Grey Daze - Amends

GD AMENDS FINAL LORES

Bereits vor zwei Monaten wollte ich über die allererste Band des 2017 verstorbenen Linkin-Park-Frontmanns Chester Bennington, GREY DAZE, berichten. Doch auch ihr neues Album „Amends“ wurde nach hinten verlegt. Somit blieb mir nun mehr als genug Zeit, um das Album auseinander zu nehmen und in die Anfänge seiner Karriere einzutauchen.

 

 Amends (zu Deutsch: Wiedergutmachung) ist die Ursprungsgeschichte von einer der markantesten und einzigartigsten Stimmen in der Rock- und Metalgeschichte. Noch kurz vor seinem Tode hatte Chester angekündigt, er wolle ein neues Album mit seinen alten Bandkollegen aus den 90ern aufnehmen. Eigentlich sollte das Album 2018 erscheinen, stattdessen kamen die alten Bandkollegen, befreundete Musiker, Familienmitglieder und weitere Gäste zusammen und taten alles dafür, um das Projekt des verstorbenen Sängers zu beenden. Die verbleibenden Bandmitglieder – Gründungsmitglied Sean Dowdell (Schlagzeug, Hintergrundgesang) sowie Mace Beyers (Bass) und Cristin Davis (Gitarre), die Chester erst 2017 dazu geholt hatte, wählten 11  zentrale Songs, von jenen zwei GRE DAZE Alben, aus und machten im Jahr 2019 Neuaufnahmen, mit denen sie seine Originalgesangsspuren einrahmten und unterstützten. Ebenso wurden alle Instrumente neu eingespielt. Viele dieser Gesangsaufnahmen waren bislang unveröffentlicht und Schätze aus dem Archiv.

Des Weiteren wurden sie Tom Whalley, dem Gründer von Loma Vista Recordings (der in den Jahren, als Linkin Park bei Warner unter Vertrag waren, bereits eng mit der Band zusammengearbeitet hatte) unterstützt. Produziert von Jay Baumgardner, bekamen Grey Daze obendrein Unterstützung von etlichen Kollegen: Unter anderem schauten Brian „Head“ Welch und James „Munky“ Shaffer (von KORN), tPaige Hamilton (Helme), Chris Traynor (Bush, Helmet, Orange 9mm),LP, Jasen Rauch (Breaking Benjamin) und Ryan Shuck (Orgy) im Studio vorbei und beteiligten sich an den Aufnahmen. Aber nicht nur seine Kollegen waren beteiligt, auch sein Sohn Jamie Bennington hatte sich am Album beteiligt. Es sollte ein Prozess der Heilung sein.

Das Ergebnis von „Amends“ zeigt, dass Chester Bennington bereits vor 20 Jahren, obwohl er noch so jung war, tiefgründig und aus der Seele gesungen hat und damit viele andere erreichen würde. „Viele der Themen, die er da vor 20 Jahren in diesen Songs adressiert hat, sollten sich danach bewahrheiten, und sie klingen auch heute noch absolut relevant“, sagt Sean. „Was sofort auffällt, wenn man sich diese Platte anhört, ist die Intensität, die emotionale Wucht, die bei jedem einzelnen Wort mitschwingt. Er zeigt ganz offen seine Traurigkeit, seinen Schmerz, Aggression, auch Wut. Und jedes Gefühl, das er transportieren will, klingt absolut ungefiltert und glaubwürdig. Unsere Parts noch einmal neu um seine Gesangsspuren aufzunehmen war eine wahnsinnig intensive Erfahrung: Es war einfach verdammt cool, endlich mal wieder mit meinem besten Freund zusammenspielen zu können.

Der Eröffnungstitel „Sickness“ erhebt sich auf einem ominösen Beat, schlägt dann in dichte, verstimmte und verzerrte Sounds um, wobei auch Paige Hamilton (Helmet) ausgeholfen hat. Chesters Stimme klingt eindringlich, hypnotisch, wenn er schreit: „I need more. Can you help me? Feed my sin. Come and kill me. It’s calling me.“. Dabei bietet die Passage der Flöte einen weichen Abgang gegen Ende des Songs.

Über die Entstehung des Songs „Sometimes“ sagt Sean: „In dem Text geht es um Verlust, um Hoffnungslosigkeit. Er bittet um Hilfe. Es ist ein Schrei der Verzweiflung. Und dazu sehr prophetisch, was die späteren Geschehnisse angeht. Ich werde nie vergessen, wie dieser Song entstanden ist: Wir schrieben damals gerade im Studio, und er war spät dran. Als er dann schließlich kam, ging er sofort ans Mikrofon und brüllte diesen Refrain da hinein. Der Text spiegelte genau das wider, was in seinem Leben gerade vor sich ging: Er hatte die Schule hingeschmissen, sich von seiner Freundin getrennt, wohnte danach bei mir. Diese ganzen Spannungen, die Ängste und Schmerzen kann man da raushören. Und sie ziehen sich wie rote Fäden durch die Tracks.“ Bis heute hört man den Schmerz in seiner Stimme, der so tiefsitzend ist. Der Text so gegenwärtig, aktuell und teilweise alltäglich, dass man sich damit identifizieren kann. Und solche kraftvollen Passagen wie „I don’t know what to think anymore. Maybe things will get better. Maybe things will look brighter.” beweisen, dass man sich mit diesem Text durchaus identifizieren kann.

