Iotunn - Access All Worlds

iotunn accessallworldsAngekündigt wurde mir die Band als Space Rock. Und wenn ich Space Rock höre, dann denke ich zunächst an so Sachen wie STAR ONE und einen in einen silbernen Glitzeranzug gezwungenen Damian Wilson – das klingt zwar gut, ist aber auch auf eine liebenswerte Weise verstörend. Davon abgesehen hat IOTUNN nun nicht wirklich viel mit Space Rock zu tun. Ja, das Coverartwork und die Themen der Songs sind „spacig“ – aber definiert das dann auch das Genre? Sicher nicht. Und auch der Bandname, der aus dem altnordischen (Jötunn) kommt und die Bezeichnung für das älteste Göttergeschlecht ist, deutet nun auch nicht darauf hin, dass Space das einzige Motto der Band ist. Ich pappe hier lieber das Label „Progressive Metal“ drauf. Das passt viel besser.

Auch wenn es auch nicht zu 100% die Musik des Fünfers aus Dänemark beschreibt. Ich gebe zu, dass meine Erwartungen zu diesem Album ziemlich hoch waren. Denn immerhin singt hier Jón Aldará und da unsere musikalischen Geschmäcker sich relativ ähnlich sind, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er bei einer Band mitmacht, die mir dann nicht gefällt doch relativ gering. Ich war dann aber dennoch überrascht bzw. fast schon weggeblasen davon, wie gut mir das Album tatsächlich gefällt.

Zugegeben, diese Scheibe braucht definitiv mehrere Durchläufe, bevor man sie in ihrer Gesamtheit und Komplexität erfassen kann. Aber das ist es wirklich wert. Einen ersten Vorgeschmack auf das Album lieferte der Opener „Voyage Of The Garganey I“, der auch als erste Single veröffentlicht wurde. Und hier bekommt man in der Tat auf den ersten Blick den Eindruck von Raumfahrt und Weltall, klingt Garganey I doch irgendwie nach russischem Raumfahrtprogramm. Andererseits ist Garganey aber der englische Name der Knäkente, die jedes Jahr vom Norden Europas bis nach Südostasien und sogar Australien zum Überwintern zieht und damit könnte die „Voyage Of The Garganey I“ doch auch eine sehr irdische Komponente enthalten. Und sehe ich da auf dem Cover nicht sogar einen Vogel zwischen den Planeten fliegen, oder bilde ich mir das nur ein? Der Text hilft dem Hörer hier nicht wirklich auf die Sprünge, denn der ist in typischer Jón-Manier eher mystisch gehalten.

Doch auch rein musikalisch wird man zunächst auf die Weltraumfährte gelockt, mit sanften spacigen Klängen wird das Album und der Song eingeleitet, aus der Tiefe bahnen sich Growls ihren Weg an die Oberfläche und dann wird der Hörer mit geballter Instrumentalkraft an die nächste Wand gepinnt. Doch trotz aller Komplexität groovt der Song, dass es eine wahre Freude ist. Bei den cleanen Gesangspassagen klingt Jón ähnlich majestätisch wie bei HAMFERÐ, und zwischendurch gewährt man den Gitarren jede Menge Freilauf und streut immer mal wieder ein Solo ein.

Der Titelsong „Access All Worlds“ ist einer der drei Songs auf dem Album, die auf eine Länge von mehr als 10 Minuten kommen. Doch IOTUNN schaffen es, dass niemals Langeweile aufkommt. Hier verleihen pointiert eingesetzte Spoken Words dem Song eine gewisse Erhabenheit und Epik, sanfter Gesang unterstreicht die Wirkung der Gitarren. „Laihem’s Golden Pits“ wird von ruhigen spacigen Klängen eingeleitet, explodiert dann jedoch in einem Drumgewitter, unterstützt von den Gitarren. Jón singt so brutal, wie man es bisher noch nicht von ihm gehört hat. Hier zeigt man auch immer wieder Anleihen an melodischen Black Metal, wie ihn z.B. BORKNAGAR auf ihren letzten Alben spielen. Man steigert sich immer weiter und wird immer härter, der Groove geht dabei jedoch nie verloren. Auf seinem Höhepunkt endet der Song dann überraschend. Schade – davon hätte ich ebenfalls gerne 13 Minuten gehabt.

Auch „Waves Below“ schafft es, das Thema musikalisch perfekt einzufangen, insgesamt ist der Song zunächst einer der härtesten auf dem Album und hier hört man die Drums besonders deutlich heraus. Wie auch bei den vorhergehenden Songs gibt es hier lange instrumentale Passagen und Gitarrensoli, die dem Song dann doch eine ordentliche Dosis an schönen Melodien verabreichen. Hier kann man einfach die Augen schließen und ganz in die Musik eintauchen.

