bluespills ladyingold200nb mehrfachwertungDie nächste Sensation im Rock bahnte sich schon zu Beginn an, denn schon mit ihren ersten Festivalauftritten Anfang 2013 wusste die internationale Truppe zu begeistern. Nach einer Welle von EPs schlug das selbstbetitelte Debüt auf Platz vier der deutschen Albumcharts ein. Danach ging es noch weiter nach oben, auf den Festivals bekam man immer höhere Slots und die Headlinertouren wurden immer voller. So ein Erfolg weckt Begehrlichkeiten und birgt auch Gefahren in sich. Ihr Label schob schnell noch eine Livescheibe hinterher, während die BLUES PILLS neue Songs liefern mussten. Das war nicht so einfach, denn die Titel ihres Erstlings konnten durch die lange Livepräsenz reifen, nun sollte ins Ungewisse komponiert werden. Dazu kommt, dass jeder von ihnen erwartet, den ganz großen Wurf zu schaffen, etwas, dass eine so junge Band schon aus den Fugen bringen kann. Erstes Opfer des ständigen Lebens auf der Straße war Drummer Cory Berry, der durch André Kvarnström ersetzt wurde. Nun steht „Lady In Gold“ in den Läden und wartet darauf, diese unglaubliche Erfolgsgeschichte weiter zu schreiben.

Man muss kein großer Prophet sein, um dem Longplayer riesige Absatzzahlen voraus zu sagen, zu groß ist der Wirbel um die Band und das Medienecho, viele neue Fans kamen in den letzten Jahren dazu. Ob die zweite Scheibe jetzt aber die absolute Krönung ist, lässt sich schwer sagen, dazu unterscheidet sie sich zu stark von ihrem Vorgänger. Die vielen Erfahrungen auf Tour, das Zusammenleben in einem Appartement in Örebro ließen die Vier deutlich reifen, was sich auch in diesem Werk niederschlägt. Die jugendliche Unbeschwertheit ist weg, die ungestümen Hardrockeinschübe weichen dezenteren Songstrukturen. Dabei ist diese Herangehensweise nicht der schlechteste Weg, denn ich denke in ihrer geschäftlichen Situation ist die Unbekümmertheit soundso passé.

Die Handschrift der Band lässt sich trotz der Veränderungen schon bei den ersten Tönen erkennen. Dieser fordernde, hypnotische Rhythmus, dieser Bass, der noch prominenter heraus gemischt wurde, und vor allem die unglaubliche Stimme von Elin Larsson sind immer noch da und prägen die Songs. Auch der Verzicht auf gängige Songstrukturen behalten die BLUS PILLS bei, setzen erneut eher auf den Jamcharakter. Da wird viel mit der Dynamik gespielt, die immer wieder anschwillt, wobei es nie zu Ausbrüchen wie noch bei „Black Smoke“ kommt, was die Intensität noch verstärkt.
Doch es gibt auch neue Klangfarben, die mehr als nur Randerscheinung sind und welche den Stücken ihren Stempel aufdrücken. Klassische Tasteninstrumente in allen Variationen von E-Piano, Orgel und Mellotron sind in sämtlichen Songs vorhanden und sorgen für sehr viel Wärme. Leider drängen sie die Gitarren von Dorian Sorriaux zu sehr in den Hintergrund, er ist der Verlierer des neuen Sounds. Für ein Talent wie ihn kann das keine zufriedenstellende Situation sein, seine solistischen Ausflüge beschränken sich auf ein paar Leadfills und sein Klang fällt geschliffener aus.

Ebenso nicht mehr Alleinherrscherin ist die Frontgrazie, denn auf „Lady In Gold“ arbeitet Larsson viel mit mehrstimmigen Chorarrangements. Dabei hat sie sich die Sängerinnen selbst ausgesucht, die viel soulige Backings einsingen und sehr gut mit der Leadstimme harmonieren. Nun darf man nicht annehmen, dass diese das Tempo heraus nehmen, denn durch die vielen Wechsel zwischen Front- und Backgroundgesang wird jener hypnotische Sog verstärkt, von dem die Band lebt.
Wie bereits angemerkt sind diese neuen Elemente nicht nur Klangtupfer in ein paar Songs, sondern fester Bestandteil des Gesamtsounds. Auf der einen Seite ist das eine sehr deutliche Entwicklung, an die man sich gewöhnen muss, jedoch wirkt die Scheibe homogener denn bei lediglich sporadischem Einsatz. Dem hat die Band Rechnung getragen und wird auf der kommenden Tour zumindest mit einem Mann an den Tasten unterwegs sein, da darf man auch gespannt sein, was die Zukunft bringt.

