Mehrfach-Wertung der Redaktionthreshold_marchofprogress2001 deuteten für die Prog-Metaller mit der Veröffentlichung des Jahrtausendalbums „Hypothetical" alle Zeichen auf eine goldene Zukunft. Endlich konnte man ein stabiles Line-Up präsentieren und mit der Sicherheit einer eingespielten Truppe absolut fokussiert arbeiten. Der Nachfolger „Critical Mass" und die DVD „Critical Energy" konnten dieses Level bestätigen, bevor es nach dem ebenfalls großartigen „Subsurface" erste Risse gab. Die Gründungsmitglieder Jon Jeary und Nick Midson verließen die Band, die Arbeiten am Nachfolger „Dead Reckoning" zogen sich über zweieinhalb Jahre und der Wechsel zu Nuclear Blast brachte auch nicht den erhofften Schub.
Doch es sollte noch schlimmer kommen! Kurz vor dem Tourstart beim slowenischen METALCAMP stieg Frontmann Andrew McDermott aus. Um die Konzerte nicht zu gefährden, verpflichtete die Formation ganz kurzfristig ihren ehemaligen Fronter Damian Wilson, der die Texte teils vom Blatt ablesen musste. Mittlerweile sind fünf Jahre ins Land gezogen, in denen man sich vielen anderen Projekten widmete und nur für eine kurze Tour zusammen fand. Die Umstände des Ausstiegs werden nie geklärt werden, da „Mac" im letzten Jahr verstarb. Zumindest hält die Besetzung seitdem und hat nun mit „March Of Progress" endlich ein neues Werk parat.

 

Dabei ist der Titel schon ein wenig irreführend, denn statt einem klar erkennbaren Fortschritt servieren uns die Sechs das konventionellste Album seit „Clone". Das klingt schon ein wenig zu eindeutig nach THRESHOLD, dass man den Begriff Zielgruppenbedienung strapazieren könnte. Auf der einen Seite machen sie genau das was sie am besten können, auf der anderen Seite hätte ich mir nach der langen Zeit doch etwas mehr Innovation erwartet.

Alleine das vorab veröffentlichte „ Ashes" beinhaltet alle Zutaten, die zu einem klassischen Song der Briten gehören. Angefangen über die treibenden Harmonien zwischen Gitarre und Keyboards, bevor es mit einem harten, leicht angethrashten Riff richtig losgeht. Die Strophe drückt ebenfalls hart nach vorne, bevor dann wieder einer dieser unnachahmlichen, großartigen, süffigen Refrains ertönt. Bei den Soli lässt das Axtduo YNGWIE MALMSTEEN anklingen, agiert aber ansonsten wie auch Keyboarder Richard West mit viel Feeling, sehr songdienlich und wenig verkopft.

Ansonsten gibt es kaum etwas Neues, was „March Of Progress" dem Hörer bieten könnte. Die feinen, gefühlvollen und melodischen Leadmotive, wie man sie aus dem Neo-Prog kennt zieren viele Stücke. Auch einige starke Vocal-Arrangements hat man wieder eingebaut, wo vor allem die an URIAH HEEP erinnernden Chöre bei „The Hours" hervor stechen. Das tut auch „Staring At The Sun", welches mit seinen Bassläufen und dem perlenden Piano einen Hauch von FATES WARNING versprüht.
Das zeigt auch, dass man insgesamt auch ein wenig frickeliger zu Werke geht, ohne allerdings in „Extinct Insinct"- Komplexität abzudriften. Ähnlich wie auf diesem, ebenfalls von Damian Wilson eingesungenen Album gibt es mehr sphärische Epik in den Melodien. Der steht eine etwas düstere Heaviness gegenüber, wobei die Gitarren schon auf den beiden Scheiben zuvor ein wenig tiefer gelegt wurden.

Nun wird man sich fragen, ob die größere Dynamik zwischen den harten Parts und der Atmosphäre nicht doch progressiver ist. Doch mit einem harten, akzentuierten Riff einzusteigen, um dann in der Strophe das Tempo deutlich rauszunehmen, ist mittlerweile doch ziemlich zur Blaupause verkommen. Was mir auf „March Of Progress" fehlt sind einfach die kürzeren, knappen Songs wie „Slipstream", welche gradlinig durchmarschieren. Hier fehlt einfach der Drive, das rockige Element, der McDermott-Phase, was THRESHOLD ihre Einzigartigkeit verlieh.

Im Vergleich zu den Vorgängern fällt die neue Platte dadurch ein bisschen ab. Auch wenn die Kompositionen durchweg stark sind, es viele kleine Details zu entdecken gibt und man tolle Melodien am Start hat. Doch die ganz große Geste, die Grandezza, wie man sie von den Briten her kennt fehlt hier. Es gibt keine genialen Longtracks wie „Echoes Of Life" oder „Ravages Of Time", bei denen ein kompletter Song in einen anderen integriert wurde. Und auch keine phantastischen Momente wie in der Melodieführung von „Mission Profile" oder die heute noch unfassbaren Tempowechsel bei „Light And Space".

Aber das ist Jammern auf einen Top-Level, denn auch mit diesem Werk stehen die Herren an der Spitze des Genres, denn außer DREAM THEATER ist da keine Konkurrenz in Sicht. Höchstens die schon angesprochenen FATES WARNING, wenn man das ARCH/MATHEOS-Album als Referenz nehmen kann. Fans können hier bedenkenlos zugreifen, denn es ist alles vorhanden, was diese Band ausmacht.
Die Produktion ist wieder druckvoll und transparent ausgefallen, typisch für das Thin Ice-Studio. Hier in den Räumen von Gitarrist Karl Groom und seinem Kollegen Clive Nolan wurde erneut dieser warme Klang geschmiedet, der schon DRAGONFORCE vor dem vollständigen Fall in die Sterilität bewahrte. Damian Wilson holt nach überstandener Krankheit wieder alles aus seinen Stimmbändern heraus.
Ob man seine eher typische Progmetal-Stimmfärbung vorzieht oder die Rock-Röhre seines Vorgängers ist letzten Endes Geschmackssache. Sicher ist er der technisch bessere Sänger, aber McDermott passte besser zu der Truppe, weil er ihnen mehr Profil verlieh. So bleibt nur zu hoffen, dass er nicht wieder seinen Dienst quittiert oder krank wird und die „March Of Progress"-Tour zu einem Triumph-Marsch wird. (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10


Anzahl der Songs: 10
Spielzeit: 69:31 min
Label: Nuclear Blast
Veröffentlichungstermin: 24.08.2012

Wertung der Redaktion
David Jochen Anne Maik Mika Jannick Dirk
7,5 8 8 9 8 7,5 8
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