Zwei Jahre nach ihrem zehnjährigen Jubiläum und nach dem eher ruhigen Jahr 2006 starten EISREGEN mit ihrem sechsten Longplayer „Blutbahnen“ wieder durch. In Zwischenzeit hat sich einiges geändert im Lager der Thüringer, so ist Geigerin 2T nicht mehr an Bord. Auch musikalisch gibt es einiges neues zu vermelden, man ist reifer geworden. Wer nun befürchtet, daß man sich in lyrischer Hinsicht zurückgenommen hat, der wird eines Besseren belehrt. Das zum Männerquartett geschrumpfte Splatter–Ensemble setzt immer noch auf härteste Kost. Sehr zum Leidwesen der Steuerzahler, weil ein gewisses Amt wohl schon einen eigenen Mitarbeiter für die Bandprodukte beschäftigen muss.

So dreht sich auch heuer wieder alles um das Schlachten und fachmännische Verspeisen von Mitmenschen, wohlgemerkt auf ironische Art und Weise. Nur manche Leute kapieren die Pointe halt nicht. Neben den altbekannten Texten gibt es noch Auseinandersetzungen mit Nekrophilie und Kindesmissbrauch. Als absolute lyrische Grenzgänger erweisen sich die Onanie–Ode „Schneuz den Kasper“ und „17 Kerzen am Dom“. Letzteres ist eigentlich eine Beschreibung des Tatablaufs des Erfurtmassakers und könnte fast in einer Tageszeitung niedergeschrieben sein.

Der Ausstieg von Theresa Trenks hinterlässt sicherlich Spuren im Klangbild von EISREGEN; die Streicher werden jetzt von einem ganzen Streichorchester ersetzt. Wirkten ihre düsteren Melodien eher zerbrechlich, so ist der Sound nun satter. Geboten wird wie immer alles, Blackmetal, Deutschrock, NDH, Blues?, Rap??, Dark Wave, Gothicmetal, IN EXTREMO – Anleihen, ein buntes Sammelsurium. Im Vordergrund steht oft ein sehr ungewöhnlicher Rhythmus, bei dem die Gitarrenriffs ziemlich Off–Beat-mäßig daherkommen und sich immer wild mit kurzen Keyboardeinsätzen abwechseln.

Auch die Pianoeinsätze wurden massiv verstärkt, lugen oft aus flächigen Keyboards hervor, so was ähnliches kennt man von den beiden ersten THEATRE OF TRAGEDY – Alben. Das ganze lässt natürlich den Sound kräftiger und voluminöser wirken, wobei der Produzent einen wesentlichen Anteil hat. Wo Markus Stock draufsteht, ist eben auch Markus Stock drin. Der Besitzer der „Klangschmiede E“ und Mitglied von EMPYRIUM und THE VISION BLEAK ist ja seit jeher für seinen mächtigen und epischen Mix bekannt. So bombastisch klangen die deutschen Vorzeige–Darkmetaler noch nie, und auch noch nie so weich. Denn die heftigen und rasanten Passagen wurden doch sehr zurückgefahren. Ebenso fällt auf, daß diese doch etwas holprig daherkommen vor allem im Gegensatz zum geschliffenen Rest. Aber das war bei der Band schon immer ein Manko und konnte auch nicht durch die neuen tontechnischen Möglichkeiten kaschiert werden.
Wobei natürlich das Album bei allen unterschiedlichen Einflüssen sehr ausgewogen klingt, gerade die getragenen, leidenden Gesangslinien sind sehr ergreifend. Die Nähe zu LACRIMOSA, die manchmal nicht von der Hand zu weisen ist, wird auch einigen alten EISREGEN–Fans sauer aufstoßen. Aber insgesamt gewinnt die Band durch Erweiterung ihres Spektrums, da sie alles sehr gut ins Gesamtkonzept integriert. Auch Sänger Michael Roth gelingt der Spagat zwischen den verschiedenen Sangesstilistiken, ob räudiges Grollen, Gekeife oder eben Klargesang, alles kommt zu einer Einheit.

So wirkt „Blutbahnen“ die ganze Zeit hindurch spannend und interessant, reißt den Hörer stets mit. Ein bisschen Toleranz setzt das Vergnügen natürlich schon voraus, auch bezüglich der Lyrics. Freunde harter und origineller Musik sollten hier aber bestens bedient werden, fragt sich halt nur wie lange. Angesichts solcher Songtitel wie „Schlachthaus-Blues“ oder „Ein Hauch von Räude“ kann es sein, daß auch dieser Dreher vor dem Ausverkauf aus den Ladentheken genommen wird. (MetalPfälzer)


Wertung: 8 / 10 Punkten

Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 55:08 min
Label: Massacre Records
Veröffentlichungsdatum: 27.04.2007

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