europe warofkings„An allem sind nur die Schweden schuld". So könnte man, leicht überspitzt, meine erste Begegnung mit dem Hardrock schildern. Hörte ich doch 1986 zum ersten Mal in der Jeansabteilung eines Kaufhauses die Eröffnungsfanfare des Songs, der für EUROPE für die nächsten Jahrzehnte sowohl Fluch als auch Segen werden sollte. Gemeint ist natürlich „The Final Countdown". Zum Fluch wurden Song und gleichnamiges Album aufgrund der Tatsache, dass dies bis heute immer noch die meistverkaufte Scheibe der Band ist und viele sie noch immer auf diese eine Nummer reduzieren, wobei gerne vergessen wird, dass EUROPE bereits vor „The Final Countdown" mit „Europe" (1983) und „Wings Of Tomorrow" (1984) zwei Werke veröffentlicht hatten und die Vorgängerband FORCE sogar schon 1979 gegründet wurde.

Nichtsdestotrotz kam der Durchbruch für die Jungs erst 1986 mit ihrem Drittwerk „The Final Countdown". Im Folgenden erging es den Schweden, wie es zur damaligen Zeit vielen ihrer Genrekollegen ging, sie wurden von Label und Management in eine Ecke gedrängt, in die sie weder passten noch wollten. So versuchte man aus EUROPE eine Art europäische Antwort auf BON JOVI zu kreieren und vor allem Sänger Joey Tempest zum Mädchenschwarm zu stilisieren. Daraus folgte, dass man sich schließlich nicht mehr auf den Titeln der Musikmagazine wiederfand sondern auf dem Cover von Teeny-Gazetten wie „Bravo" und „Popcorn". In der Szene war die Gruppe damit als Poser Kapelle verschrien und die alten Fans wanden sich angewidert ab. Auch der kommerzielle Erfolg blieb danach aus, auch weil es EUROPE nicht gelang noch einmal eine Hymne wie „The Final Countdown" zu schreiben, obwohl der 1988er Nachfolger „Out Of This World" sowie das 1991er Album „Prisoners In Paradise", nach Meinung vieler, musikalisch deutlich besser waren als „The Final Countdown". So kam mit dem Einsetzen des Grunge was kommen musste. 1992 löste sich die Band auf.

Erst 2004 fand man wieder zusammen und läutete die zweite Ära von EUROPE ein. Und selbst, wenn die Hallen mittlerweile um einiges kleiner sind als auf dem Zenit der Kariere, so erweist sich der Erfolg von „The Final Countdown" nun als Segen für Joey Tempest (Gesang, Rhythmusgitarre), John Norum (Leadgitarre), John Levén (Bass), Mic Michaelli (Keyboards) und Ian Haugland (Schlagzeug). Sehen sie sich doch aufgrund immer noch regelmäßig ins Haus flatternder Tantiemen Schecks in der glücklichen Position nur noch die Musik spielen zu müssen, die sie spielen wollen. Und so erschien bereits im März letzten Jahres mit „War Of Kings" das mittlerweile zehnte Album der Schweden.

Wer damals schon zugriff, der dürfte sich nun ein wenig ärgern, sich nicht noch ein wenig in Geduld geübt zu haben, erschien doch am 27.11.2015 die Special Edition, die nicht nur als schickes Hardcover Büchlein mit sämtlichen Texten sowie zahlreichen Fotos daherkommt sondern mit dem Instrumental „Vasastan" einen zusätzlichen Song und mit „Live At W:O:A 2015" eine DVD vom Wacken Konzert des Fünfers enthält.

Wie bereits erwähnt sind EUROPE heutzutage in der Lage musikalisch ihr Ding durchzuziehen und dieses geht seit der Neugründung immer mehr in Richtung bluesbeeinflusster Classic Rock. Während beim Vorgänger „Bag Of Bones" noch IRON MAIDEN Stammproduzent Kevin Shirley die Regler bediente, legte man die Produktion von „War Of Kings" in die Hände von Dave Cobb, der bisher eher für seine Arbeit mit Country- oder Americana Musikern bekannt war.

Und siehe da, es funktioniert. Denn Cobb hat EUROPE einen deutlich düsteren Klang verpasst als sein Vorgänger und so erinnert „War Of Kings" nicht selten an LED ZEPPELIN oder gar DEEP PURPLE, deren Einfluss man besonders bei „Children Of The Mind" und „Rainbow Bridge" nicht leugnen kann. Doch auch GARY MOORE hat seine Spuren in der Musik der Truppe hinterlassen, wie man bei „Angels (With Broken Hearts)" deutlich hören kann. Alles in allem wundert man sich nicht, dass „War Of Kings" in den Jahres Polls der verschiedensten Musikmedien auf den vorderen Plätzen zu finden ist, gehen EUROPE doch konsequent den seit „Start From The Dark" eingeschlagenen Weg weiter.

Die DVD „Live At W:O:A 2015" bietet dann 86 Minuten lang EUROPE live. Wobei ich der Meinung bin, dass es pure Verschwendung ist, die Band auf so eine frühe Position des Billings zu setzen. Darüber, dass Joey Tempest und Co. in früheren Zeiten wohl die Hauptbühne beschallt hätten, braucht man sich auch nicht zu streiten.

Nichtsdestotrotz liefert die Band von der ersten Sekunde an gnadenlos ab und vor allem Tempest zeigt sich unglaublich agil und beeindruckt neben seiner Stimme auch mit seinen Deutschkenntnissen. Die Tatsache, dass er mittlerweile zum Großteil auf unnötige Sperenzchen mit dem Mikrofonständer verzichtet, macht den Mann noch sympathischer. Wenn er dann noch beim Klassiker „Rock The Night" „Du hast" von RAMMSTEIN zitiert kennen die Massen vor der Bühne kein Halten mehr. So spielt man sich durch ganze 17 Stücke, wobei auffällt, dass man mit gleich 6 Stücken von „War Of Kings" dem aktuellen Album einen großen Stellenwert im Set einräumt. Außerdem setzten EUROPE in Wacken ausnahmslos auf rockige Stücke. Wer auf „Carrie" oder ähnliches hofft, der wird leider enttäuscht. Allerdings habe ich noch nie zuvor einen Circle-Pit oder Crowdsurfer bei „The Final Countdown" gesehen.

Leider bietet die DVD einem nur das reine Konzert. Irgendwelche Extras gibt es hier nicht. Trotzdem ist diese Special Edition eine runde Sache und wer „War Of Kings" noch nicht sein Eigen nennt, der sollte definitiv zugreifen. Erhält man doch nicht nur eines der besten Hardrock Alben des letzten Jahres sondern zusätzlich noch die Aufzeichnung eines der besten Konzerte, die EUROPE je spielten. (Matthias)

Bewertung: 8,5 / 10

Anzahl der Songs: 29
Spielzeit: 140:11 min
Label: URD
Veröffentlichungstermin: 27.11.2015

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