beardfishdestinedsolitairefinishedcover.jpgFraglos eine der fleißigsten Formationen im Progressiverock-Bereich stellen die Schweden von BEARDFISH dar. Gerade mal ein Jahr nach ihrem zweiten Teil von „Sleeping In Traffic“, der ebenfalls nur ein Jahr nach dem ersten erschien legt das Quartett mit „Destined Solitaire“ schon wieder ein neues Album vor. Das ist umso erstaunlicher, da man die Kapazität einer CD immer bis zum Ende ausschöpft.
Nicht ganz so gut läuft es allerdings geschäftlich, denn durch die Insolvenz des Vertriebes hat ihre Plattenfirma InsideOut nicht mehr die finanziellen Mittel um die Truppe mit auf die ProgNation-Tour durch Nordamerika zu schicken. Schade für die Skandinavier, die sich da einem größeren Publikum hätten stellen können, denn Headliner ist bekanntlich DREAM THEATER. Deren Drummer ist erklärter Fan der Band und hatte sie persönlich eingeladen. Warum Mike Portnoy so einen Narren an ihnen gefressen hat versuche ich nun heraus zu finden, einfach ist es nicht.

Der instrumentale Opener „Awaken The Sleeping“ spannt noch den Bogen zu den beiden Vorgängeralben, nicht nur wegen des Titels. Doch hier werden schon die Irrungen und Wirrungen der neuen Scheibe offenbar.
Das Grundgerüst besteht immer noch aus stark von den Seventies geprägtem Retro-Prog, der gerne in den Arsenalen von GENESIS, KING CRIMSON, YES oder STEELY DAN wildert. Hinzu gesellen sich etliche Zitate des Jazz und Canterbury, welche aber schon auf den Vorgängern präsent waren. Abkupfern konnte man BEARDFISH noch nie vorwerfen und hier macht man weiter einen Schritt in Richtung absolute Eigenständigkeit.

Diese macht sich vor allem in den wirklich sonderbaren Melodielinien und Akkordfolgen bemerkbar. Die rockige Gradlinigkeit, die ein wenig an DEEP PURPLE geschult war weicht komplett noch kauzigerer und unberechenbarerer Klangmalerei. Woher die einzelnen Elemente stammen lässt sich kaum festmachen, Rock, ja selbst Weltmusik sind da wenig evident. Manches tönt wie eine Kirmesdrehorgel, manches noch merkwürdig fröhlicher.
Am ehesten wird man da bei typischen Musical-Arrangements fündig, da man auch oft mit einer latenten Theatralik aufwartet, obwohl die Einflüsse besser ins Gesamtbild eingebunden wurden als auf früheren Veröffentlichungen. Auch bei identifizierbaren Stilblüten werden die Hörer mit offenen Mündern zurück gelassen. Sei es die gegrowlte OPETH-Verneigung im Titelsong, der Versuch zu Rappen bei „In Real Life There Is No Algebra“ oder das Akkordeon in „Coupe De Grace“. Das lässt einen zu Beginn an der Seine entlang wandeln, verwandelt sich aber später in einen biestigen Frickeleinsatz, abgefahren.

Dabei ist der Grundtenor von „Destined Solitaire“ ein eher entspannter, lässiger, relaxter, was an der Stimme von Rikard Sjöbolm liegt. Das ist auch nötig bei der experimentellen Masse, die auf einen zukommt. Zum Glück tun die Vier dem Zuhörer den Gefallen die vielen Themen und Harmonien zwischen der jazzigen Gitarre und Sjöbolms Orgel während eines Songs immer wieder zu wiederholen, um diesen wieder die Orientierung zurück zu bringen.
Bei der Vielzahl von Details eine willkommene Hilfe, denn die Scheibe enthält sechs Longtracks. Einzig das ruhige, akustische sphärische „At Home Watching Movies“ fällt aus dem Rahmen. Ansonsten regiert der Prog, Tempowechsel, Soundspielereien, aber auch immer wieder warme getragene Passagen, Leadbass-Läufe wie in „The Stuff That Dreams Are Made Of“, eine wahre Entdeckungsreise, die etliche Hördurchgänge verlangt.

Dabei gelingt BEARDFISH das Kunststück nie zerrissen zu klingen, im Gegenteil im direkten Vergleich zu „Sleeping In Traffic“ hat man sogar an Kompaktheit zugelegt. Ob das den Hörgenuss nun steigert lasse ich dahin gestellt, denn im gleichen Zeitraum hat man sich weiter in die eigene Welt zurück gezogen, zu der man sehr schwer Zugang findet. Ein hochinteressantes Gebräu, selten explosiv, immer fesselnd, immer spannend, aber kaum zu fassen. Für wahre Avantgardisten ein Fest, für Proggies auch geeignet, alle anderen sollten hier Vorsicht walten lassen. (Pfälzer)


Bewertung: 6,5 / 10

Anzahl der Songs: 9
Spielzeit: 76:51 min
Label: InsideOut
Veröffentlichungstermin: 24.07.2009

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