Zeilen wie „Don’t go too fast my friend“ von „What’s In The Eye“ bereiten mir noch immer Gänsehaut, obwohl ich den Song schon so oft hören durfte. Wie Sean gesagt hat, viele seiner Texte haben sich bewahrheitet, wie auch diese Textzeile. Er ist zu früh gegangen. In Verbindung mit der melodischen, aber düsteren Melodie und der einzigartigen starken Stimme von Chester entsteht eine unglaubliche emotionale Atmosphäre. Bei meinem ersten Mal Hören war ich so sprachlos, denn es wirkte wirklich als wäre Chester noch am Leben. Als hätte er mit seinen Kollegen das Projekt beendet und sich für einen anderen Weg entschieden.

„In Time“ wird musikalisch mit einem Ticken einer Uhr Untermalt, das zugleich beruhigend wie auch nervös wirkt. Die Zeit rennt weg, wie auch im Song. Ein langsamer Anfang beginnt mit einem Art Singsang, in dem Chester die ersten Wörter länger zieht und sie so betont. Dabei klingt er unfassbar zerbrechlich. Es kommt zur Wendung, sobald die raue, kraftvolle und laute Stimme einem entgegen schreit und man von dieser eingenommen wird. Nichts deutet mehr daraufhin, dass es ein ruhiger Song gewesen ist. Mittlerweile höre ich „In Time“ sehr gerne, da er so schmerzvoll und zugleich stark wirkt, sodass ich jedes Mal den Regler lauter stellen muss.

Einer der abwechslungsreichsten Songs ist „Just Like Heroin“. Dieser startet mit einem melodischen Bass, der sich durch den gesamten Song hindurchzieht. Anfänglich wirkt der Track recht ruhig und träumerisch, bis der hypnotische Sound der Gitarre einsetzt. Durch einen Telefon Verzerrer wird die Stimme mehr in den Vordergrund gerückt, sodass eine düstere Atmosphäre durch eine verzerrte Gitarre und eine ergreifende, hypnotische Stimme kreiert wird. Ab diesem Punkt wurde solch ein Wandel vollbracht, dass ich kaum noch glauben kann, es sei der gleiche Song. Teilweise wird Chesters Stimme technisch bearbeitet, dass es nur abnormal verzerrt und krank klingt. Wirklich super spannend fürs Ohr!  „It’s my time to fade. Dying on the floor. See myself as I am. Excuses are just like heroin.” singt Bennigton durch einen Telefon Verzerrer und lässt den Song düsterer enden, als er mal begonnen hatte.

Auf dem schonungslos ehrlichen „Soul Song“ ist neben Chester auch erstmals dessen Sohn Jaime am Mikrofon zu hören. Wo da der Unterschied zwischen beiden ist? Kaum zu hören. Durch den Song hinweg werden beide von einem Klavier begleitet, der dem Ganzen eine recht emotionale und ruhige Atmosphäre verleiht. Außerdem hilft der Gitarrist Chris Traynor (von Bush) aus, um dem Song die gewisse Stärke und Kraft zu verleihen.

Der Leitfaden und Titel des Albums geht aus „Morei Sky“ zurück, den man auf sich persönlich einwirken lassen muss. „Dieser Song brachte einfach die ganze Stimmung und das Kerngefühl dieses Projekts auf den Punkt“, sagt Sean. „Ich denke, uns hat das geholfen, den Schlussstrich zu ziehen: Er ist nicht mehr unter uns, aber wir können seine Musik verbreiten, sie den Fans präsentieren.“ Mehr kann man eigentlich nicht darüber schreiben, denn genau das trifft darauf zu. Es beschreibt alles, was man währenddessen und danach fühlt. Auch Zeilen wie „If I had a second chance. I’d make amends. Only to find myself. Losing. Losing“ zeigen, dass Chester mit einer zweiten Chance Dinge verändert und Wiedergutmachungen vollbracht hätte Aber zumindest haben dies seine Kollegen und Freunde übernommen.

„Shouting Out“ ertönt. Und Moment, das ist doch LP (Laura Pergolizzi) im Hintergrund? Ja, das ist sie. Ihre unverkennbare hohe Stimme würde ich vermutlich überall erkennen. Ebenso wie ihr pfeifen am Ende des Songs. Es ist ein absolut rundes Ende für dieses Album. Man hätte sich nicht mehr wünschen können. Neben „Soul Song“ ist es einer der ehrlichsten und tiefgründigen Tracks. Und was natürlich nicht auf solch einem Album fehlen darf, das ist eine persönliche Aufnahme von Chester Bennington, die hier am Ende zu finden ist. Für alle Fans von Chester ist dies einer der herzzerreißendsten Momente auf diesem Album. Er bleibt in den Herzen, aber er fehlt einfach. Obwohl er weit weg und unerreichbar ist, haben GREY DAZE Chester Bennington wieder präsenter und unvergesslich werden lassen. Danke dafür! (Sarah-Jane)

 

 

Bewertung:

sarahjane10,0 10 / 10


Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 39:34 min
Label: Loma Vista Recordings / UMG
Veröffentlichungstermin: 26.06.2020

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