genesis threesidesliveLivealben der Progüberväter waren immer eine besondere Angelegenheit, auch wenn die beiden Teile von "The Way We Walk" von der Kritik zerrissen wurden. Mit der Doppelveröffentlichung "Live Over Europe/When In Rome" konnte man auf der Reunionstour 2007 wieder die alte Klasse unter Beweis stellen. Von dem 1973 erschienenen, schlicht "Genesis Live" betitelten Album schwärmen die Fans ihrer Symphonic Progphase noch heute. Als dann diese Phase mit dem Weggang von Steve Hackett endgültig verabschiedet wurde, bildete das großartige "Seconds Out" den würdigen Schlusspunkt. Bevor GENESIS endgültig zum weltweiten Megaact aufstiegen, erschien 1982 "Three Sides Live", welches auch auf VHS veröffentlicht wurde. Da variierte die Setlist im Vergleich zum Album und auch da gab es einige Unterschiede. Nun wurden die Aufnahmen im Zuge einer größeren Releaseoffensive als DVD und Blu Ray auf den Markt geworfen.

Ursprünglich waren ja nur drei Seiten der Doppel-LP mit Livestücken gefüllt, was der Platte auch ihren Namen gab. Die vierte Seite beinhaltet fünf Studioaufnahmen aus den Sessions der drei voran gegangenen Alben, von denen "Paper Late" ein kleiner Hit wurde. Leider war dieser am nächsten an Phil Collins Soloouvre, was das Dilemma der kommenden Jahre einläuten sollte.
Während "Three Sides Live" so in Deutschland und dem nordamerikanischen Markt veröffentlicht wurde, gab es in England auf der vierten Seite Konzertaufnahmen von klassischen Siebzigerstücken. Die Videoaufnahmen zeigen wie erwähnt wiederum ein ganz anderes Bild, denn die Songreihenfolge wurde erheblich verändert. Dass die Schnulze "Follow You Follow Me" hier als Bilddokument fehlt, stört eigentlich weniger, zumal dafür drei andere Songs drauf gepackt wurden.

In der Version wurden die Aufnahmen nun auf DVD und Blu Ray übernommen, was vom technischen Standpunkt vielleicht ein wenig anachronistisch anmuten dürfte, aber den ursprünglichen Charme einfängt. Die Titel stammen zum großen Teil aus den beiden seinerzeit aktuellsten Scheiben "Duke" und "Abacab", mit einem Seventies-Medley veredelt. Aufgenommen wurden die Lieder in verschiedenen Locations wie dem Nassau Colisseum auf Long Island oder dem "Savoy" in New York City. Es war die Zeit, als die Truppe auch versuchte in den Staaten Fuß zu fassen, was erst im Anschluss gelingen sollte.

Von der Bildqualität ist dieser Mitschnitt natürlich weit vom heutigen Standard entfernt, vor allem das Licht wurde schlecht eingefangen und generell ist die Bühne sehr dunkel ausgeleuchtet. Man darf nicht vergessen, dass gerade GENESIS in der Hinsicht damals zu den absoluten Innovatoren zählten. Doch wenn die Lichtkegel der Varilights völlig ineinander laufen, verlieren sie ihre Wirkung. Soundtechnisch geht das Ganze hingegen völlig in Ordnung, das Klangvolumen ist satt, die Instrumente klingen differenziert und klar.

Als störend fallen aber die vielen eingespielten Interview und Backstage-Sequenzen auf, die teilweise in die Songs geblendet werden. Schon zwischen den Stücken behindern sie den Fluss des Konzertes, mittendrin sind sie manchmal sogar ärgerlich. Heutzutage würden solche Sachen einfach als Bonus angehängt werden, auf einem VHS-Band waren die Möglichkeiten eher weniger gegeben. Wenn sphärische Passagen das ruhig gefilmte Treiben hinter der Bühne unterlegen, erzeugt das sogar eine tolle Atmosphäre. Und das aufgezeichnete Radiointerview ist auch absolut sehenswert, aber doch eben als Zusatz. Rückblickend wirkt diese Herangehensweise aber auch wiederum authentisch.

Zumal die Konzertaufnahmen alle sehr gut sind, das Spiel der toll aufgelegten Band wurde gut eingefangen. Als Ersatz für Hackett hatte man sich ja Daryl Stuermer für die Gigs ins Boot geholt, der hier sich mit Mike Rutherford an Gitarre und Bass abwechselt. Live wurden GENESIS zudem noch von Chester Thompson am Schlagzeug unterstützt, weil sich Collins später hauptsächlich auf seine Frontmannrolle beschränkte. Beim Intro des Opneners "Behind The Lines" ließ er sich es aber ebenso wenig nehmen selbst auf die Pauke zu hauen wie in der genialen Solosequenz von "Cinema Show". Was er und Thompson da an absolut synchronem Drumming abliefern ist atemberaubend.

Von seinen Frontmannqualitäten konnte er zu der Zeit noch nicht mit seinem Vorgänger Peter Gabriel mithalten. Kaum theatralische Elemente sind zu sehen, ein wenig Ausdruckstanz gegen Ende, aber sonst gibt sich der gute Phil nüchtern. Auf der anderen Seite wirkt er mit seinem lässigen T-Shirt und den Händen in der Hosentasche genau wie der Kumpeltyp, dem man ihm später gerne abnahm, was seiner Solokarriere auch förderlich war.
Nur einmal bei "Who Dunnit?" thront er hinter den Drumrisern auf einem Podest, Sonnenbrille und Mütze sind aber auch nicht ganz Gabriels Liga. Dafür ist das Spiel der Truppe immer noch so exquisit wie zu dessen Ära, am besten wurde es bei Keyboarder Tony Banks eingefangen. Fast schon stoisch sitzt er hinter seinen Synthesizern, seine Finger indes wirbeln mit einer Leichtigkeit über die Tasten.

Eine Bonuszugabe gibt es zwar auch, doch die sieben Songs liegen lediglich in Audioform auf dem Silberling vor. Das sind zum einen die Songs, die von den Einspielungen zerschnitten wurden, und hier in voller Länge zu hören sind. Dazu gesellen sich mit "One For The Wine" und "Fountain Of Salmacis" zwei Nummern, die von der England-Pressung stammen. Und am Ende taucht "Follow You Follow Me" doch noch auf. Wirklich großartig ist die visuelle Version von "Three Sides Live" nicht, bietet aber ein interessantes Dokument aus der Zeit, als sich GENESIS vom Prog Rock zum Stadion Act wandelten. Live sind die Songs auf jeden Fall besser als ihr Ruf. (Pfälzer)

Bewertung: 7 / 10

Anzahl der Songs: 12 (Video) / 7 (Audio)
Spielzeit: ca. 83 min (Video) / (Audio)
Label: Eagle Vision
Veröffentlichungstermin: 31.10.2014

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