tuomasholopainen thelifeandtimesofscroogeWenn man hört, daß jemand ein Album über das Leben einer Comicfigur schreiben will, dann klingt das zunächst einmal nach einer ziemlich bescheuerten Idee. Gut, daß TUOMAS HOLOPAINEN anders ist als anderer Leute Kinder, das weiß man eigentlich auch. Von daher... „The Life And Times Of Scrooge“ erzählt die Geschichte des allseits bekannten Onkel Dagobert (im englischen Original „Scrooge McDuck“) von seiner Auswanderung aus Schottland 1877 bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts. Irgendwie kann man sich zunächst jedoch so gar nichts unter dem Werk vorstellen. In erster Linie denkt man ja doch an Disney-Geträller.

Andererseits hat der Herr Holopainen ja noch nie etwas fabriziert, was mir nicht gefallen hätte (ok, seinen gruseligen Gesang auf der „Angels Fall First“ lassen wir jetzt mal still und heimlich unter den Tisch fallen – merkt ja keiner und vielleicht haben wir Glück und der Hund frißt's auf). Von daher – auf nach Entenhausen!

Wenn man „The Life And Times Of Scrooge“ in den Player wirft (dessen Cover, das gänzlich unmetallisch, von einer schönen Comiczeichnung Dagoberts geziert wird, die übrigens Don Rosa, der Autor des Buchs, auf dem das Album basiert, gezeichnet hat), ertönt dann das exakte Gegenteil von dem, was man erwartet hat. Gleichzeitig klingt es aber genau nach dem, was man erwartet hat. Ja, kommt noch einer mit?

Vergleichen kann man das erste Soloalbum von TUOMAS HOLOPAINEN wohl am ehesten mit dem letzten NIGHTWISH-Album, „Imaginaerum“. Dabei kommt es einem Soundtrack noch näher als dieses. Nur, daß es eben ein Soundtrack zu einem Buch, nicht zu einem Film, ist. Und da beginnt für den schubladendenkenden Mensch auch schon die Misere: Denn Metal ist das hier nicht. Ganz und gar nicht. Kann es per Definition gar nicht sein. Denn auf dem ganzen Album hört man so gut wie keine E-Gitarre. Und die gehören zum Metal doch zwingend dazu. Oder etwa nicht?

Aber Scheiß drauf, ob Metal oder nicht. „The Life And Times Of Scrooge“ ist einer der besten Beweise, daß Metal und Klassik viel mehr gemeinsam haben, als engstirnige Fans beider Stilrichtungen jeweils glauben wollen. TUOMAS HOLOPAINENs Scheibe klingt fett, episch, mächtig, erhaben – und einfach wunderschön.

Gesang steht auf diesem Album eher im Hintergrund, wird oft nur als weiteres Instrument eingesetzt, auch wenn mit Alan Reid, Johanna Kurkela, Johanna Livanainen und Tony Kakko (SONATA ARCTICA) gleich vier Gastsänger verpflichtet wurden (wovon auch wieder nur einer überhaupt was mit Metal am Hut hat). Und die werden auch sehr passend eingesetzt. Ja, auch eine Sängerin kann die Stimme von Dagobert Duck sein. Am beeindruckensten ist eigentlich Alan Raid bei „Go Slowly Now, Sands Of Time“ bei denen der Sänger an Johnny Cash in dessen letzten Jahren erinnert.

Auch zu NIGHTWISH gibt es außer dem Songwriter selbst nur Troy Donockley als Verbindung, der ja neuerdings auch offizielles Bandmitglied ist. Und natürlich Pip Williams, der schon bei den letzten drei NIGHTWISH-Alben bezüglich der Orchesterarrangements mit Tuomas Holopainen zusammengearbeitet hat.

