live 20151017 0106 jessymartensDerzeit erfreut sich der gute alte Blues wieder großer Beliebtheit. Kein Wunder, sind den Musikfreunden die vielen glatt polierten Produktionen und Kompositionsstangenware längst zu wider, so dass man der archaischsten aller Rockspielarten frönt. Fähige Acts schießen derzeit überall aus dem Boden, auch hierzulande gibt es genügend Nachwuchs, die sich wieder dem Blues verbunden fühlen. Am stärksten hat sich da in den letzten Jahren JESSY MARTENS bemerkbar gemacht, die bereits mit vielen Preisen wie dem German Blues Award überhäuft wurde. Das machte natürlich nach der starken Liveplatte „Touch My Blues Away" neugierig auf eine Show der Dame. Kaum ein Club scheint dazu besser geeignet als der Ducsaal in Freudenburg, in welchem der Blues auch in schwierigen Zeiten immer eine Heimat fand.

Hier im saarländisch-pfälzischen Grenzland scheint die Zeit ein wenig still zu stehen, das urige Ambiente wirkt sehr einladend und bietet eine hohe Intimität bei den Konzerten. Da wirkt das Erscheinungsbild der in schwarz und weiß gekleideten Musiker schon deutlich zeitgemäßer. Mit lässiger Krawatte, viel Bart und noch lässigeren Partyhüten kamen die Herren recht stylisch rüber. Am Ende gesellte sich noch die Frontfrau dazu, welche an dem Abend auf das kleine Schwarze setzte. Nun gut, das kleine Schwarze ist schon ein Statement, das passt nicht immer.

Der warme Empfang des Publikums ließ dann auch direkt jegliche Scheu verschwinden, und die Band stieg mit viel Elan in ihr Set ein. Sofort zeigte sich, wie gut die Truppe aufeinander eingespielt ist, so konnten sie ihrer Sängerin ein druckvolles und dichtes Fundament unter ihre Stimme legen. Und die wird den Vorschusslorbeeren vollauf gerecht, denn JESSY MARTENS hat ein unglaubliches Gespür für die Emotionen ihrer Songs. Dabei ist es ihr hoch anzurechen, dass sie zumeist auf eigenes Material setzt, gerade im Blues wird selbst auf Studioalben viel gecovert.
Und auf dieses kann sich der Fünfer verlassen, sei es das sich steigernde Titelstück der aktuellen Scheibe, das rockige „Strange" am Ende des regulären Sets oder auch „You´re Not The One I Need" und die Ballade „My Love" können überzeugen. Glanzpunkt ist natürlich das nur mit Piano begleitete „Human Nature" zu Beginn des zweiten Sets, in dem sie die ganze Kraft ihrer Stimme unter Beweis stellen kann. Übliche Klassiker wie „You Can Leave Your Hat On" werden nur kurz während der Improvisationen angespielt.

In denen bieten dann auch die vier Instrumentalisten ihr ganzes Können auf, lässig spielen sie sich die einzelnen Parts zu, variieren geschickt das Tempo. Die Rhythmusfraktion um die Christians, Adameit am Bass und Kolf hinter Drumkit gibt sehr akzentuiert den Takt vor. Dirk Czuya sorgt mit seiner Gibson für die rockigen Töne, die sich allerdings sehr gepflegt der emotionalen Grundstimmung unterordnen. Als Star des Ensembles lässt sich in meinen Augen Keyboarder Markus Schröder ausmachen, dessen virtuoses Spiel heraus sticht. Mit seiner Hammond sorgt er für feinfühlige Untermalung und druckvolle Harmonien, seine absolute Stärke ist am Piano, auf dem er immer wieder einen großartigen jazzigen Background unter Beweis stellt.

Und die junge Dame im kleinen Schwarzen? In dem steckt ein kleines Energiebündel, welches ihr Kleid schier zu sprengen droht, was aber auch ihre weiblichen Proportionen tun könnten. Die Dynamik, welche ihre Band aufzubauen wusste, konnte sie mit ihrer Stimme locker überbieten. Sie beherrschte jede Stimmlage, von zartem Säuseln, emotionaler Tiefe, laszivem Croonen bis hin zur typischen Soulstimme und Rockröhre. Gerade in den ruhigen Momenten, wenn sich die Band ganz zurück nahm, konnte sie mit ihrem Organ den Raum alleine ohne Mikro füllen.
Doch wehe, wenn sie losgelassen! Selten war ein Spruch so angebracht wie bei ihr, wenn die emotionalen Ausbrüche kamen. Wie ein Furie sprang sie über die Bühne, fauchte, schrie und wimmerte, manches Mal schien es fast, als würde sie komplett die Kontrolle verlieren oder anfangen zu weinen. Nur selten hat man eine Performerin erlebt, die ihre Kompositionen so mitlebt. Frau Martens hat wahrlich den Blues, man spürt es mit jedem Atemzug bei ihr, diese Momente wurden vom Publikum lautstark gefeiert.

