spocksbeard snowliveSo richtig verstand das damals keiner, vermutlich nicht mal der Künstler selbst, aber manchmal geht das Leben seltsame Wege. Nachdem SPOCK´S BEARD wie kaum eine andere Band den progressiven Rock aus seinem Dornröschenschlaf geweckt und mit dem Doppeldecker „Snow“ ihr Opus Magnum veröffentlicht hatten, verließ Mastermind Neal Morse die Truppe. Die kam mächtig ins Schlingern, während einige Epigonen an den Vorreitern vorbei zogen. Erst später sollte der tiefgläubige Morse als Solokünstler in Erscheinung treten, dazu ist er auch wieder mit seiner Zweitband TRANSATLANTIC aktiv. Mit seinen früheren Kollegen tritt er mittlerweile auch wieder gelegentlich auf, dann vor allem wenn es darum geht das Meisterwerk von 2002 auf die Bühne zu bringen, was seinerzeit leider nicht geschah. Neben einer Aufführung beim der Night Of The Prog auf der Loreley führte es die Formation auch beim Morsefest 2016 auf, von dem nun der Mitschnitt „Snow-Live“ vorliegt.

Aufgenommen wurde das Spektakel am 2. Juli 2016 im New Life Fellowships in Cross Plain, Tennessee, und das Wort Spektakel steht für sich. Das ursprüngliche Werk war ja nicht nur das einzige Konzeptalbum der Band, sondern auch ein Schmelztiegel der verschiedensten Stile. Der typische Prog der ersten Scheiben wurde aufgebrochen und mit verschiedenen Elementen aufgewertet. Da wäre zu erstmal Art Rock in „All Is Vanity“, eher neoproggiges wie „Open Wide The Flood Gates“, bombastisches im KANSAS-Stil in der Art von „Made Alive“ mit „I´m Sick“ sogar ein Blues und beispielweise in „Devil´s Got My Throat“ Hard Rockanklänge. Gerade letztere prägten die ersten Alben nach Morse ein wenig zu sehr.

Hier liegt der Fokus weniger auf langen Instrumentalabfahrten, wenngleich diese auch stattfinden, aber nicht so exzessiv. Das Konzept verlangt mehr Story, mehr Gesang und Erzählkunst, ein paar Mal erläutert Morse zwischendurch das Geschehen um den Protagonisten. Bei den Aufführungen waren auch stets alle Musiker, die je in der Band gespielt haben dabei, unterstützt von zwei Bläsern. Das hat den Vorteil, dass man mit drei Sängern jeweils die passendste Stimmfärbung aufbieten kann, und es kommen auch alle zu Zug. Morse übernimmt den Löwenanteil mit seiner theatralischen Aura, die besonders in „I´m Dying“ zum Ausdruck kommt, als er wie verzweifelt von der Bühne kriecht. Nick D´Virgilio hat eine klarere Stimme, während Ted Leonards Timbre eher rockig gefärbt ist.

Dem starken Beitrag stehen die Instrumentalisten in Nichts nach, vor allem Alan Morse scheint die ruhigen filigranen Soli zu genießen, welche ihm das Werk bietet. Ohnehin ist seine Anschlagtechnik sehr eigen und wird immer wieder sehr schön in Szene gesetzt. Hinten steht Dave Meros wie ein Fels und scheint sein Langholz förmlich zu umarmen. Auch er bekommt seine Momente, wenn er seine dicken Saiten ganz tief drückt und eine großartige Atmosphäre wie in „I´m The Guy“ erzeugt.
Über Ryo Okumoto als Tastenzauberer muss man keine Worte mehr verlieren, er springt zwischen seinen beiden Synthesizern hin und her und entlockt ihnen die unglaublichsten Töne. Und hinten ergänzen sich die beiden Drummer sehr gut, mal jeder mit seinen Parts, dann wieder synchron, und wenn D´Virgilio nach vorne geht, übernimmt Jimmy Keegan problemlos alleine. Das Ganze sitzt dazu noch sowas von perfekt auf den Punkt, dass einem der Atem stockt, hier werfen die Protagonisten all ihre Erfahrung in die Waagschale, dafür stimmt das Gefühl füreinander.
Absolut beeindruckend sind auch die Satzgesänge, die egal wer da gerade mit einsteigt wunderschön rüberkommen. Obendrein wissen SPOCK´S BEARD dank der vielschichtigen Instrumentierung sämtliche Soundlöcher stopfen, die sich irgendwo auftun könnten. Ähnlich wie bei den angesprochenen KANSAS wechseln die Mucker munter hin und her, so sind teilweise gleich vier Akustik – oder drei E-Gitarren im Einsatz, über viele Strecken zwei Keyboards. Diesen riesigen bunten Strauß an Klängen wurde von Stammtoningenieur Rich Mouser perfekt und plastisch in Szene gesetzt.

Wer nun annimmt, dass die Herren ihre Beiträge hochkonzentriert herunter spielen, um ja keinen Einsatz zu verpassen, der irrt gewaltig. Das ganze Konzert sprüht nur vor Spielfreude, der Spaß an der Sache ist jedem anzusehen, jeder Ton wird unglaublich inspiriert vorgetragen. Es ist die Art, wie sich die Musiker gegenseitig anstacheln, einer den anderen präsentiert, anstatt sich selbst in den Fokus zu rücken. Hier gilt nur die gemeinsame Sache, es gibt keine Egotrips, selbst der etatmäßige Frontmann Leonard gibt sich mit seiner Rolle zufrieden.
Da dürfen sich die beiden Schlagzeuger beim großen Finale mit „Falling Forever“ nach Herzenslust duellieren und dabei noch einige Späße einbauen. Überhaupt ist dieser, auf der Compilation „The First Twenty Years“ erschienene Longtrack noch einmal ein großes Schaulaufen der kompletten Band. Okumoto darf während des auch in der Studiofassung vorhandenen Solos mit der Keyboardgitarre durch das Publikum laufen, D´Virgilio und Morse tun dies am Ende der ersten Zugabe „June“ mit den Klampfen und auch der gute Ted rockt bei seinen Leadgesängen umher.

„Snow“ war schon auf Platte großes Kino, doch diese leidenschaftliche Performance toppt die Scheibe noch einmal. Hier gibt es auch ein paar visuelle Elemente dazu, wie die Theatralik, die sechsteilige Leinwand in dem Venue und eine tolle Lightshow. Auch das wurde hervorragend eingefangen, es gelingt sogar die Überblendungen des Lichts als Effekte zu nutzen. Es ist ebenso schön, wie immer wieder das begeisterte Publikum in Szene gesetzt wird, gerade in Nahaufnahmen, wenn mit voller Inbrunst mitgesungen wird. Abgerundet wird das Paket mit vielen Aufnahmen hinter den Kulissen und Interviews, die auch die Zeit des Splits beleuchten. Ob als Doppel-DVD oder Blu-Ray im edlen Digipack mit der Audioversion als Bonus-Doppel-CD ist „Snow-Live“ sicherlich der Konzertmitschnitt des Jahres. (Pfälzer)



Bewertung:

Pfaelzer9,0 9 / 10


Anzahl der Songs: 31 (DVD1) / 3 (DVD2) / 17 (CD1) / 12 (CD2)
Spielzeit: ca. 125 min (DVD1) / ca. 101 min (DVD2) / 75:44 min (CD1) / 76:08 min (CD2)
Label: Radiant Records/Metal Blade
Veröffentlichungstermin: 10.11.2017

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