marillion fearnb mehrfachwertungWährend der schottische Hüne FISH mit einem angekündigten letzten Album seine Karriere ausklingen lassen will, stehen seine ehemaligen Mitstreiter noch voll im Saft. Mehr noch, so angriffslustig gab sich der Fünfer aus Aylesbury nie zuvor. Dabei soll es weniger musikalisch zur Sache gehen, nachdem die harten Gitarren in „Gaza“ auf dem letzten Dreher erschreckt haben. Viel eher haben sich MARILLION lyrisch in diese Richtung eingeschossen und haben ihr sicherlich politischstes Werk aufgenommen. Im Zeichen der Brexit-Dummheit , welche einige Rechtspopulisten über das vereinte Königreich brachten, hält die Band mit ihrer Sozialkritik nicht mehr zurück. Doch das birgt auch die Gefahr sich musikalisch zu verzetteln, schon das depressivere „Clutching At Straws“ war für viele Fans das Ende der Unbekümmertheit und auch das schwermütige Konzept von „Brave“ kam nicht bei jedem an. Nun also das offensiv betitelte „F.E.A.R.“, was für „Fuck Everyone And Run“ steht, von Altersmilde keine Spur?

Schon alleine vom Aufbau her ist das nunmehr siebzehnte Werk schwierig, drei Longtracks, alle über fünfzehn Minuten bilden den Hauptteil . Diese sind in mehrere Teile gegliedert, dazwischen folgen noch zwei kürzere Stücke und am Ende ein kleines Outro. Wer nun bei dem von der Band selbsternannten Protestalbum ein paar härtere Anklänge, noisige Ausflüge wie auf „Anoraknophobia“ oder wütende Statements erwartet hat, der liegt völlig falsch. Die Truppe macht genau das, was der ein oder andere Fan gefürchtet hat, sie kehrt ihren Schmerz über den Zustand der Welt, über Raubkapitalismus aber auch über Abschied völlig nach innen. Ein stiller Protest, so reduziert und entrückt hat man MARILLION vielleicht noch nie erlebt, Eskapismus wie in den Hochzeiten des Prog.

„Long-Shadowed Sun“, der erste Teil des eröffnenden Mammuttracks „“ präsentiert fast völlige Stille, nur ein paar Akustikgitarren und der Gesang von Steve Hogarth sind zu hören. Überhaupt wird dem textlichen Aspekt viel Bedeutung beigemessen, es gibt kein einziges Instrumental, selbst nicht in den kürzesten Abschnitten. Zu Beginn von „The Gold“ erheben sich dann zu ersten Mal die Synthesizer, es dauert jedoch bis „Demolished Lives“, bis der Opener zu großen Melodien aufschwingt.
Diese sind auf „F.E.A.R.“ spärlich gesät, und wenn dann bei weitem nicht so weiträumig wie gewohnt. Sie kommen aber nicht zum Hörer, sondern müssen von ihm aber erst mit jedem Hördurchgang erarbeitet werden. Es benötigt aber etwas Geduld und Aufmerksamkeit, bevor sie sich aus der pessimistischen Stimmung heraus schälen, um sich voll zu entfalten. Von den spartanischen Arrangements her ähnelt es hier am ehesten „Happiness Is The Road“, doch von der Süßlichkeit solcher Tracks wie „This Train Is My Life“ ist man weit entfernt.

Es herrscht eine beängstigende, aber ungemein bewegende Tristesse, Hogarth schient förmlich mitzuleiden und singt oft sehr leise und bedächtig. Wenn er dann einmal sein Organ hebt, wenn sich die Dynamik über Minuten aufbaut, dann ist es meist wie ein Flehen. Dabei wird er meist von Keyboardstreichern umspült, wie etwa bei „One Tonight“, dem Schlusspunkt des zweiten Longtracks „The Leavers“. Das hat etwas von den letzten ANATHEMA-Scheiben, die Grenzen zum Artrock werden immer wieder eingerissen. Vom Ansatz her ähneln jene Streicher gepaart mit einer starken und dominanten Message PINK FLOYDs „The Wall“. Wobei dieses Meisterwerk stets die ganz großen Gesten übt, während sich MARILLION ungemein introvertiert geben, dann doch eher „The Final Cut“.

Selten gab es auch eine Scheibe der Band, bei der die Führung so sehr in den Händen von Keyboarder Mark Kelly liegt. Egal ob nun psychedelische Noten wie im Titeltrack, welches den letzten überlangen Song „The New Kings“ einleitet, einhüllende Schwaden oder die angesprochenen Streicher, er ist es, der die Stille durchbricht. So oft wie auf „Fuck Everyone And Run“ hat man das Piano bei der Formation bislang noch nie gehört, meist als ruhige Begleitung, aber auch fein perlend wie bei „Wake Up In Music“, dem Auftakt von „The Leavers“.
Steve Rothery ordnet sich ganz dem Konzept unter und liefert völlig unaufdringliche Harmonien, lediglich in ein paar Momenten darf sein Können aufblitzen. Das kürzere „Living In Fear“ lebt von seinen flirrenden Tönen, der zweite Shortie „White Paper“ von dezenten Leadfills. In „Vapour Trails In The Sky“ aus „The Leavers“ unterstützen seine sich auflösenden Töne die psychedelische Atmosphäre, bevor er im folgenden „The Jumble Of Days“ urplötzlich zum großartigen Solo ansetzen darf. Noch einmal erlaubt es ihm die Scheibe bei „Russia´s Locked Doors“, wenn er um ein wunderschönes Leadthema herum spielt.

Dies gehört zu „The New Kings“, welches schon live im Sommer vorgestellt wurde und den Höhepunkt des Albums bildet. Am Ende wird der Fan für seine Geduld belohnt, „Why Is Nothing Ever True?“ bietet endlich das große, aufwändige Progkino, welches er erwartet hat. Was sich jetzt nämlich äußerst schwierig anhört ist, ist gar nicht so unbezwingbar wie es sich im ersten Moment anhört. „Fuck Everyone And Run“ fordert heraus, aber auf eine andere, deutlich subtilere Art. So subtil sind auch die Arrangements gehalten, in denen es MARILLION gelingt ihre tiefe Atmosphäre mit wenigen Mitteln hinzuzaubern. Damit wird eine ungeheure Spannung erzeugt, den Hörer nach und nach fesselt, auf der Suche nach wenigen Höhepunkten, die dann aber umso heller strahlen. (Pfälzer)

 

Anzahl der Songs: 6
Spielzeit: 68:03 min
Label: EAR Music
Veröffentlichungstermin: 23.09.2016

Bewertung:

Pfaelzer7,5 7,5 / 10


Anne4,5 7,5 / 10

David8,0 8 / 10

Jochen 7,07/ 10

Klaus 7,07 / 10

Maik7,5 7,5 / 10

Pascal7,5 7,5 / 10


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