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Das Besondere an diesen Umsetzungen ist es ja, die Geschichte heraus zu lesen, was mir persönlich schon schwer fällt und dann noch erklärende Spielszenen dazu zu schreiben. Das ist mitunter schwerer, als sich eine Geschichte und die Musik komplett selbst auszudenken, aber Yannick Trampert meisterte diese erst Hürde mit Bravour, so dass das Thema verständlich rüber kam. Immer wieder mischten sich Spielszenen zwischen die Musik, die Rollen fielen den angestammten Schauspielern sowie den Sängern gleichermaßen zu.
Hier war sofort zu beobachten wie sich gerade die ungeübten Sänger im Gegensatz zum letzten Stück deutlich steigerten, Svenja Trampert beispielsweise wirkte viel sicherer, was der Homogenität der Ensembles zu Gute kam. Natürlich darf man sich nicht am Original der Platte orientieren, dass man die dort vertretenen Größen wie Jorn Lande und Bob Catley nicht erreicht, sollte klar sein. Noch stärker als die Sologesänge waren die Duette und Satzgesänge, die sehr gut auf den Punkt kamen, was auch zeigt wieviel Arbeit und Herzblut hier investiert wurde.

Die gestandenen Sänger und Sängerinnen mit Bühnenerfahrung wie Martin Klein, Ilka Simon oder Rubina Amaranth reißen die Schauspieler mit und umgekehrt lernen diese viel in Sachen Gestik und Mimik. Wobei das mit der Mimik so eine Sache war, denn die tragenden Rollen der "Forever" vom fernen Planeten Y verfügen über keinerlei Emotionen mehr, weswegen alle möglichst stoisch dreinblicken mussten. Für manche keine leichte Übung, doch es unterstrich die latent bedrohliche Atmosphäre, welche die Musik transportierte. Die war düsterer und eben auch mechanischer als beim rockigen, teils folkigen Vorgänger. Zum Stampftakt der Maschinen mussten sich die Schauspieler teils recht sonderbar verrenken, was aber auch Anleihen beim modernen Ausdruckstanz beinhaltete.

Bei der musikalischen Umsetzung gab es ebenfalls nichts zu bemängeln, außer vielleicht, dass man nicht auf Samples verzichten konnte. Es ist ohnehin schon schwer die Noten heraus zu lesen, aber die Sequenzerspuren sind live nicht reproduzierbar. Der gute Arjen musste ja seinerzeit beim Komponieren nicht auf die Bühnentauglichkeit seiner Lieder achten, da diese ursprünglich gar nicht dafür gedacht waren. Nachdem Fabian Görges studiumsbedingt nicht mit von der Partie war, übernahmen Schlagzeuger Alexander Meyer und Violinistin Julia Neumann die musikalische Leitung. Letztere ist von DUO ESPRESSI bekannt, welches ja weit abseits des Metal agiert. Bei ihrer Partnerin Eva Distler war beim tollen Klavierspiel deutlich der klassische Hintergrund zu erkennen.

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Erschwert wurde die Aufgabe der Musiker dadurch, dass auch sie in die Rollen von "Forever" schlüpfen musste, und daher auch emotionslos wirken mussten. Durften die Herrschaften beim letzten Mal ab und an in die vordere Reihe, so war nun möglichst bewegungsfreies Zocken angesagt. Wer Gernot Gebhard in seinen Bands auf der Bühne gesehen hat, der weiß, wie gerne er seine lange Matte schwenkt, das durfte er lediglich bei der Schlussverbeugung. Trotz der verschiedenen musikalischen Lager harmonierten alle Musiker sehr gut und brachten die Songs sehr tight rüber, was die Atmosphäre noch dichter werden ließ. Sicherlich lag die Konzentration auf exaktem Nachspielen, was die eigenen Musikeremotionen etwas in den Hintergrund drängte, doch hier passte das eben perfekt in den Rahmen.

Ein wenig war ich ja beunruhigt, ob diese Science-Fiction-Geschichte ähnliche Emotionen beim Zuschauer auslösen könne wie die persönlichere von „The Human Equation“. Doch die Zukunftsvisionen dienen nur als Vehikel, um die Geschichte zu unterbauen, vielmehr ist es eine Dystopie, die existenzielle Fragen stellt. Und vor allem ist „01011001“ ein klares Plädoyer gegen den Krieg und jede Art von zu übertriebener Autorität. Gerade der Schrecken des Krieges wurde mit großflächigen Projektionen und auch dem Spiel ziemlich drastisch heraus gearbeitet. Ebenso deutlich spürte der Zuschauer die Machtlosigkeit der Menschen, das drohende Unheil zu verhindern und dieses Empfinden der Bedrohung ist auch eine Emotion.
Dazu kann man auch Verzweiflung zählen, Verzweiflung darüber, dass die Emotionen irgendwann abhanden gekommen sind. Diese war in der sehr konzentrierten Darstellung der Forever dennoch zu spüren, das war ein großer Verdienst an dieser Aufführung. Sicherlich wünscht sich jeder eine Welt ohne Schmerz, Tod und Trauer, doch wenn es in dieser nichts Schönes gäbe, keine Liebe, keine Freiheit, wer will allen Ernstes darin leben? Das Stück ist auch eine Ode an die Menschlichkeit mit all ihren Schwächen und Fehlern, die aber dennoch so viel zu geben im Stande ist. Immer wieder wurde dieser Zwist thematisiert, was auch zum inneren Zwiespalt der Außerirdischen wurde.

Natürlich müssen die Menschen lernen zu verstehen, miteinander zu leben, ohne dass Streit in Hass und Gewalt eskaliert. Und vielleicht braucht unsere Spezies dazu wirklich Hilfe. Diese Metaloper war aber auch eine klare Aufforderung zu seinen Zielen und seinen Träumen zu stehen, wie abwegig sie auch sein mögen. Wenn man wirklich von etwas überzeugt ist, lohnt es sich dafür zu kämpfen, auch wenn man von überall Gegenwind bekommt. Irgendwo da draußen ist jemand, der einem glaubt, und wenn der hundertste Affe irgendwann die Wahrheit glaubt, dann kann sie auch jeder glauben. Nur so konnte die Menschheit voran kommen, sonst lebten wir heute noch auf einer Scheibe. Mit diesem philosophischen Ansatz, dass jeder einzelne die Welt verändern kann, erinnert Meister Lucassen in Teilen an das geniale „Cloud Atlas“.

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Dem Theater Der Härteren Klangart ist es in beeindruckender Weise gelungen, diese Geschichte greifbar und bewegend auf die Bühne zu bringen. Ja, da waren sie wieder die Gänsehautmomente beim wuchtigen Finale "The Sixth Extinction" oder dem mitsingkompatiblen "Ride The Comet". Wenn man sieht, dass alle Akteure das als Hobby betreiben, ist das eine unglaubliche Leistung. Daher waren die minutenlangen Ovationen am Ende mehr als verdient, hier wurde aus der Tonkunst ganz große Kunst geschaffen. Die Veranstaltung hätte mit Sicherheit ein paar mehr Zuschauer als die knapp 300 an jedem Abend. Gerade Metalfans, die immer die mangelnde Akzeptanz ihrer Musik beklagen, sollten die Sache unterstützen, denn hier wird deutlich, was aus dem Thema heraus zu holen ist. Dieses Ensemble ist weit über die Grenzen des Saarlandes hinaus einmalig, weswegen der Verfasser dieser Zeilen die nächste Aufführung nicht abwarten kann und auf eine eventuelle Wiederholung hofft. (Pfälzer)

 

 

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