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Nur ab und an ging dann ihr Temperament mit ihr durch, vor allem bei den Ansagen, mit denen sie sich schwerer tat als bei ihrem gesanglichen Vortrag. Da kam oft ihre nordische Ader zum Vorschein, die einfach geradeaus sagt, was sie denkt, gerne mal zu gerade. Friesisch herb könnte man der Hamburgerin fast unterstellen, denn ihre Aussagen waren schon recht kernig. Manchmal driftete Fräulein Martens zu sehr ins Vulgäre oder Alberne ab, so dass man Probleme hatte, ihre Versuche sexy zu wirken abzunehmen. Da wurden die Mitmusiker dem weiblichen Publikum als Schnuckelchen feil geboten oder ein Lied einem Arschloch gewidmet. Tut so was eine Dame im kleinen Schwarzen?

Auch die vorderen Reihen waren immer wieder Opfer ihrer Späße, davon kann der Verfasser dieser Zeilen ein Lied singen. Dieser hat ja mit jedem Spruch gerechnet, nur nicht damit, dass er aufhören zu fotografieren und mitmachen soll. Wer ihn kennt, weiß dass der Mann gerne voll dabei ist und sich auch mal über Knipser mokiert, doch Job ist Job. Keine Ahnung wie perplex er da aus der Wäsche geschaut hat, vermutlich wie ein Auto? Denn wer ihn kennt, weiß auch, dass der Mensch nie um eine Antwort verlegen ist, doch Sie hat ihn echt sprachlos gemacht. Aber zum Glück war der Herr vor Ort, um der Welt zu erzählen, dass die gute Jessy schon ein sehr böses Mädchen ist.

Nein, das passte so gar nicht ins kleine Schwarze, die Jeans, das zerschlissene Shirt und die Lederjacke mancher Promofotos hätten da besser gestanden. Denn das war erst der Anfang, im zweiten Teil ihrer 130 Minuten mischte sie sich unter das Publikum und flirtete nur wenig subtil die Männer auf der Suche nach einem Duettpartner an. Dabei spielte sie sogar zwei gegeneinander aus, hatte dabei die Lacher auf ihrer Seite.
Ja, man muss das kleine Mädel mit der großen Schnauze irgendwo gern haben. Ehrlich zugegeben, habe ich seit dem SAMMY HAGAR-Gig 2005 nicht mehr so auf einem Konzert gelacht. Ihr Humor war sehr trocken und garantiert nicht politisch korrekt. Sie konnte es sich als Frau aber erlauben, Männer würden bei so Sprüchen wieder als sexistisch von den Medien durchs Dorf getrieben. Und mit dieser Freiheit kokettierte sie gerne.

Doch welche Seite von JESSY MARTENS ist echt? Ich entscheide mich eindeutig für die beseelte Blueserin, denn diese ganze offensive Art soll auch eine gewisse Selbstsicherheit signalisieren. Hinter der empfindsamen Künstlerseele sah ich auch eine gewisse Verunsicherung. Eine Verunsicherung, die spürbar wurde, wenn sich ihre Mitstreiter austobten, und sie sich gerne mal hinter ihnen versteckte. Als der fast zwei Köpfe größere Czuya ein Solo zum Besten gab, schaute Martens wie bewundernd zu ihm auf, wobei sie irgendwie süß wirkte. Das war nicht gespielt, das war echte Begeisterung für jenen Beitrag ihrer Band.

In „Break The Curse" singt sie vom Ausbruch und davon mal wieder Kind zu sein, sie befolgt ihre eigenen Worte und lebt sich ohne Hemmungen aus. Um Konventionen schert sich die Dame nicht allzu viel, was allerdings ungemein erfrischend rüber kommt. Man sagt, der Blues sei wie das Leben, und JESSY MARTENS offenbart alle Facetten des Lebens. Ihre Ausdruckskraft ist umwerfend, wenn sie sich darauf konzentriert. Großartig, wie sie mit erhobenem Zeigefinger über die Bühne wirbelte und dabei ARETHA FRANKLIN in der Hähnchenbude bei den Blues Brothers verdächtig nahe kam. Alleine zu so einem Vergleich heran gezogen zu werden, zeigt ihr Potential. Die Frau ist ein Vulkan, ein Ereignis, das man gesehen haben muss. (Pfälzer)

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