thetangentvcover.jpgRetroprog ist momentan wieder schwer im Kommen, was vor allem an der Rückkehr der Hohepriester TRANSATLANTIC liegen dürfte. Doch auch Formationen wie THE TANGENT und BEARDFISH, die vor eineinhalb Jahren gemeinsam auf Tour waren sind schon seit Jahren für hohe Qualität bekannt. Letztere haben kürzlich erneut ein Album nachgeschoben, nun steht mit „Down And Out In Paris And London“ neues Material von THE TANGENT in den Startlöchern.
Die Briten wurden nach dem Split von TRANSATLANTIC als weitere Prog-Supergroup gefeiert, war doch Ronnie Stolt mit von der Partie. Doch der ist genauso von Bord gegangen wie Gründungsmitglied Sam Baine, der Andy Tillison von PARALLEL OR 90 DEGREES her kannte. Heute handelt es sich mehr um ein Musikerkollektiv unter der Führung des Keyboarders. Wo geht nun die Reise nach dem ausufernden Doppelalbum „Not As Good As The Book“ hin?

Zuerst mal zu einer neuen Formation, die zum ersten Mal seit 2003 nur aus englischen Musikern besteht. Nicht mehr dabei ist Gitarrist Jakko M. Jakszyk, seine Parts übernimmt nun auch noch der Mastermind. Ebenfalls ausgewechselt wurde die Rhythmussektion mit Jonas Reingold und Jamie Salazar, die sich anderen Projekten zuwandten. Für sie treten Jonathan Barrett am Bass, der auch schon bei PARALELL OR 90 DEGREES war, sowie Paul Burgess in die Fußstapfen. Burgess dürfte vielen von 10CC, welche ich im Sommer auf dem Rock Of Ages-Festival gesehen habe bekannt sein, aber auch von seiner Arbeit mit CAMEL.

Diese „Englishness“ gehört für Tillison irgendwie zum Prog, gingen die Wurzeln von dort aus um die Welt. Musikalisch macht sich das eher mit der weniger fordernden Gangart als beim Vorläufer bemerkbar, was nicht zuletzt an den neuen Rhythmusleuten liegen dürfte. Titel wie „The Ethernet“ sucht man auf „Down And Out In Paris And London” vergeblich, es herrscht eine noch relaxtere, sehr subtile Stimmung, und noch mehr Jazz.
Wobei eben die Canterbury-Einflüsse nie so ganz bestimmt wurden, für die Proggies ist das Jazz und für die Jazzer Prog-Rock. Maßgeblich inspiriert hat dieser Stil THE TANGENT auf alle Fälle. Hier klimpert immer wieder das Piano, wabern jazzige Orgeln, kommt Theo Travis´ Saxophon öfter ins Spiel und auch das dezente aber akzentuierte Drumming von Burgess kommt dem zugute.
Was hier etwas mehr heraus gestellt wurde im Verhältnis zum Vorläufer sind die feinen, einschmeichelnden Melodielinien, die so herrlich unaufgeregt daherkommen. Schon die Harmonien zu Beginn von „Where Are They Now?“, bei der das Thema der Akustischen von anderen Instrumenten übernommen wird, geben dem Album viel Wärme. Und von dem phänomenalen, erhebenden Sax-Solo am Ende ganz zu schweigen.

Überhaupt beherrschen sie neben dem Abwandeln bestimmter Motive auch alle sonstigen Disziplinen der progressiven Musik. Seien es verschiedene Soloausflüge über denselben Rhythmus oder die Variationen der Arrangements in den Strophen, irgendwo findet man solche Momente immer wieder im Laufe der Scheibe.
Zum Glück verzetteln sich THE TANGENT nicht in übertriebenen Solo-Orgien, sondern geben lieber den Ball an den Mitspieler ab, echte Teamplayer, auf allzu krasse Steilpässe englischen Stils wird aber verzichtet. Das dient vor allem den Songs, welche trotz ihrer Länge im Vergleich zu ihren Genregenossen vergleichsweise zugänglich daher kommen.
Gerade bei den gesungenen Passagen kommt man immer wieder auf die Hauptmelodie zurück, was es dem Hörer erleichtert den Faden zu behalten. Wilde Ausritte gibt es nur bei sehr komplexen „Ethanol Hat Nail“, die tönen aber aufgrund ihrer Spärlichkeit und Lichte wie YES in Zeitlupe.

Von den intelligenten Kompositionen ist vor allem „Perdu Dans Paris“ hervor zu heben. Ein fast balladesker, sehr melancholischer Titel, spärlich arrangiert, der in der Mitte GENESIS-mäßig anschwillt, um dann wieder zusammen zu fallen. Hier zeigt die warme, aber auch trockene Stimme des Chefs ihr ganzes Feeling.
Man stelle sich vor, Du fährst mit Deiner Frau ein paar Tage nach Paris, um Deine Ehe zu retten. Aber schon am nächsten Morgen verkündet sie Dir abzureisen, weil sie jetzt mit Deinem besten Freund zusammen ist, die Kinder sind auch schon weg, wenn Du heim kommst. Du stürzt Dich im Frust mitten in die Nacht, ziehst durch die Kneipen von St.Germain-de Prés, trinkst überteuerten Whiskey und wirfst zwei Euro in die Musikbox. Dann drückst Du diesen Song immer wieder, sieben Mal bis das Display die nächste Münze verlangt. Großes Kino!

Davon lebt die Musik von THE TANGENT, von solchen Storys und denen, die man für sich selbst daraus bastelt. Die Verwandtschaft des Titels mit der Novelle von George Orwell ist aber nur ein Wortspiel, hat mit dem Buch inhaltlich nichts zu tun.
Am Ende gibt es viel zu entdecken, eine Scheibe mit Langzeitwirkung, eher für die ruhigen und hoffentlich nicht so dunklen Stunden im Leben. Aber weniger zu Kuscheln als um darin abzutauchen (Pfälzer)

Bewertung: 8 / 10

Anzahl der Songs: 5
Spielzeit: 57:51 min
Label: InsideOut
Veröffentlichungstermin: 13.11.2009

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