steverothery ghostofpripyatSchon lange trug der MARILLION Gitarrist die Idee eines Soloalbums mit sich herum. Zwar hatte er in den Neunzigern mit THE WISHIG TREE ein Nebenprojekt, doch ein reines Solowerk konnte er bislang noch nicht verwirklichen. Dabei ist sein unverkennbares Spiel geradezu prädestiniert, um auf einer solchen Scheibe im Vordergrund zu stehen. Mit seinem Freund Dave Foster an der zweiten Gitarre nahm STEVE ROTHERY die kleine Pause seiner Band als Gelegenheit, um "The Ghosts Of Pripyat" einzuspielen. Verwunderlich ist nur, dass vorab mit "Live In Rome" ein Konzertdokument erschien, auf welchem bereits einige der Songs vorgestellt wurden.

Wer sich ob des Albumtitels wundert, dem sei gesagt, dass es sich bei Pripyat um eine Geisterstadt in der Ukraine handelt. Dort sollte am 1. Mai 1986 ein Freizeitpark eröffnet werden, damit die Menschen in den tristen, grauen Plattenbauten, welche auf dem Cover abgebildet sind, ein wenig Freude am Leben haben. Doch es kam anders, ein paar Tage zuvor explodierte der Reaktor 4 im benachbarten Tschernobyl. Erst wurde der Park als Ablenkungsmanöver kurzfristig früher eröffnet, doch nach ein paar Stunden entschied die Regierung Pripayt zu evakuieren. Seitdem hat kein Mensch, außer ein paar patrouillierenden Soldaten die Stadt je wieder betreten. Diese legen oft Stofftiere in die gelben, verrosteten Gondeln des Riesenrades, welches als Mahnmal in den Himmel ragt.

Dass MARILLION schon immer eine Nähe zu PINK FLOYD hatten, lässt sich nicht von der Hand weisen. Da die Artrock-Großmeister kürzlich ein instrumentales Werk heraus brachten, könnte man fast auf die Idee kommen, „The Ghosts Of Pripyat" als kleinen Bruder von „The Endless River" zu sehen. Soweit liegt man mit dieser Einschätzung gar nicht daneben, denn von der sehr getragenen Atmosphäre findet man auch hier einiges.
Schon bei „Morpheus" schälen sich die feinen Leads nur sehr gemächlich aus den Synthieschwaden heraus. Es dauert eine Zeit, bis das Tempo ein ganz kleines bisschen anzieht und Platz schafft für das ganz typische Picking, wie es der Sechssaiter vor allem in der Frühphase seiner Formation praktiziert hat. Überhaupt können sich Freunde seines Spiels auf die Scheibe freuen, denn viele Elemente aus der Zeit finden sich hier wieder.

Von der Grundstimmung her tendiert „The Ghosts Of Pripyat" mit seiner dichten Atmosphäre auch eher in Richtung Artrock. Vor allem bei den für MARILLION üblichen Breaks hält sich Leon Parr zurück und setzt seine Drums untermalend anstatt führend ein. Hier werden viele unterschiedliche Instrumente auf wunderbare Weise miteinander verwoben, mal schaut ein schöner Pianolauf vorbei, Orgelflächen schweben vorbei, dann wieder flirrende Akustikparts. Tonangebend ist natürlich die großartige Leadgitarre von STEVE ROTHERY, welche die Grundideen und Melodien der durchgehend überlangen Kompositionen bestimmt.

Beim gespenstisch beginnen „Old Man Of The Sea" steuert Steven Wilson eine Solo bei. Seine Handschrift ist dabei deutlicher zu erkennen als die von Steve Hackett, der beim Opener einen Gastauftritt hat. Zum Ende des längsten Tracks wird über ein Orgelmotiv ausgiebig gejammt. Auch bei „White Pass" gibt es zum Schluss hin noch eine Coda, die von der ursprünglichen Songstruktur abweicht. Gehört die Nummer anfangs zu den zerbrechlichsten Momenten der Platte, so rockt der Ausklang recht knallig.
Dieser Aufbau wird dann leider bei den späteren Nummern ein wenig überstrapaziert. Zwar sind auch diese wahre Kleinode, doch das Schema nutzt sich schon ein wenig ab. Das ist aber der einzige kleine Kritikpunkt, außer dass hier vielleicht nicht ganz die tiefe Magie von „The Endless River" erzeugt wird, doch wer kann das schon. „The Ghosts Of Pripyat" klingt wie aus einem Guss und enthält wunderschöne Momente zum wegträumen und darin versinken im Überfluss. Kopfkino für Klanglandschaftsgärtner! (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10

Anzahl der Songs: 7
Spielzeit: 55:33 min
Label: Inside Out Music
Veröffentlichungstermin: 02.02.2015

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