scorpions crazyworlddeluxeedition

Die Weltkarriere der Hannoveraner kam nur langsam in die Gänge, erst über dem Umweg Japan und USA konnte man hierzulande Erfolge verbuchen. Das lag vor allem daran, dass man anfangs stilistisch noch unentschlossen war. Das Debüt lavierte irgendwo zwischen Krautrock und Sixtiespop, bevor dann Uli Roth seine späthippeske Hendrix-Attitüde einbrachte. Erst mit Mathias Jabs als Leadgitarrist und dem Album „Lovedrive" konnte man den eigenen Sound definieren. 1984 holte man dann zum großen Schlag aus, auf „Love At First Sting" schuf man mit „Still Loving You" und „Rock You Like A Hurricane" zwei Megahits. Die anschließende Tour wurde zum Triumphzug, der auf „World Wide Live" dokumentiert wurde. Da schienen die SCORPIONS auf dem Höhepunkt angekommen, zumal sich das überproduzierte „Savage Amusement" vier Jahre später deutlich schlechter verkaufte. Auch „Crazy World", welches nun als „Deluxe Edition" erscheint, lief nicht so gut an, doch das sollte sich ändern.

Nachdem sie seit „In Trance" 1975 alle Alben beim deutschen Vorzeigeproduzenten Dieter Dierks aufgenommen hatte, wollte die Band einen Tapetenwechsel. So entschied man sich das nächste Album in den Vereinigten Staaten aufzunehmen. Da AEROSMITH-Producer Bruce Fairbairn kurzfristig absagte, und später „Face The Heat" betreuen sollte, nahm Keith Olsen (HEART, WHITESNAKE, SAMMY HAGAR, MAGNUM) an den Reglern Platz. Standen die SCORPIONS immer für einen kantigen, schneidenden Sound, so wurde ihnen in den Goodnight L.A.-Studios ein wärmeres, erdigeres und volleres Klanggewand verpasst.

Dies war ein wenig mehr auf die zu der Zeit vorherrschenden Hörgewohnheiten jenseits des großen Teichs angepasst und kam den leichten Kurskorrekturen entgegen. Schon der Opener „Tease Me, Please Me" bewegte sich weg von der Riff-orientierten Struktur, hier arbeiteten Schenker, Meine & Co. verstärkt mit offenen Akkorden, agierten mit mehr Groove und Tiefe. „Dont´t Believe Her" war im Anschluss wieder ein bisschen typischer, der süffige Refrain dürfte aber auf das Konto von Co-Writer Jim Vallance gehen. Ähnlich stark fielen der treibende Titelsong oder das schwerfällige „Money And Fame" aus.

Doch die größte einheimische Band hat sich auch mit Balladen einen Namen gemacht, auf „Crazy World" befanden sich quasi zweieinhalb. Konnte man „To Be With You In Heaven" unter Halbballade einordnen, so überraschte „Send Me An Angel" mit Keyboardeinsatz. Doch es war das Lied, zu dem Klaus Meine inspiriert wurde, als er beim Moscow Love&Peace-Festival den Geist des Aufbruchs spürte, welches zum großen Zankapfel wurde. Denn der Wind drehte erneut sich und blies „Wind Of Change" direkt ins Gesicht.
Dass das Lied heute von vielen so gehasst wird, liegt sicher an seinem Erfolg, denn aufgrund des Textes wurde es zur Hymne des politischen Wandels im Osten. In dem Zuge mauserte sich die zweite Auskopplung ein paar Monate nach Release zur weltweiten Nummer Eins. Die Musiker mussten in Deutschland eine Zusatztour ansetzen, die sich noch schneller ausverkaufte als die reguläre. Das Album wurde noch mal extrem gepusht und vervielfachte die ohnehin siebenstelligen Absatzzahlen.