Dafür wird den Instrumenten, wie das bei einem Soundtrack ja auch sein sollte, sehr viel Raum gewährt. Und natürlich klingt das ganze auch nach NIGHTWISH. Es stammt ja aus der Feder des gleichen Komponisten. Trotzdem ist es noch einmal anders. Anders als z.B. bei „Imaginaerum“ gibt es einen Erzähler, und, wie schon gesagt, es gibt keine E-Gitarren. Dafür viel Klavier, viele Streicher, gerne auch mal ein Didgeridoo, ein Banjo, eine Akustikgitarre oder eine Mundharmonika. Orchester trifft Country. Am ehesten nach NIGHTWISH klingt da wohl noch „Cold Heart Of The Klondike“, das doch arg an die Band zu „Once“-Zeiten erinnert.

Aber sonst ist „The Life And Times Of Scrooge“ einfach – episch. Aber schön episch. Nicht MANOWAR-episch. Schon beim Opener „Glasgow 1877“ geht einem das Herz auf. Wunderwunderschön! Und wenn man genau hinhört, kann man doch die ein oder andere Disney-Anleihe entdecken, etwa in “Duel And Cloudscapes“ oder „Goodbye, Papa“.

Doch „The Live And Times Of Scrooge“ kann auch anders. Sei es im nach vorne preschenden „Into The West“ oder im immer wieder von harten Passagen unterbrochenen „The Last Sled“, aber auch in vielen anderen Songs – die Scheibe zeigt wie heavy ein klassisches Orchester (in diesem Fall das London Orchestra) klingen kann. Womit wir wieder bei den Gemeinsamkeiten von Klassik und Metal wären. TUOMAS HOLOPAINEN vermischt beides spielerisch, würzt den Cocktail noch mit ein paar Countryklängen und heraus kommt ein Album, das ich so nicht ganz erwartet habe (aber irgendwie doch) und das einfach keinen wirklichen Kritikpunkt hat, außer den persönlichen Geschmack (halt! Einen hätt ich noch: Die Wiederholungen im Text von Erzähler und Figur in „The Last Sled“ geben mir immer einen fiesen Backflash zu den schmierigen, kleinen Hörspielen, die ein Kumpel immer produziert hat – aber ich schätze mal, mit diesem Problem steh' ich allein auf weiter Flur).

Es fällt mir schwer zu beschreiben wie großartig „The Life And Times Of Scrooge“ ist. Ich liebe einfach TUOMAS HOLOPAINENs Kompositionen, offensichtlich egal in welcher Form. Dieses Album ist mal wieder eine Scheibe, die man am besten mit geschlossenen Augen hört. Wieder und wieder. Und wieder. Es fällt mir ehrlich schwer, auch mal wieder was anderes zu hören. Und wer NIGHTWISHs „Imaginarum“ gut fand', der dürfte auch an diesem Album seine Freude haben, ist es doch rein musikalisch eine logische Fortsetzung, die jedoch noch mehr Richtung Filmmusik geht. Wir überspringen jetzt hierbei allerdings bewußt „Imaginarum (The Score)“, das ja zum einen nicht komplett aus Tuomas Holopainens Feder stammt und das dann zum anderen auch wirklich ein echter Soundtrack ist.   

Im Direktvergleich muß ich sagen, daß mir „The Life and Times Of Scrooge“ besser gefällt als „Imaginaerum (The Score)“. Wahrscheinlich einfach, weil sein Grundtenor fröhlicher, lebensbejahender und nicht so düster ist (und wahrscheinlich weil letztendlich mehr Holopainen drinsteckt). Nichtsdestotrotz – wem „Imaginaerum“ und/oder „Imaginaerum (The Score)“ gefallen haben oder wer generell auf Filmmusik steht, der sollte auch mit TUOMAS HOLOPAINENs erster  Soloscheibe glücklich werden. Für mich gehört der Mann jedenfalls zu den großartigsten Songwritern der Metalszene. (Anne)


Bewertung: 9 / 10

Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 54:14 min
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichungstermin: 11.04.2014

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