Mehrfach-Wertung der Redaktionlacunacoil_shallowlife.jpgEines der meist erwarteten Alben dieser Tage ist mit Sicherheit "Shallow Life"! Zum einen, weil das letzte Lebenszeichen von LACUNA COIL "Karmacode" bereits über drei Jahre zurück liegt, die beiden unausgegorenen "Zwangsveröffentlichungen" "Visual Karma: Mind, Body & Soul" (DVD) und  "Manifesto Of Lacuna Coil" (Best-Of Scheibe) waren eh nur was für Komplettisten. Zum anderen, weil man ganz einfach gespannt ist, welchen Weg die italienischen Rockstars auf ihrem neuen Longplayer beschreiten. Wir erinnern uns kurz zurück, "Karmacode" bescherte LACUNA COIL anno 2006 den endgültigen Durchbruch, vor allem jenseits des großen Teiches, und ließ die Italiener zur erfolgreichsten Rockband ihres Landes werden. Dieser Erfolg ging allerdings mit einem Vertrauensverlust der über Jahre treuen Fans einher, denen die verstärkte "KORN-isierung" schwer im Magen lag. Mit dem ursprünglichen Gothic Rock/Metal von "In A Reverie" und "Unleashed Memories" hatte das Material von "Karmacode" so gut wie gar nichts mehr zu tun. Lassen wir uns also mal überraschen, wohin uns die Reise auf "Shallow Life" führt!

Ein Blick auf das Cover, lässt erst einmal das Allerschlimmste befürchten. Meine Fresse, was ist das denn? Wenn's nach mir geht, wandert der Preis für das "Übelste Coverartwork des Jahres" nach Italien. Geprägt von diesem Schock, schiebe ich "Shallow Life" das erste Mal in den Player, und der Schock wird rasch zu einer Schockstarre. "Shallow Life" will einfach so gar nicht zünden und begeistern. 12 Songs rauschen an mir vorbei, wenig will hängen bleiben, und zusätzlich schrecken Nummern wie das tanzbare "I Won't Tell You" und die Popnummer "I Like It" (könnte anders produziert auch von einem Popsternchen stammen) eher ab, als dass sie zusagen.
Was zurück bleibt ist Enttäuschung und Ernüchterung, LACUNA COIL scheinen sich endgültig zu einer beliebigen Mainstreamrockkapelle gewandelt zu haben. Ein kurzer Blick auf die Songlängen bestätigt das; alles bewegt sich zwischen 3:20 und 4:00 Minuten, also wie gemacht für's Radio.

Lediglich zwei positive Dinge stehen nach den ersten beiden Hörproben fest. LACUNA COIL haben vom übermäßigen "Nu" in ihrem Sound genug, "Shallow Life" tönt um einiges mehr nach den alten LACUNA COIL als "Karmacode" es tat, was nicht heißen soll, dass in Sachen musikalischer Ausrichtung eine Kehrtwende eingeleitet worden ist. Mit bösem Willen mag man das Berechnung nennen, weil man eben möglichst viele Anhänger bei der Stange halten will, verkehrt ist das prinzipiell aber nicht! Und das zweite, was direkt ins Auge springt, ist die fantastische Produktion der Scheibe, Don Gilmore hat hier ganze Arbeit geleistet. Nein, ihr habt euch nicht verlesen, LACUNA COIL haben sich tatsächlich nach vielen gemeinsamen Alben von ihrem Stammproduzenten Waldemar Sorychta und den Woodhouse Studios getrennt, und dieses Mal in Los Angeles mit dem Amerikaner Don Gilmore zusammengearbeitet, der für seine Arbeiten mit Größen wie LINKIN PARK, AVRIL LAVIGNE oder PEARL JAM bekannt ist. Oh Gott, schlimmer kann's mimmer kommen, mag man zuerst denken, aber wie gesagt, der Sound von "Shallow Life" lässt keine Wünsche offen! Die Songs tönen kraftvoll aus den Boxen, die Drums klingen amtlich und versprühen trotzdem noch ein natürliches Flair. Die Vocals von Frau Scabbia und Herrn Ferro wurden vordergründig in Szene gesetzt, und was mir besonders gut gefällt, die Produktion wurde insgesamt schön basslastig gehalten, klingt aber nie zu sehr auf modern getrimmt. Die beiden Gitarren von Cristiano Migliore und Maus gehen vielleicht ein klein wenig unter, aber man kann eben nicht alles haben.
 
Es könnte also alles so schön sein, wenn da nur nicht dieser bescheidene erste Eindruck wäre. Also einfach "Shallow Life" für zwei weitere Runden eingeworfen, und siehe da, es bewegt sich was. Die anfängliche Enttäuschung wird zur Verwunderung. Man wundert sich darüber, dass man Songs, die erst mal überhaupt nicht zünden wollten, auf einmal ganz gut findet. Und einige Umdrehungen später wird aus Verwunderung Begeisterung. Begeisterung darüber, dass "Shallow Life" ja eigentlich ein klasse Album geworden ist.