Leider führte das dazu, dass jeder die Nummer mochte, ob er den nun dem Hardrock zugetan war oder nicht. Die SCORPIONS waren endgültig im Mainstream angekommen, ein allgemeines Kulturgut. Dies wird in der harten Rockszene seit jeher kritisch beäugt, der Titel wurde schnell abgenudelt und verlor an Glanz. Als er dann auch noch im Schlagerradio auftauchte schlug die Ablehnung in Hass um und war mit verantwortlich, dass der Bandname um die Jahrtausendwende fast ein Schimpfwort war. Ich kenne genug Leute, die den Song einst liebten und sich heute kein gutes Haar dran lassen.
Das zweite Problem war die Entwicklung in Osteuropa und auch hierzulande. Zuerst zog ein machtgieriger Politiker die Wiedervereinigung im Alleingang durch, um sich den Wahlerfolg zu sichern. In Folge dessen öffnete er den Osten der Republik windigen Geschäftemachern und rechtsextremen Kräften, die dort Nährboden fanden. Viel besser erging es weiter ostwärts den Menschen auch nicht, nach Jahrhunderte langer Knechtung wusste keiner mit der Freiheit wirklich etwas anzufangen, wodurch Russland alsbald im Sumpf aus Mafia, Raubkapitalismus und Zwangsprostitution versank.

Ich glaube nicht, das es das war, was Meine wollte, ich denke, er wird über die Entwicklungen aus einer einst verheißungsvollen Sache auch traurig sein. Doch was kann das Lied dafür, dass es plötzlich tot gespielt wurde, dass sein Inhalt zur Karikatur verkam. Für mich ist es immer noch eine Ode an die Freiheit, oder wie LED ZEPPELIN einst sangen, „The Song Remains The Same". Der Sänger wurde durch dieses Stück immer gerne als ausgewimpt hingestellt, dabei vergessen viele, dass seine zweite Komposition „Lost Or Love" ein astreiner Stadionrocker ist. Das viel größere Problem der Scheibe lag an den gewollt harten Nummern wie „Kicks After Six" und „Hit Between The Eyes", eine Richtung, die den SCORPIONS später nicht bekommen sollte.

Zum regulären Album gesellen sich noch die spanische und russischer Version des Superhits. Hier kann aber Klaus Meine wie im englischen seinen deutschen Akzent nicht verbergen, interessant klingt es allemal. Dazu gibt es noch drei Livetracks, die damals Single B-Seiten waren und recht rau, nahe am Livesound abgemischt wurden. Viel interessanter ist da die Bonus-DVD, die der „Deluxe Edition beilegt.
Darauf befindet sich ein Konzertmitschnitt aus Berlin von der anschließenden Tour. Natürlich kann der in technischer Hinsicht den aktuellen Standards nicht das Wasser reichen. Der Sound klingt ein wenig dumpf und den Bildern ist es auch anzusehen, dass sie vor übe zwanzig Jahren aufgenommen wurden. Womöglich sind die übrigen Lieder von noch schlechterer Qualität, weswegen diese Aufnahmen nie als komplette DVD veröffentlicht wurden. Wert gewesen wären sie es auf alle Fälle.

Sie zeigen die Formation auf ihrem Zenit, in einer bestechenden Form. Wer immer noch nicht weiß, warum die SCORPIONS zu den besten Live-Acts des Planeten zählen, sollte hier unbedingt reinschauen. Jabs und Schenker sprinten die ganze Zeit über die Bühne, den Steg hinter dem Drumkit entlang und springen ständig vom Riser herunter. Dazu wirken sie so unglaublich spielfreudig, lassen ihre Äxte nur so krachen, solieren brillant und posen was das Zeug hält. Selbst Klaus Meine ist viel unterwegs und agil, hat noch Haare und befindet sich stimmlich in Hochform. Von der Produktion waren die Konzerte damals auch unglaublich groß. So haben sie noch diese gigantische Bühne mit ihren vielen Rampen, Aufbauten und den beleuchteten Treppen dabei und in der Totalen kommt die Lightshow sehr wirkungsvoll.

