eivor slorEivør Pálsdóttir ist im Jahr 2015 wirklich unglaublich kreativ. Nachdem sie bereits im Frühjahr mit „Bridges“ ein Album veröffentlicht hat, schiebt sie nun im Herbst mit „Slør“ gleich noch ein weiteres Album hinterher (das natürlich auch schon betourt wurde). Dabei handelt es sich bei den Songs auf „Slør“ jedoch nicht um gänzlich neue Kompositionen, sondern, wie EIVØR selbst betont, um Schwestern der Lieder auf „Bridges“. Und das Schöne daran: Diese Schwestern sprechen färöisch!

Schon lange warte ich darauf, daß EIVØR wieder mal ein Album in färöischer Sprache aufnimmt. Allerdings ist das dieses Mal nicht wie seinerzeit bei „Mannabarn/Human Child“ eine einfache Übersetzung der Texte mit den gleichen Melodien, sondern diese Schwestern haben ihr eigenes Leben und klingen ganz anders als die großen Geschwister auf „Bridges“. Und so sehr ich EIVØR mag, wenn sie Englisch singt – erst auf Färöisch entfalten ihre Lieder ihren wahren Zauber.

Und während mir es zu Beginn etwas schwer fiel, zu „Bridges“ einen Zugang zu finden, ist es bei „Slør“ Liebe auf den ersten Blick. Ob es an der Sprache liegt? Zum Teil sicher. Aber auch die Kompositionen finde ich gefälliger. Obwohl EIVØR natürlich auch auf ihrem neunten Album keine Scheu vor Schritten in alle Richtungen zeigt. So beginnt der Opener „Silvitni“ mit Elektrosounds à la DEPECHE MODE, bevor er sich zu einem ruhigen und getragenem Stück entwickelt, dessen Refrain man liebsten schon beim ersten Mal mitsingen möchte.

Und das große Highlight kommt auf diesem Album schon ganz früh. Ich muß feststellen, dass ich mit der Wahl der Singleauskopplungen bei EIVØR immer sehr einverstanden bin – „Brótin“ ist ohne Zweifel der beste Song der Platte. Das beginnt beim basslastigen Anfang, der leicht experimentellen Melodie bis zu EIVØRs zauberhaftem Gesang, der sanft über allem liegt – und doch auch Richtung Sprechgesang driften kann. Das zugehörige Video ist übrigens auch etwas experimenteller ausgefallen.

In die gleiche Kerbe schlägt „Salt“, bei dem der massive Einsatz von Elektrosounds eine düstere Stimmeung heraufbeschwört. Dabei macht die Gleichförmigkeit von EIVØRs Gesang in den Strophen den besonderen Reiz dieses Songs aus. Und im Refrain packt sie dann wieder ihre engelsgleiche Stimme aus und versüßt damit das Stück.

Überhaupt ist das ganze Album etwas experimenteller, etwas jazziger ausgefallen als sein Vorgänger „Bridges“. Das zeigt sich z.B. bei „Røttu Skógvarnir“ (die richtigen Schuhe), in dessen Verlauf immer wieder Schritte zu hören sind oder „Í Tokuni“, das etwas an „Trøllabundin“ erinnert. Aber EIVØR kann auch ganz sanft, wie z.B. in „Mjørkaflókar“ oder dem ruhigen „Petti Fyri Petti“, in dem sie nur von Akustikgitarre und Chor begleitet wird. Auch der Titelsong der Scheibe ist überaus sanft und sehnsuchtsvoll ausgefallen, und reißt den Hörer mit seinem plötzlichen Ende aus den Träumen.

Doch hier ist die Scheibe noch nicht zu Ende, denn EIVØR hat als Bonussong ihren Klassiker „Trøllabundin“ noch einmal neu eingespielt. Dieser Song ist schon so alt, darf aber auf den Konzerten der Sängerin nie fehlen und die Liveversion hat sich so über die Jahre hinweg von der ursprünglichen Version entfernt, so daß die Färingerin das Bedürfnis hatte, diesen Song in seinem jetzigen Entwicklungsstadium noch einmal auf Platte zu bannen, so daß man sich als Fan zu Hause auch die aktuell auf Konzerten gespielte Version (mehr oder weniger eben, dieser Song lebt ja wie kein anderer von Improvisation) anhören kann.

Und damit hat EIVØR wieder einmal bewiesen, dass sie wohl keine schlechten Alben schreiben kann. Und doch muß ich sagen, daß sie mir auf Färöisch besser gefällt als auf Englisch. Man hat einfach das Gefühl, sie spielt befreiter und die färöische Sprache paßt irgendwie auch besser zu ihrer Musik und verleiht ihr diesen ganz bestimmten Zauber. Als Fan von EIVØR kommt man an diesem Album jedenfalls nicht vorbei. (Anne)


Bewertung: 8,5 / 10

Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 39:51 min
Label: Tutl
Veröffentlichungstermin: 16.10.2015

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