joshuajohngreen musicmakinginthefaroesJoshua John Green studierte Anthropologie an der University Of Alberta in Edmonton, Kanada. Er interessierte sich schon früh für Folk Music, aber auch für Heavy Metal und über die Viking Metalband Týr stieß er irgendwann um 2003/2004 auf die Färöer. Schon zu Beginn seines Studiums fragte er sich, ob die Musik, die Bands wie Týr, aber auch z.B. Lumsk (Norwegen), Vintersorg (Schweden) oder Falkenbach (Island/Deutschland) spielen, unter dem Label „Weltmusik“ zusammengefasst werden könnte und ob sie zu der Art von Musik gehört, die er im Rahmen seines Anthropologiestudium betrachten würde. Schon früh bestätigte ihm ein Professor diese These. Also ließ Joshua John Green dieses Thema nie aus den Augen und widmete so schlussendlich seine Masterarbeit der Musikszene auf den Färöern, mit einem Schwerpunkt auf der färöischen Metalszene.

Dabei ist seine Arbeit nicht nur als Masterarbeit bei der Unitveristy Of Alberta erschienen, sondern auch in Buchform (in englischer Sprache) auf den Färöern. Soweit mir bekannt ist, wurde die Arbeit inhaltlich unverändert in das Buch übernommen, es ergibt sich lediglich aufgrund des anderen Formates auch eine andere Seitenzahl. Nachteil des Buches, das für färöische Verhältnisse recht günstig ist, ist jedoch, dass die enthaltenen Fotos alle nur schwarzweiß sind. Man kann die Arbeit jedoch bei der University Of Alberta auch als pdf-Datei herunterladen (das ist auch die mir vorliegende Form). Darin sind die Fotos dann auch farbig und somit besser zu erkennen.

Green beginnt seine Arbeit mit einer Einleitung, in der er sein Vorgehen erläutert. Dieser Part ist sehr sperrig zu lesen, man sollte sich hiervon jedoch nicht abschrecken lassen oder vielleicht sogar aufgeben. Hier heißt es: Zähne zusammenbeißen und durch. Green hat für seine Arbeit sozusagen echte Feldforschung betrieben, indem er diverse Protagonisten der färöischen Musikszene (neben Musikern auch Produzenten oder z.B. TUTL-Gründer Kristian Blak) interviewt hat. Diese Interviews wurden jedoch nicht, wie das auch möglich gewesen wäre, per Telefon und/oder Email geführt, sondern der Verfasser ist für 3 Monate auf die Färöer gereist, wo er die dortige Musikszene am eigenen Leib erfahren hat.

Dabei hat er sich nicht auf die von ihm bevorzugte Musikrichtung Metal beschränkt, sondern besuchte auch andere Konzerte oder Tanzveranstaltungen, bei denen der traditionelle Kettentanz getanzt wurde. Anschließend fasst er die Geschichte der Musik auf den Färöern sowie die unterschiedlichen Ausprägungen der Musik (Kvæði, Kinderlieder, usw.) noch einmal zusammen. Dies ist für einen Leser, der sich bereits mit der Musikgeschichte der Färöer beschäftigt hat, wenig informativ; die hier zusammengetragenen Informationen sind recht allgemein gehalten und man kennt bereits alle. Für den unbedarften Leser bildet dieses Kapitel jedoch einen schönen Überblick über die färöische Musikgeschichte.

Green begründet diese ausführliche Betrachtung damit, dass die alten Balladen und auch das Erbe der Wikinger bis heute sehr stark in der Musik der Färöer fortlebt und viele aktuelle Künstler aller Sparten sich dieser Quellen bedienen. Somit ist eine Kenntnis der Musikgeschichte der Färöer unabdingbar für das Verständnis der heutigen färöischen Musikszene. Auch beschreibt Green die Rolle, die die Musik in der heutigen Gesellschaft einnimmt.

