motoerhead cleanyourclockLemmy hat Religion und Fanatismus immer verabscheut und hat in vielen seiner Texte darauf hingewiesen, wo das hinführt. Insofern ist es auch rätselhaft warum seine Fans einen Kult um seine Person machen, aber so sind die Menschen eben. Seine Fans waren dem belesenen Raubein jedoch immer heilig. So ging er im Herbst 2015, schwer von seiner Krankheit gezeichnet und geschwächt, auf Tour – leider die letzte.
Immer wieder war er wegen seiner Lebensweise dem Tode nahe, aber sein Überlebenswille schien immer stärker zu sein. Seine Art zu leben wollte er jedoch nie ändern. Sex, Drugs and Rock'n'Roll - das war sein Traum, den er auch auslebte.

Trotz der schon lange andauernden gesundheitlichen Probleme von Knarzkönig Lemmy scheint dieser unverwüstlich. Jedoch wirkt der, zum Zeitpunkt des Konzerts auf die 70 zugehende, ältere Herr schon ziemlich schwach und jedes Konzert könnte das letzte sein.
Die Show in München gibt sich keine Blöße, es wird das volle Programm gefahren. Der Bomber hängt unter der Bühnendecke und beeindruckt nach wie vor, die Show im Zenit ist bis auf den letzten Platz an beiden Tagen ausverkauft. Von Beginn des Konzertes an wirkt alles wie immer, es ist nur Lemmy, der schwach wirkt. Ab und an möchte man sagen: komm, gönn dir bitte eine Pause oder spiel ein paar ruhigere Songs, die sind auch prima! Aber das wäre unter der Würde des Mannes, der die Band in vierzigste Jahr ihres Bestehens geführt hat. Mal mehr, mal weniger erfolgreich, aber mit stetig wachsender Fanbase.
Seine Mitstreiter Phil Campbell und Mikkey Dee passen ihr Spieltempo und Energie dem Boss jederzeit behutsam aber merklich an, jedoch ohne ihr bekanntes Auftreten zu vernachlässigen. Ruhepausen äussern sich, passend zur Rock'n'Roll-Show, im Gitarren und Schlagzeugsolo. Richtig unangenehm ist für mich jedoch nur der schwachbrüstige Gesang, bei dem man die fehlende Energie merkt. Dennoch schlägt sich der ausgemergelte Mann tapfer – er möchte seine Fans keinesfalls enttäuschen. Diese feiern auch ausgelassen, wie eh und je.
Die Setlist besteht aus bewährten Klassikern wie „Metropolis“ aber auch mit „When the Sky Comes Looking For You“ (Interessante Titelwahl!) leider nur einem Song aus dem aktuelle Album „Bad Magic“. Zu meiner Überraschung befindet sich eine ordentliche Version vom umstrittenen Album „Another Perfekt Day“ - „Rock It“ in der Setlist.
Lemmy erwähnt vor „Dr. Rock“, dass er das Lied Philthy Animal Taylor widmet, der eine Woche vor dem Konzert in München verstarb.
Normal wäre sicher auch „Killed By Death“ im Programm, aber wenn das Leben schon so sehr am seidenen Faden hängt, ist es dann doch nicht mehr so witzig.

Es ist für den wahren Fan nur mit Schmerzen zu ertragen zu sehen wie schwach sein Schöpfer seinem mächtigen und kraftvollen Lebenswerk gegenübersteht. Wo wir auch schon bei der Machart der Live-DVD wären. Das Niveau ist, wie schon auch bei den vorherigen offiziellen Veröffentlichungen, auf sehr hohen Level. Der Ton ist ungeschönt roh und brachial zugleich. Hier wurde keine Rückkopplung herausgefiltert, welche, wie in den letzten Jahren, immer von Lemmys Mikrofoneinstellung stammen. Die Lichtshow ist über jeden Zweifel erhaben, die Kameraschnitte zwar manchmal unangenehm hektisch, aber nie entblößend oder voyeuristisch.
Das Konzert lässt sich so ganz gut nacherleben, auch ohne direkt dabei gewesen zu sein.
Als Bonus wird noch ein Interview mit Lemmy geboten, bei dem auch Freunde und Mitmusiker zu Wort kommen, welches jedoch eher wie eine Dokumentation wirkt. Das hervorragend gestaltete Digi-Pack, mit aufklappbarer Bühnenszene im Innern und tollem reich bebildertem Booklet, enthält auch noch eine Audio-CD mit dem kompletten Konzert.

Ob jemand einen siebten Sinn hatte, diese beiden, leider letzten Konzerte von MOTÖRHEAD aufwendig mitzuschneiden, oder ob es dem Geschäftsinn des Management zu verdanken ist, lässt sich natürlich nur schwer nachvollziehen. Ich will hoffen, dass das Lebenswerk von Herrn Kilmister jetzt nicht noch mehr ausgeschlachtet wird, wie es schon in der Vergangenheit der Fall war, sondern man die vorhandenen Veröffentlichungen für sich sprechen lässt. Wenn man Lemmy kannte, weiß man, dass er nie was halbgares veröffentlicht hätte – wie z.B.: „Dirty Love“.
Sein unnachahmliches Bassspiel und seine einmalige Art zu Singen wird für Generationen von Musikern ein viel zu großes Paar Schuhe sein. Dennoch werden es sicher einige nicht unversucht lassen, sein Denkmal zu stürzen.

Lemmy hat so gelebt wie er es wollte, wie wir nun wissen. Er hat all seine Lebensenergie für das Wirken auf und hinter der Bühne aufgebraucht, sodass er bei diesem unvorhersehbar letzten Auftritt in München relativ kraftlos seinen eigenen kraftvollen Liedern entgegen sieht.
Einerseits ist es traurig mit anzusehen wie er sich quält, andererseits Hut ab, dass er sich ein letztes Mal für eine komplette Tour bis zum letzten Tag aufgebäumt hat.
Dieser Kraftakt hat seine Energie komplett aufgezehrt, sodass das Unvermeidliche einfach schneller eintrat – Lemmys Tod.
Mit Ian Frasier Kilmister, geboren am 24.12.1945 in Stoke-on-Trent, Staffordshire, England – gestorben am 28.12.2015 in Los Angeles, Kalifornien, geht eine Ära der Rock'n'Roller zu Ende, die alles probierten und kein Limit kannten – Sky is the Limit! Lemmy, der sich selbst immer als Outlaw empfand, erschuf unbewusst eine Musikrichtung und einen einmaligen Stil, bei dem jeder Nachmacher lächerlich wirkt. Wir werden noch Jahre brauchen, um sein Erbe wirklich begreifen zu können. Rock In Peace Lemmy und danke für den Fisch. (Andreas)

 


Bewertung:

Andreas8,0 8 / 10


Anzahl der Songs: 16
Spielzeit: 91:13 min
Label: UDR Music
Veröffentlichungstermin: 10.06.2016

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