europe warofkingsNein, ich lasse die Bezeichnung One-Hit-Wonder bei den Schweden nicht gelten, weil diese im Gegensatz zu anderen Künstlern jener Kategorie eine konsistente Karriere vorweisen können. Damit meine ich nicht nur die Nachfolgehits wie "Rock The Night", "Carrie" oder "Superstitious", sondern auch die ganzen starken Studioalben, von denen zwei ja vor "The Final Countdwon" erschienen. Auch wenn EUROPE zwischen 1992 und 2003 aufgelöst waren, blieben sie immer im Gedächtnis geschmacksicherer Hardrockfans. Seinerzeit war auch der Druck den Erfolg ihres Superhits zu wiederholen zu groß, weswegen sich die Gruppe in den Grungewirren desillusioniert trennte. Seit der Reunion können die Fünf völlig losgelöst von Erwartungshaltungen weiter an der Laufbahn arbeiten, die nun schon länger andauert als zuvor. Dabei wurden auch die Alben immer besser, was vor drei Jahren in "Bag Of Bones" gipfelte, mit dem sie erdigem Blueshardrock frönten. Dessen Nachfolger "War Of Kings" wird demnächst erscheinen, das zehnte Studioalbum, fragt mal KAJAGOOGOO oder CULTURE CLUB wie viele die hatten?

Schon das Eröffnungsriff atmet die Schwere des Vorgängers, die bluesigen Anklänge sind weiterhin vertreten. Dazu gesellt sich eine dezente Orgel, welche auch ein wenig von der symphonischen Wucht des Titeltrack von "Last Look At Eden" verbreitet. Nach einem ruhigen Zwischenspiel steigert sich der titelgebende Opener zu einem kraftvollen, griffigen Chorus, der wie der gesamte Song nicht immer die direkteste Richtung wählt. Da schiebt "Hole In My Pocket" doch deutlich knackiger um die Ecke, ein treibender Rocksong, der als moderne Variante von "Ready Or Not" durchgehen könnte.

Orientalische Anklänge findet man nicht nur im folgenden "Second Day", auch im weiteren Verlauf tauchen diese Motive von Keyboarder Mic Michaeli immer wieder auf. Während das rockige "Rainbow Bridge" deutlich den Geist von DEEP PURPLE atmet, so schwebt beim erstgenannten Song das Luftschiff vorbei. Ruhige Orgelflächen, dezente Psychedelic-Anleihen, ein latent brodelnder Rhythmus unter dem schleppendem Tempo gestalten die Nummer sehr interessant. Der Hammer der Götter schwingt auch im großartigen Drama von "Children Of The Mind" mit.

Ohnehin ist die Orgel sehr präsent, Schwaden und Schleier davon durchziehen fast das ganze Album und geben ihm mehr Klangfarben. Wirkliche Akzente kann das Instrument nicht setzen, es bleibt bei der Melodieführung meist zu sehr im Hintergrund. Erst in "California 405" begehrt es auf, ist mit John Norums Gitarre gleich berechtigt und haut eine dieser eruptiven Fanfaren heraus. In genau dieser Disziplin waren EUROPE schon immer Meister, man erinnere sich an "Let The Good Times Rock" oder "Sign Of The Times", welche durch diese aufbrausenden Einschübe veredelt wurden.

Für ruhige Töne sorgen "Praise You" und das phantastische "Angels (With Broken Hearts)", welches den Einfluss von GARY MOORE auf die Band abermals deutlich macht. Beide Stücke überraschen mit ein paar Wendungen und begeistern mit schönen Blues-Leads. Die Zeiten der Herzschmerzballaden ist aber definitiv vorbei, "War Of Kings" ist zwar vom Songwriting dem Vorgänger ähnlich, doch fällt es noch gesetzter und erwachsener aus. Auch die Arrangements sind verspielter und offener, kommen nicht mehr so direkt, wodurch das Werk ein paar mehr Durchläufe braucht.

