spocksbeard_briefnocturnesBislang konnte ich mit dem größten Namen der gesamten Retro-Prog-Bewegung nicht allzu viel anfangen. Keine Ahnung warum, kann ich mit den allzu süßlichen BEATLES-Harmonien wenig anfangen oder stört mich eher die etwas strange Haltung ihres früheren Masterminds Neal Morse. Zwar habe ich die Truppe immer mit einem Auge beobachtet und bin mir ihrer Bedeutung sicher, doch zu meinem Regal fanden die nie ihren Zugang. Da irgendwie kein Redakteur die elfte Scheibe der nun auf fünf Mann angewachsenen Truppe besprochen hatte, landete sie letzten Endes bei mir. Mit "Brief Nocturnes And Dreamless Sleep" wollen sie nach eigenen Angaben noch mehr zu ihren Wurzeln im klassischen Progressive Rock gehen, das sollte mir eigentlich liegen.

 

Vor zwei Jahren stieg mit Nick d´Virgilio einer der wichtigsten Mitglieder der Truppe aus, ganz in Phil Collins-Manier übernahm er den Gesang und die Drums. Also war man gezwungen gleich doppelten Ersatz ins Boot zu holen, so das SPOCK´S BEARD erstmals seit dem Ausstieg von Neil Morse wieder zu Fünft sind. Zuerst wurde Live-Schlagzeuger Jimmy Keegan als festes Mitglied in die Band beordert. Da sich D´Virgilio bei Auftritten auf seine Frontmann-Rolle beschränkte, aber im Studio die Drums einspielte, war dieser bislang nur Aushilfe. Vorstehen tut der Band nun Ted Leonard, den Prog-Fans von ENCHANT und THOUGHT CHAMBER kennen dürften.

Schon das Intro von „Hiding Out" zeigt, dass das Zusammenspiel der neuen Besetzung hervorragend funktioniert. Das war aber abzusehen, denn einer der Neuen ist ein erfahrener Mann, der andere absolvierte schon viele Gigs mit den drei anderen Mitgliedern. So bahnen sich Drumbreaks den Weg durch Pianolinien, bevor die Orgel einsetzt und das Tempo zu den ruhigen Strophen heraus nimmt. Im melodischen Chorus, bei dem die leicht angeraute Stimme von Leonard gut zur Geltung kommt, denkt man ein wenig an die AOR-Größen KANSAS.
Da die Formation aufgrund ihrer Herkunft gleichermaßen von den amerikanischen Vorbildern wie von den Vorgaben der britischen Traditionalisten beeinflusst ist, verwundert das nicht. Im weiteren Verlauf wirkt die Nummer sehr locker und verspielt, Keyboarder Ryo Okumoto und Gitarrist Alan Morse duellieren sich mit ihren Soli, ohne den Song aus dem Auge zu verlieren. In eine ähnlich ausufernde Richtung tendiert „Afterthoughts", das mit den typisch beatlesken Harmonien aufwartet. Die Gesangsarrangements könnten in der Form auch von STYX stammen, was den Eindruck des Openers noch verstärkt.

Ein bisschen straffer kommt „I Know Your Secret" daher, bei dem spacige Keyboards immer wieder von schwer groovenden Riffs durchzogen werden. Die psychedelische Grundstimmung findet sich auch bei „Submerged" wieder, wird hier aber mit einem dieser häufiger auf der Scheibe zu findenden weiten Refrains gelöst. Von jener Melodieseligkeit profitiert die Ballade „A Treasure Abandoned" die mit vielen Klangtupfern wie Flöten verziert wird.
Richtig proggig wird es gegen Ende von „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep", wenn beim sphärischen „Something Very Strange" die Hammond und ein hintergründiger Basslauf durch den Raum schweben. Der abschließende Longtrack „Waiting For Me" erinnert nicht nur am Anfang an „Afterglow", sondern wartet mit einigen GENESIS- Querverweisen auf. Viele jazzige Instrumentalparts wecken Erinnerungen an deren Siebziger-Phase, aber Morse bietet auch sehr weiche und gefühlvolle Soli auf.

Die weitere Rückbesinnung auf die Symphonic Progwurzeln dürfte gelungen sein, auch wenn man gelegentlich gen melodischen US-Prog der späten Siebziger schielt. Das ist sicher retro und nicht gerade neu, aber toll eingespielt und komponiert, wobei hier auch wieder Neal Morse beteiligt war. Was an dem neuen Line-Up gefällt, ist die Lockerheit mit der die Fünf miteinander agieren. Nichts klingt verkopft, da gibt es keine Ego-Trips, sondern nur Freude am Ausloten der musikalischen Möglichkeiten.
Eingebettet in ein warmes und unaufdringliches Soundgewand, kommen die Details schön zu Vorschein. Mit „Brief Nocturnes And Dreamless Sleep" kann der Branchenführer seine Vormachtstellung behaupten. Da das Werk ein Muss für alle Progressivefans darstellt, werde ich mich eingehender mit dem Schaffen dieser Formation befassen müssen. (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10

Anzahl der Songs: 7
Spielzeit: 56:16 min
Label: Inside Out
Veröffentlichungstermin: 01.04.2013

Submit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to Twitter
Anmelden

Neckbreaker präsentiert

Neckbreaker auf Facebook

nb recruiting 2015

nb forum 2015

nb gallery 2015