TheWhoLivePosterÜber Relevanz und Größe einer Band lässt sich ja immer trefflich streiten, zumal Geschichte erst im Nachhinein erzählt wird und so mancher Star in der Versenkung verschwunden ist. Dass allerdings dieses britische Flaggschiff zu den ganz Großen der Musikgeschichte zählt ist unbestritten. Von simplen, energischen Sixties-Hits hin zu einer der innovativsten Formationen, welche das Genre der Rockoper quasi im Alleingang aus der Taufe hob, habe THE WHO überall ihre Spuren hinterlassen. Dieses Konglomerat aus vier absoluten Ausnahmekönnern schuf Meilensteine wie "Who´s Next" oder "Quadrophenia". Seit Beginn der Achtziger, kurz nach dem viel zu frühen Tod von Drummer Keith Moon kochte die Truppe nur noch auf Sparflamme, im Studio gab es nur noch den Rohrkrepierer "Endless Wire" von 2006. Doch der Legende tat dies keinen Abbruch, immer wieder zog man mit einem Tourzirkus um den Globus. In Deutschland gastierte man zuletzt vor neun Jahren, nun gab es endlich wieder zwei Dates, welche in die ganz großen Hallen führen sollten. Unsere Redaktion begab sich zur Gebetsstunde nach Oberhausen, wo auch die recht unbekannten SLYDIGS mitmischen durften.

SLYDIGS
Es ist nicht gerade einfach etwas über jene Combo in Erfahrung zu bringen, selbst bei den einschlägigen Netzquellen herrscht Schweigen. Zum Glück wurde ich von deren Promofirma darauf aufmerksam gemacht, wodurch ich wenigstens ein paar Sachen vorab einhören konnte. Die gefielen ebenso wie das Auftreten der Vier, die sich sehr stylisch und dennoch mit britischem Understatement in Schale geworfen haben. Besonders cool ragte der Schlapphut von Bassist Ben Berslin heraus, während sich Schlagzeuger Peter Fleming anscheinend mit unserer Redaktion abgesprochen hatte. Frontmann Dean Fairhurst hingegen war wie viele auf der Insel frisurentechnisch bei OASIS stehen geblieben.

Und so weit weg lag man da musikalisch nicht, denn deren Melodien schienen immer wieder durch oder soll ich eher sagen, die der BEATLES? Im Gegensatz zu vielen Retrorockern sind sie weit mehr in den Sechzigern denn den Siebzigern beheimatet, Querverweise beim Hauptact nicht ausgeschlossen. Man könnte jetzt sagen, sie verhalten sich zu den Fab Four wie RIVAL SONS zu LED ZEPPELIN. Wobei diese Fuzzgitarren schon gerne auch von den Jungs aus Long Beach benutzt werden.
Die wurden an dem Abend von Luis Menguy raus gehauen und sorgten sofort für Schwung, auch wenn sich der Bewegungsdrang im Publikum merklich zurück hielt. In kleinen Clubs könnte so etwas schön in die Beine gehen. In die Beine oder besser Knie ging auch der Mann an den sechs elektrischen Saiten, sein Sänger unterstütze ihn oft auf der Klampfe. Sein Acting war schon etwas außergewöhnlich, die Gitarre hing sehr hoch wie bei einem Progmeister, und diese ständigen Kniebeugen sah ich im Laufe der Nacht noch in einer Sportsbar nebenan bei Angelique Kerber.
Dabei war er nicht unbedingt die treibende Kraft im Rhythmusgefüge, diese Art verstehen auch die BLUES PILLS, Berslin bearbeitete den Rickenbacker ähnlich wie Zack Anderson. Menguy setzte mehr auf clever eingestreute Leadtöne, die sehr spontan schienen und so eine gewisse Lockerheit versprühten. Hinten gingen dem guten Peter gängige Schemen auch eher ab, sondern lies die Stöcke unentwegt kreisen. Gerade diese schnellen Attacken auf der Snare hat man so noch nicht oft gehört, bei den Breaks orientierte er sich mehr nach innen.

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Doch im Retrodschungel muss man sich heutzutage schon etwas einfallen lassen, um aus der Masse heraus zu stechen, die SLYDIGS könnten das durchaus. An dem Abend haben sie ihre Möglichkeiten genutzt, um bei klarem Sound und voller Halle, viele neue Interessenten hungrig zu machen. Das fiel ihnen nicht schwer, denn Tracks wie "Easy Solution" oder "The Bitter End" rockten zu Beginn direkt los und zeigte die Band sehr tight und spielfreudig, auch wenn die Ehrfurcht größere Ausflüge auf den Brettern verhinderte. Als dann mit "The Truth Will Be Found" ein ruhigeres Stück angekündigt wurde, dachte jeder an eine Standardballade, doch weit gefehlt. Ein melancholischer Song mit viel Leadeinsatz auf der alten Gibson zählte zu den Höhepunkten. Eine weitere Ballade, "To Catch A Fading Light" verbreitete feines Hippieflair. Bei diesem und ein paar anderen Tracks wurde das Quartett noch von einem zusätzlichen Musiker, wahlweise an Tasten oder der Akustischen, unterstützt. So auch bei dem Pianotönen des rock´n´rolligen "Stiff Upper Lip".

