stevehackett wolflightEs hätte so schön werden können; mit der Dokumentation „Sum Of The Parts" und sonstigen Aktivitäten wuchs noch einmal die Hoffnung auf eine Zusammenarbeit von GENESIS im klassischen Line-Up. Obwohl die Mitglieder über die Jahre stets befreundet waren und dieses Projekt engagiert angingen, sieht es nicht nach einer Fortsetzung aus. Hauptgrund dürften sicher die gesundheitlichen Probleme von Phil Collins sein. Erst kürzlich hat er einen Charatiyauftritt abgesagt, wie soll er da eine ganze Tour durchstehen. Aber auch weil STEVE HACKETT mit dem Ergebnis unzufrieden war, er seine Solokarriere zu wenig thematisiert sah. Das sicherlich mit Recht, auch wenn Gabriel, Collins und Rutherford erfolgreicher waren, sein Solooevre ist das umfangreichste. Und rein vom künstlerischen Gehalt muss er sich keinesfalls hinter Peter Gabriel und Tony Banks verstecken. Deswegen ist er nach der Geschichte der erste der seine Geschäfte weiterführt, nur ein paar Monate danach bringt er mit „Wolflight" ein neues Studioalbum heraus.

Darauf beschäftigt er sich wieder mit dem progressiven Rock, jenem Genre, dass er entscheidend mitgeprägt hat. Wie sehr er sein Erbe pflegt zeigte der Mann vor zwei Jahren auf der Neueinspielung „Genesis Revisited 2", mit der Hackett ausgiebig getourt ist. Nun gibt es wieder eigens Material, welches an die beiden Veröffentlichungen zuvor anknüpft. Inspiriert wurde er dabei von seiner Faszination und dem Mythos der Wölfe. Aber auch die besondere Morgenstimmung hat auf dem Werk des bekennenden Frühaufstehers Eindruck hinterlassen.
Versteifen auf hergebrachte Formeln war aber nie sein Ding, und so werden auch hier die Zutaten zu den Kompositionen neu durchmischt. Die weltmusikalischen Klänge, die bei „Beyond The Shrouded Horizon" tonangebend waren, wurden zurück gefahren, stattdessen ist ein deutlicher Einfluss klassischer Musik zu hören. Seit jeher war die Klassik ein wichtiger Mosaikstein im Soundgebäude von STEVE HACKETT, wie er auf mehreren rein klassischen Alben bewies. Auf „Wolflight" fügt er nun beide Welten weitestgehend gleichberechtigt zusammen.

Bereits im eröffnenden Instrumental „Out Of My Body" baut sich das Orchester mächtig zu treibenden Gitarren auf, um sich später mit Solopassagen zu duellieren. Der kraftvolle Einstieg nimmt am Ende eine schwerfällige Wendung, die zu eher wehmütigen Songs überleitet. Akustisch beginnt der Titelsong und nimmt erst einmal ein wenig Fahrt heraus. Die ätherischen Folkklänge sind der ideale Nährboden für den getragenen Gesang des Meisters. Immer wenn die Streicher anschwellen, färbt sich die düstere Stimmung noch dunkler, dagegen sind die sphärischen Leads etwas erhellend.

Die cineastische Stimmung verwandelt die langen Songs in ähnliche Miniopern, wie sie GENESIS einst schufen. Von „Lovesong For A Vampire" darf man schon aufgrund des Titels eine ebenso dichte Atmosphäre erwarten. Mit seiner an spanischer Klassik geschulten Gitarre zeigt der Saitenakrobat hier ebenso wie im instrumentalen „Earthshine" jene Künste, die er schon früh in seiner Karriere bei „Horizons" anklingen ließ.
Der ohne Lyrics gesungene Refrain breitet dann seine Flügel über zurückhaltenden Orchestrierungen aus und schwebt davon, ehe er von dem aufbegehrenden Geigen vom Himmel geholt wird. Diese verkörpern die mollgeschwängerte Schwermut russischer Komponisten wie Stravinsky. Am Ende zeigt STEVE HACKETT mit Kaskaden aus kantigen Riffs, melodiösen und schnellen Soli, wie sehr er das Prog-Fach heute noch beherrscht, ganz großes Kino.

Einen Schwenk gen Nordafrika unternimmt er mit „Corycian Fire", bei dem die Wucht des Orchesters dem Song auch wieder seinen Stempel aufdrückt. Wer zuerst „Kashmir" sagt, darf fünf Euro ins Phrasenschwein werfen, denn zum Glück geben atmosphärische Drums dem Stück eine ganz andere Richtung, bei der am Ende die Leadgitarre für das große Drama sorgt. Einen weiteren weltmusikalischen Ausritt in ähnliche Gefilde auf dem Globus findet der Hörer in „Black Thunder", bei dem die schweren Riffs zupacken.
Wer nun denkt, dass sich der Brite allzu düsteren Klängen hingibt, der wird glücklicherweise bei „Loving Sea" eines besseren belehrt. Hier gleiten seine Finger etwas flotter über die Saiten seiner Akustischen und verbreiten sonniges Hippie-Feeling. Angesichts der Tatsache, dass der Mann seit Kurzen wieder verheiratet ist, wäre es verwunderlich gewesen, wenn er hier musikalisch nur Trübsal blasen würde. Am Ende der Scheibe bekommt seine Frau Jo mit „Heart Song" auch eine Nummer gewidmet.

Faszinierend an „Wolflight" ist, dass es STEVE HACKETT scheinbar mühelos schafft, all diese unterschiedlichen Stimmungen und Einflüsse unter einen Hut zu bringen. Wo andere daran scheitern, ein homogenes Ganzes zu kreieren, bringt er alleine mit seinem variantenreichen Spiel schon mehr Facetten ein. Es ist sein charakteristischer Stil, der filigraner, nicht ganz so sanft wie bei Gilmour oder Rothery daher kommt, der den gemeinsamen Nenner bildet.
Genauso unverwechselbar ist Hacketts Gesang, den er in den letzten Jahren selbstbewusster einsetzt. Dieser eigenwillig getragene Stil trägt ebenso wie die Saitenkünste seine eindeutig erkennbare Handschrift. Durch diesen hohen Wiedererkennungswert gelingt die Symbiose der beiden musikalischen Direktiven nahezu perfekt. Die Klassik ergänzt die Kompositionen ideal, wodurch man eher Zugang findet, als man durch die doch schwere Kost annehmen könnte. (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10

Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 57:55 min
Label: Inside Out
Veröffentlichungstermin: 27.03.2015

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