„The Tower Of Cosmic Nihility“ wurde als zweite Single einschließlich Video veröffentlicht und groovt zunächst ruhig im Midtempo, Jóns getragener Gesang liegt über fetten Gitarren, fiese Growls bahnen sich ihren Weg und die Drums drängen sich langsam immer mehr in den Vordergrund. Doch bevor es zu viel wird, nimmt man sie wieder etwas zurück und konzentriert sich wieder mehr auf harmonische, epische Melodien. Gerade solche Arrangements zeigen, wie versiert die Musiker dieser Band sind. „The Tower Of Cosmic Nihility“ ist ein großartiger Progsong, der zugegebenermaßen eine Weile braucht, bis man ihn komplett genießen kann. Aber das spricht in meinen Augen nur für die hohe Qualität dieses Stücks.

Zunächst einen krassen Gegensatz dazu bildet „The Weaver System“. Ruhig und akustisch wird der Song eingeleitet, bevor es episch-melodiös weiter geht. Nur um dann immer wieder in schwarzmetallische Gefilde abzudriften. Die ruhigen Passagen in diesem Stück laden zum Träumen ein, wunderschöne Melodien führen durch den Song und doch wird es immer wieder richtig hart. Hier beweist die Band, wie gut sie darin ist, verschiedene Stile und Stilelemente gekonnt zu vermischen und ein perfektes Ergebnis zu erzielen.

Den längsten Song des Albums mit fast 14 Minuten Spielzeit hat man sich bis ganz zum Schluss aufgehoben. Dennoch lässt sich „Safe Across The Endless Night“ nicht lange Zeit zum Spannungsaufbau, sondern geht gleich in die Vollen. Das hält jedoch nicht lange an. Dieser Song wandelt sich und seine Stimmungen immer wieder, erzählt eine Geschichte, ist mal Black-Metal-lastig, mal melodiös, mal ruhig akustisch, mal mystisch und mal spacig. Und stellt damit in gewisser Weise auch eine Essenz des Albums und gleichzeitig auch dessen Höhepunkt dar.

Denn genau wie das Album braucht auch bei diesem Song der Hörer Zeit, bis er alle Details und Nuancen erfasst hat. Auch beim x-ten Hören gibt es immer nochmal etwas Neues zu entdecken. Aber genau das mag ich ja an solchen Alben und generell an Prog Metal. Aber dennoch bleibt bei IOTUNN die Eingängigkeit nicht auf der Strecke. Immer wieder verstecken sich wunderschöne, fast schon verträumte Melodien in den Songs. Und das Ende, diese fast schon sakralen Klänge, die verleihen dem Album noch einmal eine ganz eigene Atmosphäre, so dass man danach am liebsten gar nichts anderes mehr hören will.

Daneben fällt auf diesem Album aber auch der Sound ins Auge. Man muss wirklich aufpassen, welches Album man danach hört (sofern man sich denn dazu durchringen kann), denn oft ist man dann vom Sound des Albums danach enttäuscht. „Access All Worlds“ kommt dermaßen fett aus den Boxen, dass es eine wahre Freude ist. Jedes einzelne Instrument ist deutlich herauszuhören und man hat nie das Gefühl, dass ein Instrument weiter im Vordergrund steht, als es das gerade zu diesem bestimmten Zeitpunkt müsste. Mit einem Sänger wie Jón Alderá kann man auch beim Gesang eine riesige Bandbreite abdecken, von epischem Cleangesang bis zu tiefen Growls beherrscht er einfach alles.

IOTUNN vermischen viele verschiedene Stile in ihrer Musik, klingen mal, wie schon erwähnt, nach Bands wie BORKNAGAR, haben aber auch immer mal wieder eher rockige oder klassische Metalelemente versteckt. Und ein Händchen für eindringliche, epische und erhabene Melodien haben sie ebenfalls. Meine Erwartungen an dieses Album waren hoch – aber ich muss sagen, sie wurden noch übertroffen. Wenn man bedenkt, dass „Access All Worlds“ nicht das x-te Album einer etablierten Band ist, sondern das Debütalbum eine noch relativ jungen (wenn auch nicht unerfahrenen) Band, dann ist das gleich nochmal beeindruckender. Albumtechnisch ist es das erste Highlight des noch jungen Jahres, aber die Dänen haben die Messlatte verdammt hoch gehängt. In dieses Album sollte jeder unbedingt mal reinhören. (Anne)

 

Bewertung:

Anne9,0 9 / 10

Anzahl der Songs: 7
Spielzeit: 61:42 min
Label: Metal Blade Records
Veröffentlichungstermin: 26.02.2021

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