Für viele Fans der ersten Stunden wird das natürlich schwer zu verdauen sein, die Rufe nach Ausverkauf waren schon nach dem subtiler produzierten Debüt laut geworden. Ruhiger ist aber nicht immer kommerzieller, denn von poppigen Gefilden ist „Lady In Gold“ weit entfernt. Dazu trägt vor allem die Spontaneität bei, welche sich die Formation trotz der erwachseneren Ausrichtung bewahrt hat. Dennoch muss man die Frage stellen, wie weit die Band für das Ergebnis im Studio verantwortlich ist. Natürlich haben mir Sorriaux und Larsson in Gesprächen und Interviews angedeutet, dass sie auf dem nächsten Longplayer mehr in Richtung Soul gehen wollen, doch die Ausführung liegt nicht allein in ihren Händen.

Bei der Vielzahl von Details, die den Sound ausmachen, darf die Rolle von Don Alsterberg an den Reglern nicht unterschätzt werden. Ich will nicht sagen, dass er den Musikern etwas aufgedrängt hat, ich denke, dass diesen so ein Ergebnis im Kopf herum schwirrte. Doch ob die junge Truppe schon all die Möglichkeiten kannte, um diese umzusetzen, ist zu bezweifeln. Ein alter Hase wie Alsterberg kann hier mit seiner Erfahrung viele Ideen einbringen, welche die Vier beeindrucken. Diese werten die Songs sicher auf, doch damit läuft die Band Gefahr zu viel Kontrolle aus der Hand zu geben.
Der Vorwurf eines Produzentenalbums kann hier nicht entkräftet werden, das muss die Formation auf Tour machen. Auf jeden Fall haben die BLUES PILLS eine sehr dichte und euphorische Platte geschaffen, mit der sie ihren Erfolg sicher ausbauen werden. Doch wie sich diese bei aller Klasse langfristig auf die Karriere auswirkt muss sich erst zeigen. Zu viel Fragezeichen ergeben sich hinter der wiedergespiegelten Identität und den Auswirkungen auf das Bandklima. (Pfälzer)

Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 40:39 min
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichungstermin: 05.08.2016

Bewertung:

Pfaelzer8,0 8 / 10


Andreas 6,5 6,5 / 10

Anne7,0 7 / 10

Dennis7,5 7,5 / 10

Jochen7 7 / 10

Maik8,5 8,5 / 10

Matthias6,5 6,5 / 10

Pascal8,0 8 / 10


bluespills ladyingold700

 

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Pfaelzers Avatar
Pfaelzer antwortete auf das Thema: #19325 1 Jahr 1 Tag her
Ich nehme mal Maiks Anmerkung auf, der sich über die niedrigeren Noten wundert. Schon bei den ersten Tönen hörte ich im Hinterkopf die "Ausverkauf"-Rufe, die aber im Gegensatz zu manchem Metalcore-Act hier ungerechtfertigt sind. Schade, denn trotz der Weiterentwicklung blieben, wie ich schrieb, die Mermale bestehen - Spontaneität, die songwriterische Handschrift und eine Euphorie, die mehr mitreisst als manches noch so brutale Riff. Das ist ehrlicher als wenn manche Band seit 20 Jahren immer wieder das selbe Album aufnimmt.
Pascals Avatar
Pascal antwortete auf das Thema: #19303 1 Jahr 1 Woche her
Die Spannung auf "Lady In Gold" stieg meinerseits, gerade aufgrund der ersten Single, bis ins Unermessliche. Und was soll ich sagen? Das Album ist ganz anders als erwartet, weniger Gitarren und generell mehr Soul. Doch ist anders gleich schlecht?

Keineswegs, für meinen Geschmack wagen die Blues Pills mit "Lady in Gold" einen sehr mutigen Schritt. Bereits mit der zweiten Platte einen derartigen Wandel zu vollziehen, erinnert an manch große Bands aus den Sechzigern. Und wenn andere Bands immer in der Kritik stehen sich zu wiederholen, wird man das den BLUES PILLS ganz sicher nicht nachsagen können. Ich bin mir sicher, und da schließe ich mich der Meinung von Kollege Rainer an, dass das für viele Fans nur schwer zu verdauen sein mag. Doch nur so bleibt es weiterhin spannend diese Band zu verfolgen. Gerade auf die Live-Shows bin ich extrem gespannt.

Für mich haben die BLUES PILLS mit "Lady In Gold" ein gutes bis sehr gutes Album geschaffen, dass völlig anders geworden ist als ich es zunächst vermutet hätte. Und das finde ich auch gut so.

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