Die Hitdichte ist jedenfalls beeindruckend. Mit dem sehr heftigen Opener "Survive", dem LACUNA COIL typischen "Not Enough" dem hypermelodischen "I'm Not Afraid" und der ersten Single "Spellbound" hat man schon mal 4 Songs, die allesamt ordentlich rocken und wirklich gut sind, wenn man sich eingehört hat. Dazu gesellen sich auf der Habenseite der Scabbia Alleingang "Wide Awake" (die erste Ballade von "Shallow Life") und das schwer groovende "Underdog", bei dem sich der männliche Part von LACUNA COIL mal so richtig austoben kann, und damit meine ich nicht nur Sänger Andrea Ferro. Auch die zwei atmosphärischen Songs der Scheibe, "The Pain" und der abschließende Titeltrack, bieten bei genauerer Betrachtung wenig Anlass zur Kritik. Aus der Reihe tanzen qualitativ lediglich das mittelprächtige "The Maze" und der Rohrkrepierer "Unchained", aber auch das ist nichts neues für LACUNA COIL, die es noch nie geschafft haben, ein Album ohne Ausfälle abzuliefern; selbst die vermeintlichen Glanzlichter "Unleashed Memories" und "Comalies" haben dieses Problem. Bei "Karmacode" kriegt man mit "Fragile", "Devoted", "What I See", "Fragments Of Faith" und "The Game" sogar locker eine handvoll Songs zusammen, die nicht wirklich mitreißen. Wie stark "Shallow Life" tatsächlich geworden ist, wird einem erst so richtig bewusst, wenn man mal "Karmacode" und "Shallow Life" direkt hintereinander hört. Ein Unterschied wie Tag und Nacht. Von der Warte aus gesehen, ist "Shallow Life" ein sehr homogenes Album geworden, was jetzt noch fehlt, ist so eine Nummer wie "Heaven's A Lie", "Swamped" oder "To Life Is To Hide", also ein richtiger Kracher, der aus der Masse herausragt. Etwas außer Konkurrenz stehen nach wie vor die für die breite Masse prädestinierten "I Won't Tell You" und "I Like It", die, wenn man sie als das sieht, was sie sind, wirklich gut gemacht und gut produziert worden sind; ob man das als Metaller dann auch gut finden kann, muss jeder für sich entscheiden.

Betrachtet man "Shallow Life" aus dem Blickwinkel der Entwicklung von LACUNA COIL, so scheint es der nächste logische Schritt zu sein, mit dem LACUNA COIL den nicht ganz einfachen Spagat schaffen könnten, die weltoffene Gothic Fraktion und die New Rock Fraktion zufrieden zu stellen. Wer bei LACUNA COIL immer noch auf ein Album im Stile von "In A Reverie" gehofft hat, der kann die Italiener endgültig abhaken, diese Zeiten sind vorbei. LACUNA COIL sind auf "Shallow Life" endgültig zu einer modernen Rockband mutiert, was nicht überrascht, wenn man sich mal anschaut, mit wem die Band in den letzten Jahren so getourt ist. Dass dieser Schritt die üblichen Schattenseiten wie der Verlust an Härte, eine Vielzahl an radiotauglichen Mid-Tempo Songs und eine Hochglanzproduktion (wohlgemerkt eine sehr gute!) mit sich bringt, mit denen sich die Metaller häufig so schwer tun, ist nur logisch. Dennoch ist "Shallow Life" keine Sackgasse, sondern eines der objektiv besten Tondokumente der Italiener.
   
Wie ist das nun alles zu einer Note zusammenzufassen. Nach weit über einem Dutzend Durchläufen von "Shallow Life" muss ich sagen, dass mir das Album inzwischen richtig gut gefällt, ja es streitet sich sogar mit "Comalies" um den Platz meines Lieblings LACUNA COIL Albums. Auf der anderen Seite kann ich nach wie vor nicht verdrängen, dass mein Empfinden nach den ersten beiden zaghaften Versuchen noch ganz anders ausgesehen hat; von daher steht eine Bewertung im sehr guten Bereich außer Diskussion, 8 Punkte sind aber dennoch gerechtfertigt. (Maik)

 

Bewertung: 8 / 10


Anzahl der Songs: 12
Spielzeit: 44:06 min
Label: Century Media Records
Veröffentlichungstermin: 17.04.09

Wertung der Redaktion
Bernie Mika Holger Brix Metalpfälzer Sebastian David
7,5 6,5 6 7 7,5 7 7,5
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