Verantwortlich für die Kurskorrektur ist der neue Produzent Dave Cobb, welchen die Formation wegen seiner Arbeit mit RIVAL SONS als Wunschkandidaten auserkoren hat. Seine Handschrift ist unverkennbar, die psychedelischen Zwischentöne waren so noch auf keinem Album von EUROPE zu vernehmen. Auch die Offenheit und leichte Experimentierfreude, welche zu erkennen ist, war so auf seinen früheren Arbeiten zu hören.
Das Ergebnis tönt nicht unbedingt wie eine Weiterführung des sehr dichten "Bag Of Bones", vielmehr wie das Bindeglied zu "Last Look At Eden". Diesen Eindruck verstärken die wieder etwas tiefer gestimmten Gitarren. Soundtechnisch hat Cobb noch weiter an den Stellschrauben gedreht, den Bass prominenter heraus gemischt und ihn knarziger klingen lassen, was aber gut ins Gesamtbild passt.

Wo Kevin Shirley, sein Vorgänger auf dem Stuhl, alles präzise auf den Punkt bringen ließ, gönnt er dem Blues ein wenig mehr Shuffle. Damit taucht die Band noch tiefer in die Siebziger ein, kann manchmal sogar in den späten Sechzigern verortet werden, ein so lockeres Lied wie "Days Of Rock´n`Roll" hätte es bei Shirley nicht gegeben. Beide Männer an den Reglern haben ihren Kooperationen mit den Schweden ihren Stempel aufgedrückt, letzten Endes ist es auch Geschmackssache, wobei ich zu Kevin Shirley tendiere.
Den Beweis ihrer Relevanz haben sie ohnehin schon lange wieder erbracht, sie wollen sich als Musiker immer weiterentwickeln. Die Suche nach neuen Wegen hält die Truppe frisch und beschert ihnen songwriterische Qualitäten, von denen ihre ehemalige Konkurrenz heute weit entfernt ist. Mit einem erneut starken Longplayer können sie sicher im Hardrock noch Fans dazu gewinnen, losgelöst von ihrer Vergangenheit. (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10

Anzahl der Songs: 12
Spielzeit: 54:40 min
Label: UDR Music
Veröffentlichungstermin: 06.03.2015

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Pfaelzers Avatar
Pfaelzer antwortete auf das Thema: #16349 2 Jahre 5 Monate her
Wobei das beide Übernummern sind! Aber sie wollen sich entwickeln und das ist gut so. Ich frage mich nur, welche 1,5 der ersten Alben nicht essnziell sein sollen?
Maiks Avatar
Maik antwortete auf das Thema: #16346 2 Jahre 5 Monate her

Pfaelzer schrieb: Im Übrigen gibt es hier von mir demnächst mehr davon, in Form einer Besprechung der "Classic Album Series" mit den ersten Fünf EUROPE-Scheiben.


Ich befürchte da wirds dann einiges darüber zu lesen geben ;)
Zumindest 3,5 dieser Alben sind aber wirklich auch essentiell. Die neue läuft bei mir gerade zum ersten Mal und ich bin durchaus angetan. Wenn man das so hört, kann man kaum glauben, dass das die gleiche Band ist, die früher Sachen wie "Rock The Night" oder "Scream Of Anger" gemacht hat...
Pfaelzers Avatar
Pfaelzer antwortete auf das Thema: #16317 2 Jahre 5 Monate her
Vielen Dank für die Blumen! Um Objektivität bin ich immer sehr bemüht, und hinterfrage auch mal gerne die Vorurteile gegenüber Bands. Im Übrigen gibt es hier von mir demnächst mehr davon, in Form einer Besprechung der "Classic Album Series" mit den ersten Fünf EUROPE-Scheiben.
Danis Avatar
Dani antwortete auf das Thema: #16295 2 Jahre 5 Monate her
Besten Dank für den sehr fundierten und objeitiven Review! Das hat dieser Longplayer mehr als verdient

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