Abgerundet wird die DVD durch vier Videos zu den Singles des Albums. Die Dokumentationsbilder, die für „Wind Of Change" zusammen geschnitten wurden, dürften noch jedem in Erinnerung sein. Ähnlich viel Airplay erhielt seinerzeit „Send Me An Angel", das mit tollen Landschaftsaufnahmen zu glänzen weiß. Im Clip zu „Don´t Believe Her" machte man von der damals gängigen Praxis Gebrauch, einfach den Konserventon unter einen Livemitschnitt zu legen. Highlight ist sicher das Video zu „Tease Me, Please Me", welches herrlich mit Hairmetal-Ästhetik spielt und kein Klischee auslässt. Der Clip wirft nur eine Frage auf: Warum mussten Spitzenbodys in den Neunzigern außer Mode kommen?

Das im goldenen Herbst 1990 veröffentlichte „Crazy World" war zugleich Höhe- als auch Wendepunkt in der Karriere der SCORPIONS. Danach konnte es nur noch bergab gehen, was auch bald eintraf, Gründe hierfür gibt es mehr als einen. Da wäre erstmal der Wandel in der Rockmusik, der die Band vor allem junge Fans und damit Relevanz kostete. Dann brach nach zwölf Jahren die erfolgreichste Besetzung auseinander. Bassist Francis Bucholz, der immerhin seit 1974 dabei war, verließ die Gruppe, er war der letzte, der seinerzeit von DAWN ROAD kam. Ebenfalls sauer stieß einigen Fans auf, dass die Band nun zuviel Wert auf Businessangelegenheiten legte, und zeitweise mehr wie ein Unternehmen agierte.

Doch auch musikalisch konnte man nicht mehr an die Glanztaten der Achtziger anknüpfen. Auf „Face The Heat" wollte man sich härtetechnisch mit einer anderen Liga messen, doch wie schon angesprochen, passte das nicht zu ihrem Sound. Zudem kopierte man zuviel vom „Crazy World"-Erfolgsrezept, was in der Phase der Geschichte vielen Hardrock-Formationen das Genick brach. In der Folge wurden die Fünf fast orientierungslos, Experimente bestimmten die Geschicke.
Das Zurückrudern mit dem Balladenalbum „Pure Instinct" war dann auch wieder der falsche Weg. Mit der Trendanbiederung „Eye To Eye" war dann der Tiefpunkt erreicht. Auch das Neuauflegen von Klassikern im akustischen oder orchestralen Gewand kam nur bedingt gut an. Die Zukunft der Truppe stand in den Sternen, auf diversen Festivals wie dem Bang Your Head machten sich sogar einige ach so Wahrhaftige gegen einen Auftritt stark. Diese Wirrköpfe sollten sich mal überlegen, ob es so etwas in Deutschland geben würde ohne die Pionierarbeit der SCORPIONS.

Erst 2004 gelang es mit der Rückkehr der vertrauten Tugenden auf „Unbreakable" Boden gut zu machen. Und das sehr erfolgreiche letzte Album „Sting In The Tail" avancierte zum großen Alterswerk. Ob es das letzte ist, wird sich zeigen, irgendetwas haben die bestimmt noch in der Hinterhand und bislang hielt es kein Rocker lange als das Rentnerdasein aus. Doch die ganz großen Welterfolge sind seit „Crazy World" Geschichte, mit der Scheibe endete eine Ära, auch in der gesamten Rockmusik. Es war das letzte Album, auf dem sie Lieder schrieben, die ewig überdauern werden, das letzte in dem Line-Up, welches seit „Lovedrive" zusammen war, das alles erreicht hat. Ein Vermächtnis, welches nun neu aufgelegt wurde, jeder der es noch nicht besitzt, muss hier zugreifen, ein essenzielles Kulturgut. (Pfälzer)

Bewertung: - / -

Anzahl der Songs: 16 (CD) / 15 (DVD)
Spielzeit: 74:59 min (CD) / ca. 67 min (DVD)
Label: Universal Music
Veröffentlichungstermin: 04.10.2013

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