thetangent_commKeine zehn Jahre aktiv steht schon das sechste Album von THE TANGENT an und seit dem letzten Dreher "Down And Out In Paris And London" sind auch noch keine zwei Jahre vergangen. Umso verwunderlicher, weil die Truppe erst im Mai noch auf Tour war. Das erfordert eine effektive Arbeitsweise und hier nutzten die Mannen um Andy Tillison geschickt die Möglichkeiten des Internet. Schon die Vorgängerband PARALLEL OR 90 DEGRESS war eine der ersten, wenn nicht die erste welche MP3-Files im Netz stehen hatte. So konnte man beim Debüt "The Music That Died Alone" Musiker aus Schweden mit einbeziehen, die man noch nie zuvor getroffen hatte. Auf "Comm" hat man sogar einen Wettbewerb ausgelobt, bei denen Gitarristen aus aller Welt ein Solo für die Formation aufnehmen sollten, bei dem das beste auf der neuen Scheibe landen sollte.
Doch trotz allem hat der Bandchef ein eher ambivalentes Verhältnis zu den modernen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten, trotz aller Vorteile, welche diese für die Menschen sowie für ihn als Musiker bringen. Genau davon handelt der Longplayer thematisch, nämlich wie sich die Gesellschaft vor allem durch wenig sachgemäße Nutzung verändert und welche Gefahren das birgt. Nicht ungewöhnlich für THE TANGENT, behandelte man lyrisch seit jeher aktuelle und alltägliche Themen.

Doch wie beginne ich stets ein Review der Briten? Richtig, mit den Statusmeldungen des sich ewig verändernden Line-Ups. Mittlerweile ist es mehr oder weniger ein Projekt von Tillison, der auch für das Songwriting zuständig ist, auch wenn er immer wieder den Bandgedanken betont. Als Einziger von der letzten Produktion übrig ist Bassist Jonathan Barrett, ein alter Bekannter des Mastermind. Neu ist Drummer Tony Latham, so neu, dass es noch Nick Ringwood war, der die Parts auf "Comm" einspielte. Guy Manning ist ebenso draußen wie Theo Travis, welcher allerdings auf Konserve weiterhin Flöte und Saxophon beiträgt. Und die Position an der Sechsaitigen bekleidet nun der erst 22 Jahre alte Luke Machin, für den es die ersten professionellen Studioaufnahmen sind.

Und der sorgt auf dem eröffnenden Longtrack "The Wiki Man" für coole wah-wah-geschwängerte Gitarrenakkorde in den Strophen, auch wenn er sich im Verlauf des Albums nicht so sehr in Szene setzen kann. Zuvor konnte man sich bei dem zu dem Titel gehörenden "Prologue" durch mehr Details arbeiten, als ich so manchen Werken auf meinem Schreibtisch abgewinnen kann. Doch auch das ist bei THE TANGENT der völlig normale Wahnsinn und hier fast auf die Spitze getrieben.
Vor allem das folgende "The Mind´s Eye", welches recht schwülstig wirkt ist mit vielen Harmonien vollgepackt ohne aber die Arrangements zu überfrachten. Ein einzelnes Instrument kann hier gar nicht für ein Thema herhalten, es ist vielmehr der Einklang von vielen verschiedenen Tupfern, welche sowohl Rhytmus - als auch Melodieführung ergeben. Die zurückhaltend angeschlagenen Staccatos der Strophen werden von einer dramatischen Harmonie nach dem Refrain gekontert, bevor die Dynamik fast zur Stille abschwillt.
Interessant wie es den Musikern gelingt über einen Basslauf so geschickt zu improvisieren und dabei immer mehr Fahrt heraus zu nehmen. Nur um sie dann wieder zum jazzigen Finale ansteigen zu lassen. Ähnliches gelingt bei dem Übergang des instrumentalen Parts "Edit Me Out" zur "Car Boot Sale" im mehrteiligen Opener. Auch da geht es nach wilden Duellen immer gediegener zu, bevor der akustisch gehaltene Teiltrack zum abschließenden Reprise führt.

Ein wenig geradliniger geht es bei den folgenden beiden Stücken zu. Mit dem sehr schönen "Shoot Them Down" hat man eine klassische Rockballade mit sehr spärlicher Rhythmusbegleitung am Start. Ein wenig ein Knackpunkt ist vielleicht, dass diese für THE TANGENT- Verhältnisse zu gewöhnlich klingt und die Spoken-Words-Collage in der Mitte wenig einfallsreich ist. Das schwülstige "Tech Support Guy" ist dann am stärksten am immer bei der Formation präsenten Canterbury-Jazz dran. Die an JETHRO TULL erinnernde Flöte durchbricht des Öfteren hektisch die vorherrschende Relaxtheit und kollidiert dabei mit Orgel und Saxophon.

Den Höhepunkt bildet sicherlich das abschließende "Titanic Calls Carpathia", bei welchem die Engländer ihre ganze Klasse zeigen. Score-artiges Intro, zappaeske Momente, sphärische Synthesizer, eine rockige Note zum Refrain hin, Soloduelle und große Melodien, alles dabei. Das Grundmotiv wird bei mehreren Parts des Songs immer wieder verwendet, aber bei jeder Strophe von der Instrumentierung her abgewandelt. Das zeigt ihre ungeheure Musikalität, nie wird der Faden aus den Augen verloren, der Song steht immer im Vordergrund.

Das war schon seit jeher die Stärke von Tillison und seinem Gefolge, trotz aller Komplexheit und Länge sind die Alben recht eingängig gehalten, ohne daß man sich in der Melodieführung irgendwo anbiedern müsste. Und dennoch gibt es in der Fülle der unzähligen kleinen Details immer etwas zu entdecken. Man lässt die Soli nie ausarten, sondern fordert von den Mitmusikern immer eine passende Passage heraus. So wirken die Kompositionen ungemein spannend und fesseln den Hörer.
Natürlich wiederholen sich die Muster beim sechsten Longplayer ein Stück weit, was aber bei nur einem Songwriter normal ist. "Comm" ist noch dichter gewoben, wenn auch die großen Überraschungsmomente ausbleiben. Immer noch aufregender Retroprog von THE TANGENT, für Fans ein absoluter Pflichtkauf. Wer mit dem Genre etwas anzufangen weiß sollte hier ebenso unbedingt reinhören, selbst wenn ich den Vorgänger noch einen Tick besser fand. (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10

Anzahl der Songs: 5
Spielzeit: 57:45 min
Label: Inside Out
Veröffentlichungstermin: 23.09.2011

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