England muss sich sicher keine Gedanken, um die Zukunft seiner Gitarrenbands machen, die SLYDIGS verbinden klassischen Rock wunderbar mit Britpop und konnten so am Ende viel Beifall einfahren. Auch das sympathische, unprätentiöse Auftreten trug dazu bei, dass man sich an dem Abend ein paar neue Freunde machte. Ob man allerdings mit dem Headliner so gut befreundet ist, bezweifle ich. Es war schon ein wenig dürftig, was die Jungs an Sound und Licht abbekamen. Zumeist war es sehr dunkel auf der Bühne, eine halbe Reihe Scheinwerfer reicht in der König-Pilsener-Arena nicht und auch wenn sehr gut ausgesteuert, konnte man sich locker unterhalten. So etwas gab es in den Achtzigern und sollte eigentlich der Vergangenheit angehören, zumal es die Legende schlicht nicht nötig hat, sie weiß um ihre Machtstellung.

THE WHO
Das schürte natürlich auch Ängste beim Publikum, dass die Hinweise auf die Lautstärke nur Vorgaben der Versicherungen waren. Als dann aber die ersten Töne durch die Halle klangen, war der beim Ausgehen des Lichtes aufbrandende Jubel schnell übertönt. Da saß ich da oben und dachte, was zur Hölle das sei. Ich habe ja so einiges erlebt, vielleicht auch schon einmal einen besseren Sound. Das lässt sich mit Abstand halt nur schlecht vergleichen, aber was da durch die Lauscher gespült wurde, war einfach absolute Perfektion.
Die Lautstärke füllte das weite Halboval, jeder Ton war einzeln vernehmbar, selbst in den sphärischen Passagen mit drei Keyboardern. Nichts klang übersteuert, alles kristallklar wie ein Quellbach in den Alpen. Die wuchtigen Harmonien der "Quadrophenia"-Tracks bliesen einen schier weg, doch wenn dann Gitarrengott Townsend nur zu ein paar Akkorden ansetzte, durchschnitten diese die Soundwand und krachten direkt in Herz und Bauch.

Natürlich kann man mit einem guten Sound einiges kaschieren und nicht wenige waren gespannt, in welcher Form sich die beiden noch lebenden Urgesteine präsentieren würden. Um es vorweg zu nehmen, es musste nichts kaschiert werden, schon beim Entern der Bühne wirkten Roger Daltrey und Pete Townsend keineswegs wie zwei Herren über fünfzig. Lässig, mit Elan, cool mit Sonnenbrillen schien die Zeit an ihnen vorbei gegangen zu sein. Und als dann Daltrey losröhrte, war die alte Passion wieder zu spüren, er traf die Töne, und das sauber, ohne nur ansatzweise gequält zu wirken. Selbst den Urschrei beim unverzichtbaren Schlusspunkt brachte er überzeugend rüber, ähnlich wie seine Rockgott-Posen und das Schleudern des Mikros am Kabel.
Wirbeln tat auch sein alter Weggefährte Townsend und zwar in seinem immer noch sensationellen Windmühlenstil. Schon alleine vom Gestus fühlte man sich an die glorreichen Zeiten dieser Formation erinnert. Doch der Mann an den sechs Saiten, wäre nicht vom Rolling Stone auf Platz acht der besten Gitarristen aller Zeiten gewählt worden, wenn er nicht eine ganze Reihe großartiger Licks im Köcher hätte. Ob als Untermalung bei den orchestralen Stücken, lässigen Rockabillyriffs bei den alten Hits, großen, wuchtigen Akkorden oder ebenso variablen Soli, er entpuppte sich als Meister seines Faches mit einem unverkennbaren melodischen Ton.

