchgängig hohes Niveau. Hören kann man „Secret Garden" trotzdem gut und wie nicht anders zu erwarten wird das Album mit mehrmaligem Hören runder und besser, deshalb sind 7,5 Punkte eine faire Schlussbetrachtung. (Maik)


Bewertung: 7,5 / 10

Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 54:05 min
Label: earMusic/Edel
Veröffentlichungstermin: 16.01.2015

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Annes Avatar
Anne antwortete auf das Thema: #15882 2 Jahre 9 Monate her
Und witzigerweise machte Fabio Lione auch bei KAMELOT eine gute Figur. Ich muß dem Maik da mal vehement widersprechen, wenn er behauptet, daß der schon bessere Zeiten gesehen hätte.
Klar, Rhapsody sind nicht mehr so groß wie seinerzeit. Aber Fabio Lione ist und bleibt ein großartiger Sänger, der mich mit der letzten VISION DIVINE echt beeindrucken konnte. Bei KAMELOT gefiel er mir auch besser als der olle Khan und auch bei HALLOW HAZE hat er mir gefallen (man merkt kaum, daß ich den mag, oder?)
Pfaelzers Avatar
Pfaelzer antwortete auf das Thema: #15878 2 Jahre 9 Monate her
Witzigerweise waren ANGRA 1996 mit VIRGIN STEELE auf Tour, zu der eigentlich noch KAMELOT hätten stoßen sollen. Die sagten wegen interner Streitigkeiten ab und wurden von SUPERIOR ersetzt, ANGRA galten damals als die großen Hoffnungsträger. Am Ende der Geschichte überholten KAMELOT mit neuem Line-Up alle Bands.
Anonyms Avatar
Anonym antwortete auf das Thema: #15875 2 Jahre 9 Monate her
Nun waren Angra meines Wissens nach auch zu "Angels Cry" und "Holy Land" Zeiten nicht sonderlich erfolgreich in Europa, mit Ausnahme von Frankreich.

Der Rest ist Geschmackssache. Ich mag besonders Temple of Shadows sehr gerne und das scheinen auch andere so zu sehen. Nicht selten habe ich davon gelesen, dass sie es als ihr Lieblingsalbum bezeichen.

Was André betrifft: Er will eben nicht mehr mit Angra musizieren. Nicht für ein Album und auch nicht live zum 20 Jährigen Bestehen von Angels Cry. André ist einer meiner Lieblingssänger, aber auch Edu und nun Fabio + Rafael haben es drauf (und klingel v.a. nicht wie simple Kopien).

Wo wir uns wohl einig sind ist, dass Angra doch einiges an Wiedererkennungswert eingebüßt haben. Black hearted soul mag dabei zwar auch zu Rhapsody passen ist aber m.E. mehr ein Selbstzitat vom Rebirth Album. Der Eingangstrack hat mich interessanterweise an Kamelot erinnert, zumindest was den Anfang betrifft

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