chicago nownb-nackenschonerAls ich begann mich ernsthaft für populäre Musik zu interessieren, waren die Jazzrocker gerade in Europa sehr angesagt. Nachdem sie bereits fünfzehn Jahre jenseits des großen Teichs eine Hausnummer waren, konnten sie sich mit Hits wie "Stay The Night", "You´re The Inspiration" und vor allem "Hard To Say I´m Sorry" auch auf dem alten Kontinent durchsetzen. Leider stieg nach dem erfolgreichen "17" Leadsänger und Bassist Peter Cetera aus und startete eine Solokarriere. Die lief sehr gut an, sein erster Song "Glory Of Love" avancierte zum Megahit, doch ich verlor zusehends das Interesse an CHICAGO. Ihr letztes Werk mit neuen Stücken datiert auch schon aus dem Jahr 2006, nun gibt es endlich wieder Nachschub. "Now" ist zwar nicht das 36te Studiowerk der Band, wie man dem Untertitel entnehmen könnte, denn die mittlerweile zu neunt agierende Truppen zählt alle Veröffentlichungen mit.

Direkt die ersten Töne des Titeltracks warten mit den ganz typischen Trademarks dieser Formation auf, die dreiköpfige Bläsergruppe swingt sich zum Auftakt schön ein. Die in der Strophe ruhig, fast soulige Nummer steigert sich zum Refrain hin zu eine gediegenen Pop-Rocker. Hier macht sich das in all den Jahrzehnten perfektionierte Zusammenspiel des Trios bemerkbar, denn Lee Loughnane, James Pankow und Walter Parazaider sind schon seit der Gründung dieser Truppe dabei. Gemeinsam prägen sie deren Sound und geben den Kompositionen immer noch das gewisse Etwas.
Überhaupt verfügt CHICAGO über ein sehr stabiles Gefüge, bis auf den, unter tragischen Umständen verstorbenen, Gitarristen Terry Kath wurde jede Position nur einmal neu besetzt. Ceteras Nachfolger Jason Scheff bedient ebenfalls die vier Saiten und füllt seitdem die entstandene Lücke aus. Keyboarder Robert Lamm ist der Vierte im Bunde von den sieben Urmitgliedern, die ununterbrochen zum Line-Up gehören. Das daraus resultierende blinde Verständnis unter den Musikern manifestiert sich auch in dieser Einspielung, und macht die eine oder andere Schwäche wieder wett.

Denn mit dem anspruchsvollen Jazzrock ihrer Anfangstage hat der Longplayer nur noch wenig zu tun. Hier mal ein kleines Bläserarrangement, da mal ein kleines Gitarrenlick zeugen von jener Ära, aber es gibt nichts, was die Songs allzu kantig werden lässt. Vielmehr bietet „Now" leichte Kost, sehr straff und poppig in Szene gesetzt, und verschlägt den Hörer zurück in den Achtziger. Auch das Cover mit den schwarz-weißen Karos scheint direkt aus dieser Zeit importiert zu sein.
Das etwas atmosphärischere „No More Will Be Revealed" erinnert mit seinen Leadfills ein bisschen an TOTO, doch nicht nur hier finden sich Berührungspunkte mit deren Powerpop-Phase. So mancher Groove lässt einen an deren Klassiker „Georgy Porgy" denken. So richtig kann Keith Howland, der Mann an den sechs Saiten nur beim etwas experimentellen „Naked In The Garden Of Allah" seine Klasse unter Beweis stellen.
In „Free At Last" liefert er noch ein paar dezente bluesige Nuancen, was der ziemlich glatten Scheibe etwas mehr Tiefe verleiht. Richtig stark kommt das angefunkte „Something´s Coming, I Know" daher, das herrlich nach Sommer und Strand duftet, den Loungesoundtrack für die Bar liefert „Watching All The Colors" dazu.

Auch wenn die ganz großen Melodien und zündenden Ideen ausbleiben, können CHICAGO nach der langen Pause dennoch überzeugen. Das liegt vor allem an der Umsetzung des Materials, bei der sich das angesprochene Vertrauen innerhalb der Band bemerkbar macht. Die Herren wissen genau, wie ihre Mitstreiter ticken, und liefern den richtigen Ton dazu, der immer sehr tight sitzt. Seien es die vielen schönen Gesangsharmonien oder die sich duellierenden Gitarre und Saxophon in „Crazy Happy", die Songs leben von den vielen kleinen Details, die genügend Abwechslung hinein bringen.
Dazu klingt „Now" wunderbar unaufgeregt, die Lässigkeit des Cool Jazz ist die stärkste Verbindung zu jenem Genre, das sie früher musikalisch stark beeinflusste. Zwar wurde bei der Produktion ein gehöriger Zuckerguss drüber gezogen, doch die differenzierte Abmischung bringt die dichten Arrangements schön hervor. Das einundzwanzigste Studioalbum ist eher für laue Sommernächte geeignet, setzt sich dank der perfekt eingespielten Formation wohltuend von üblichen Produkten mit dieser Präferenz ab. (Pfälzer)

Bewertung: 7 / 10

Anzahl der Songs: 11
Spielzeit: 50:43 min
Label: Frontiers Records
Veröffentlichungstermin: 04.07.2014

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