beardfish2.jpgEin Musterbeispiel dafür wie lebhaft der Prog-Rock der siebziger Jahre nach wie vor ist sind die Schweden BEARDFISH. Mit einer ungeheuren Hingabe lassen sie die Zeiten wieder aufleben, in denen kauzige Klanggebilde die Musiklandschaft beherrschten und keine austauschbaren Industrieprodukte. Heuer veröffentlichen sie ihr viertes Album „Sleeping in Traffic: Part two“, das den letztjährigen ersten Teil fortsetzt. Allerdings handelt es sich hierbei nicht um ein Konzeptalbum in herkömmlicher Form, sondern um eine Aneinanderreihung von Songs, durch die sich ein roter Faden zieht. Thematisch wird der Verlauf von 24 Stunden im Leben eines Menschen nachvollzogen. Stellte der erste Teil den Tag dar, so präsentiert uns das Quartett jetzt die Nacht.

Folgerichtig geht es dann auch mit dem Intro „As the Sun sets" los, das ein wenig an Mike Oldfield erinnert. Und so weit weg davon bewegen sich BEARDFISH auch nicht von der Struktur her gesehen, denn das fortlaufende Wechseln der musikalischen Themen beherrscht der scheue Brite wie kein zweiter. So kann auch hier nicht ganz an seine Magie herangereicht werden, was aber nichts macht, da „Sleeping in Traffic: Part two" rockiger daherkommt als Oldfield.
Und mehr im Jazz verankert sind sie auch noch, aber beileibe nicht so viel wie ihre Labelgenossen von THE TANGENT mit denen sie Ende Mai auf Tour sind. Parallelen zu ihnen sind bei den Skandinaviern auch auszumachen, weswegen das Paket verspricht interessant zu werden. Und ebenso liegen die Ursprünge von BEARDFISH fast vierzig Jahre zurück, als die Musik noch nicht lediglich durch große Showproduktionen bunt wurde.

Das Songwriting, die Stimmung waren es, welche die Farben durch die Boxen dringen ließen. Wabernde Orgelklänge, versponnene Akustikmomente, flächige Weiten aus Synthesizern und Mellotron, psychedelische Entrücktheit, Theatralik, Experimentierfreude, das waren die Zutaten der goldenen Ära des Prog und die findet man auf dieser Scheibe in Hülle und Fülle.
Natürlich ähnelt einiges den von damals bekannten Formationen, seien es KANSAS, GENESIS, CAMEL, DEEP PURPLE oder frühen PINK FLOYD. Aber beileibe nicht nur abgekupfert, die Truppe um Mastermind Rikard Sjöbolm schaffen es, alles über weite Strecken homogen und eigenständig klingen zu lassen. Dabei lehnen sie aber jeden Gebrauch modernerer Stilmittel ab.

Hier werden ständig neue Sounds und Themen dargeboten, die aber oft im verlauf eines Songs zum Ursprung zurückkehren. Ewig lange Instrumentalpssagen sind ebenso typisch für ihren Sound, ohne dabei mit allzu viel Gefrickel zu nerven. Stattdessen überrascht die Platte mit einer unglaublich entspannten, coolen Atmosphäre, getragen durch viele End-Sechziger-Harmonien. Dazu rockt man auch mal schön drauf los, wenn sich schwere Riffs und noch gewichtigere Hammond-Klänge duellieren.
Dazu packen die Vier Zitate aus den unterschiedlichsten Musikrichtungen, da klingt der Tango an, dann wähnt man sich in Paris an der Seine, folkloristische Motive tauchen immer wieder auf. Und jedes Instrument bekommt auch seine Aufmerksamkeit, oft dominieren Bassläufe ganze Passagen, mal schwermütig, mal fast tanzbar.
Und die Theatralik spielt auch eine große Rolle, denn neben viel Humor legen BEARDFISH auch ein Faible für Musicals an den Tag, gehen also noch weiter wie die erwähnten GENESIS. Doch genau das störte mich schon früher an den alten ALICE COOPER - Alben, es verleiht ihnen zwar eine besondere Note, doch es wirkt auch irgendwie fehl am Platz. Wenn zum Beispiel im Herzstück des Albums, der über 30-minütigen „Sleeping in Traffic"-Suite plötzlich der Disco-Klassiker „Staying alive" eingeflochten wird, geht dem Ganzen die Atmosphäre verloren.

Es kann sein, dass gerade dies einigen Hörern besonders gefallen sollte, mir persönlich wäre es lieber, wenn sie sich auf das Ausleben der 70er-Anleihen beschränken würden. Wenn man sich ganz auf die instrumentalen Fähigkeiten verlassen würde, die in unzähligen Solos unter Beweis gestellt werden. Ihren skurrilen Humor, den sie in Operetten-ähnlichen Sequenzen zeigen in allen Ehren, aber mein Ding ist das nicht, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. So stehen phantastische Parts immer mal wieder fragwürdigen musikalischen Ausflügen gegenüber. Daher sollte man sich „Sleeping in Traffic: Part two" vielleicht vorher mal anhören, denn das meiste Material ist es für mich Wert gehört zu werden. (MetalPfälzer)

 

Bewertung: 7,5 / 10

Anzahl der Songs: 8
Spielzeit: 74:24 min
Label: Inside Out
Veröffentlichungstermin: 16.05.2008

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