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Doch nicht nur die beiden spielten brillant auf, hinten gab der mittlerweile etablierte Zak Starkey den Takt vor und brachte dabei die größte Energieleistung. Wie ein Berserker bearbeitete er sein Kit, besonders wenn die rock´n´rollige Attitüde die Szenerie bestimmte. Seit ein paar Jahren ist auch Townsends Bruder Simon an der zweiten Gitarre mit an Bord, verhält sich aber eher unauffällig. Pino Palladino hingegen brachte die Basslinien des unerreichten John Entwistle zwar ebenso ruhig vom Stageacting her, aber mit einer Tiefe, die "The Ox" zu Ehren gereicht hätte. Um die großen Arrangements der Rockopern richtig in Szene zu setzen, wurden gleich drei Keyboarder mit auf Tour genommen.
Neben dem seit 1979 mitwirkenden John Bundrick war vor allem Jon Carin zu erwähnen, der genau wie auch Bundrick schon im PINK FLOYD-Kosmos tätig wär. Also die richtigen Kräfte, wenn es darum geht, einen ganz dichten Klangteppich zu weben und die Arena damit komplett zuzudecken. So bekamen die beiden Blöcke aus den Doppelalben die nötige Größe, um entsprechend zu wirken. Was am meisten faszinierte, war aber das Zusammenspiel, welches ebenso auf den Punkt kam wie der Sound. Kann man stimmliche Schwächen noch glattbügeln, so würde in einem solch perfekt abgestimmten Mix jeder falsche Ton sofort entlarvt werden. Doch was sich hier bot, war schlicht phänomenal, selbst die mehrstimmigen Gesänge waren so exakt, dass man seinen Ohren nicht traute.

Darüber hinaus folgte die Setlist einer gewissen Dramaturgie, zunächst gab es eine Reihe Hits, wobei einige Standards früh verbraten wurden. Doch THE WHO können sich das erlauben, ebenso wie "The Seeker" oder "Magic Bus" außen vor zu lassen. Stattdessen gab es ein paar selten gespielte Kracher, die dankend von der lauten Menge angenommen wurden. So ab der Mitte gab es zuerst einen Strauß Lieder aus "Quadrophenia" und dann von "Tommy" am Stück zu hören, wobei allerdings "The Real Me" fehlte. So konnte man sich ein wenig in die Geschichte der Konzeptwerke hinein finden.
Dazwischen brachten die acht Herren mit "Eminence Front" ein langes Stück, welches sich von der Stimmung her gut in die wuchtigen Klänge der beiden Konzeptabschnitte einfügte. Vielleicht war der einzig brauchbare Song vom für lange Zeit letzten Studiowerk "It´s Hard" ein wenig zu viel der schwelgerischen Atmosphäre, doch ich denke, dass sich die Band das genau überlegt hat, um den Spannungsbogen zum Finale zu ziehen. Mir wären aber ein paar der Singlehits der Sixties wie die bereits erwähnten oder "Can´t Explain" als Auflockerung lieber gewesen.
Doch die Rechnung ging auf, nachdem das Publikum am Ende des "Tommy"-Parts mit viel Singalongs und dem unsterblichen Rockknaller wieder auf Touren gebracht wurde, explodierte die Stimmung am Ende förmlich. Bei den beiden Nummern vom Überalbum "Who´s Next" stand am Ende die ganze Halle und skandierte "Teenage Wasteland", ganz großes Kino. Diese waren die eigentlichen Zugaben, denn schon zuvor gab es die Bandvorstellung, nur den Gang von den Brettern herab sparten sich die Musiker. Doch wer will nach zwei Stunden Spielzeit in dieser Klasse meckern?

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Es waren nicht nur die Songs, die perfekt zelebriert wurden, auch die Art und Weise, das Feeling war gigantisch, und so ein bisschen an Produktion hatten die Briten dann doch aufgefahren. Die mächtige Lightshow gab den Songs den richtigen Rahmen und von den Leinwänden flimmerten neben den Musikern in Großaufnahme viele begleitende Filmsequenzen. Besonders beeindruckend waren die zusammengeschnittenen Kriegsbilder beim "Quadrophenia"-Instrumental, die ganz tief wirkten und ihre mahnende Bestimmung voll entfalten konnten. Im Anschluss löste sich die Melancholie wunderbar in der abschließenden Ballade der Story auf, welche an dem Tag einem so eine unfassbare Gänsehaut auf den ganzen Körper zauberte. Welche Magie, die an dem Abend durch die Halle wehte, die einen vor lauter offenen Mündern fast das Interagieren vergessen ließ. Falls THE WHO nie mehr nach Deutschland kommen, es wäre ein mehr als würdiger Abschied, eine Offenbarung, vor allem für Klangfetischisten (Pfälzer)

Setlist THE WHO:
Who Are You
The Kids Are Alright
I Can See For Miles
My Generation
Pictures Of Lily
Behind Blue Eyes
Bargain
Join Together
You Better You Bet
5:15
I´m One
The Rock
Love Reign O´er me
Eminence Front
Amazing Journey
Sparks
Acid Queen
Pinball Wizard
See Me, Feel Me
Baba O´Reilly
Won´t Get Fooled Again

(Fotos: Pascal)

Slydigs

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