joebonamassa bluesofdesperationnb mehrfachwertungEr ist wirklich präsent wie nie, auch wenn er neuerdings zwei Jahre braucht, um ein neues Studioalben fertig zubekommen. Da auch der derzeitige Bluesgott keine Songs am Fließband aus dem Ärmel schüttelt, kann es etwas länger dauern, da er auf seinem neuesten Werk wieder alle Titel selbst komponiert hat. Doch die Zeit wurde locker mit Liveauftritten und entsprechenden Veröffentlichungen überbrückt. Trotz der enormen Schlagzahl fällt es schwer an den Aktivitäten von JOE BONAMASSA etwas Negatives zu finden, mir ist es auf „Live At Radio City Music Hall" dennoch gelungen. Da er es sich leisten kann, auf herkömmliche Marktmechanismen zu verzichten, erscheint sein Album erst nach den Deutschlanddates im März. Für alle diejenigen, die vorher wissen wollen, ob die Titel, die von „Blues Of Desperation" zu erwarten sind, wieder Anlass zur Kritik geben, hat die Redaktion die Scheibe auf Herz und Nieren untersucht.

Ein Herz haben die Tracks auf jeden Fall und das pocht sehr laut, beim sehr rock´n´rolligen Opener „This Train" ist das Schlagzeug derart dominant, dass man zuerst einmal irritiert ist. Man muss der Nummer attestieren, dass sie sehr gut nach vorne rockt, die Feinheiten aber vermissen lässt. Das hat schon etwas von aktuellen WHITESNAKE, wenn sie DEEP PURPLE-Klassiker der Coverdale-Ära zum Besten geben.
Natürlich tut Bonamassa gut daran, hier mal so nahe wie möglich an seinen druckvolleren Livesound zu kommen, alleine schon, um nicht zu sehr in Routine zu verfallen und etwas Neues zu bieten. Der Ansatz ist gut, doch bei heutigen Aufnahmetechniken auch gewagt. So ist es vor allem der erneut phänomenalen Produktion von Kevin Shirley zu verdanken, dass das wuchtige Mastering nicht zu viel Feeling aus den Arrangements heraus pustet.

„Mountain Climbing" donnert im Anschluss ebenso massiv, was eine gewisse Eingewöhnungszeit bedarf. Doch wenn man hinhört, mit welchem Feintuning die einzelnen Parts ausgearbeitet wurden, beginnt einen die zwölfte Studioscheibe gefangen zu nehmen. Die messerscharf herein schneidenden weiblichen Soulchöre sind so unfassbar auf den Punkt gebracht, dass man den Ohren kaum traut. In der Folge tut man sich aber gut daran, der Druck etwas heraus zu nehmen, um dem Spiel mehr Luft zu geben. Der Drive bleibt zwar unwiderstehlich, kommt aber bei „Drive" etwas subtiler.

Die Fahrt geht raus in die Wüste auf den staubtrockenen Highway, hinein in die gespenstische Atmosphäre der warmen Nacht, und vielleicht grüßen aus dem Auto nebenan Sailor und Lula. In dieser Lässigkeit schwelgen noch weitere Tracks auf dem Longplayer, was einen starken Gegenpol zu den maskulinen Rockern entwirft. Zwischen Americana und fast schon gospelmäßigem Soul pendelnd folgt „The Valley Runs Low" dem Jargon der Springsteenschen Übersetzung von Black Music. Tief in der Nacht entdeckt der Hörer auch eine Bar, in der verlorene Saxophontöne das Honky-Tonk-Piano von „Livin´Easy" umgarnen.

Beeindruckend, wie es JOE BONAMASA gelingt, die Grenzen des Genres immer wieder bis zum Äußersten auszuloten, um damit seine Scheiben so unglaublich abwechslungsreich zu gestalten. So gibt es keine Wiederholungen, weil er trotz der Treue zum Blues keine Scheuklappen auf hat. Flirtete er bei „Never Give All Your Heart" auf dem letzten Album mit dem Riffrock, so gibt es dieses Mal kein Stück, das in dessen Nähe käme. Den einzigen Berührungspunkt zum letzten Opus bildet mit „What I´ve Known For A Very Long Time" eine loungeige Nummer zum Abschluss.
Gerade wenn er nur auf Eigenkompositionen setzt, verleiht der Mann seinen Werken eine noch größere Homogenität und stärkere Identität. Die vielen Bläsersätze von „Different Shades Of Blue" sind fast vollständig verschwunden, dafür arbeitet er jetzt viel mit weiblichen Vocals und gibt sich noch rauer und ursprünglicher. Dabei kann der gute Joe in „ You Left Me Nothing But The Bill And The Blues" nicht verhehlen, dass er in den letzten Jahren viel durch das Delta gewatet ist.
Beim zurückrudern zu den Wurzeln wurden auch die eingängigen, sanften Melodien, die Alben wie „Driving Towards The Daylight" geprägt hatten, über Bord geworfen. Auch bei der Soloarbeit löst sich der begnadete Künstler mehr von den gängigen Schemen, experimentiert mehr, weiß damit zu überraschen, was die Stücke noch lebendiger macht. Im Rhythmusbereich dominieren beim kraftvolleren Sound von „Blues Of Desperation" vor allem richtig dicke, schwere Rifferuptionen.

Im Zusammenspiel mit Feedbackspielereien, folkigen Akustikthemen und „Kashmir"-Opulenz lassen diese im Titelsong das Luftschiff vor dem geistigen Auge wieder aufsteigen. Doch nicht nur hier ist der Einfluss der Legende allgegenwärtig, gerade im kompositorischen Ansatz schauen Page oder auch Hendrix öfter vorbei. Das ist in einigen Stücken nachzuhören, besonders im Höllengroove von „Distant Lonesome Train", der wie eine Herde Büffel über den Hörer walzt.
Nur einmal betritt JOE BONAMASSA ausgetrampelte Pfade und gewinnt auch da auf ganzer Linie. Im Slow-Blues von „No Good Place For The Lonely" duellieren seine emotionalen Leadfills mit Orgeleinschüben des großartigen Reese Wynans, der zwischendurch auch mal mit überraschendem Synthesizerflirren die Spannung hochhält. Am Ende kulminiert der Longtrack in ein brillantes Solo, bei dem die Töne bis an die Schmerzgrenze gezogen werden, eines dieser Soli, bei welchem der Begriff Saitendehner eine neue Dimension erhält.

Mit seinem mittlerweile schon zwölften Studiowerk geht der Mann seinen Weg unbeirrt fort, findet die perfekte Balance zwischen Tradition und Erneuerung. Mal sehen, wie viele Titel es noch vor Release ins Set schaffen, Gedanken darüber, dass diese nicht ankommen, muss er sich angesichts seiner begeisternden Interpretation ohnehin nicht machen. Vor allem nicht, weil die Qualität dieses Mal durchgängig in der obersten Klasse angesiedelt ist. Jeder Track ist sehr fein auskomponiert und geschmackvoll mit Liebe zum Detail eingespielt. Hach, wenn doch nur der Sound die Tiefe dieser Songs erreichen würde, hach, ich könnte mit der Höchstnote liebäugeln. (Pfälzer)

Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 56:12 min
Label: Provogue/Mascot
Veröffentlichungstermin: 25.03.2016

Bewertung:

Pfaelzer9,0 9,0 / 10


Anne6,0 6 / 10

David8,0 8,0 / 10

Jochen7,5 7,5 / 10

Klaus7,0 7,0 / 10

Maik8,5 8,5 / 10

Matthias8,0 8,0 / 10

Pascal8,0 8,0 / 10


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