Der Hauptteil der Arbeit ist dann jedoch dem Metal auf den Färöern gewidmet. Zunächst erklärt der Verfasser, was unter Metal überhaupt verstanden wird und wie sich das Genre „Heavy Metal“ definiert und welche Subgenres es gibt. Zwei dieser Subgenres, nämlich Viking Metal und Doom Metal, betrachtet er dabei genauer anhand der beiden wohl berühmtesten färöischen Metalbands Týr (Viking Metal) und Hamferð (Doom Metal). Diesen beiden Bands wird in der Arbeit der meiste Platz eingeräumt.  
Dabei stellt er jeweils die Bands vor, erläutert ihren Werdegang, ihren Stellenwert und das entsprechende Subgenre. Besonderer Wert wird dabei natürlich darauf gelegt, inwiefern sich die färöische Kultur und Musikgeschichte auf die Musik und/oder die Texte der Bands ausgewirkt haben. Im Falle von Týr ist dies mehr oder weniger eine Quellenauswertung, da Joshua John Green wohl keine Gelegenheit hatte, sich mit Mitgliedern von Týr direkt zu unterhalten. Er hat sich jedoch häufig mit anderen färöischen Musikern über Týr unterhalten. Gerade bei Týr wird auch auf den Einfluss, den diese Band auf die färöische Metalszene hatte, deutlich herausgestellt. Allerdings kann ich den Schlussfolgerungen von Green nicht ganz zustimmen. So betont er z.B. immer wieder, dass jüngere Metalbands von den Färöern befürchten, wie Týr zu klingen. In eigenen Gesprächen konnte ich das jedoch nicht feststellen. Was auch nur logisch ist, denn keine der mir bekannten färöischen Metalbands klingt auch nur annähernd wie Týr.

Mit den Mitgliedern von Hamferð hat der Verfasser hingegen viele Interviews und persönliche Gespräche geführt. Auch hier wird wieder die Geschichte und Entwicklung der Band beleuchtet und auch der Einfluss der färöischen Musikgeschichte auf die heutige, moderne Gesellschaft sowie der Einfluss auf die heutige färöische Musikszene. Dabei stellt er auch die Unterschiede zwischen Týr und Hamferð heraus, insbesondere auch die unterschiedliche Intention der Musik. Den Ausführungen hier kann ich schon eher zustimmen. Interessant ist hier auch, dass diese etwas jüngere Generation färöischer Bands die Wichtigkeit des Internet für färöische Bands immer wieder herausstellt.
Anschließend wird noch kurz die Popmusikkultur (z.B. Guðrið Hansdóttir) auf den Färöern beleuchtet, allerdings wirklich nur kurz, da Green selbst zugibt, sich mit Popmusik nicht wirklich gut auszukennen. Vielmehr legt er dann seinen Schwerpunkt auf die Tatsache der Abwanderung von Musikern. Viele Musiker verlassen um des Erfolges willen die Färöer (unter anderem ja auch Eivør Pálsdóttir). Auf den Färöern erfolgreich und bekannt zu sein geht relativ schnell, aber schon der Schritt nach Dänemark oder gar Europa ist ein sehr großer und zudem auch teurer Schritt. Deshalb entscheiden sich einige Bands dafür, komplett nach Dänemark zu ziehen, um von dort aus den Musikmarkt zu erobern. Dies wird nicht von allen Bands praktiziert, einige habe da auch eine andere Philosophie, aber für die meisten Bands stellt die Auswanderung das vielleicht wichtigste Mittel zum Erfolg dar. Green stellt hier auch die Künstlervereinigung „Provincialists“ vor, die alle aus abgelegenen Gegenden Nordeuropas (Island, Schweden, Norwegen,…) stammen und vor den gleichen Problemen stehen wie färöische Künstler.

Anschließend betrachtet Green auch noch die Zusammenhänge von Musikszenen, verwendeter Sprache (Färöisch, Dänisch, Englisch) und Religiosität. Außerdem betrachtet er die färöische Metalszene, die zwar klein, aber fein und durchaus innerhalb der färöischen Musikszene nicht vernachlässigbar ist.

Abschließend stellt er noch die Frage: „Warum gibt es auf den Färöern eigentlich soviel Musik?“ Und genau diese Frage hat er auch verschiedenen Färingern gestellt und präsentiert nun ihre Antworten, die er aber auch kritisch kommentiert und anhand älterer Forschungen betrachtet.

Joshua John Green hat mit „The Experience of Music-making in the Faroes and Making Metal Faroese“ ein sehr umfangreiches Werk zum Thema Metal auf den Färöern abgeliefert, ziemlich sicher das umfangreichste, das es dazu gibt (wenn es denn überhaupt ein anderes gibt, was ich bezweifle). Leider finde ich jedoch, dass der Autor öfter etwas „schlampig“ gearbeitet hat bzw. sich nicht ausreichend informiert hat und er sich auch in der europäischen Metalszene nicht so gut auskennt (Skyclad als (Mit-)Begründer des Folk Metal hätten z.B. genannt werden müssen, aber offenbar kennt Green diese gar nicht. Auch Orphaned Land, die ein gutes Beispiel abgegeben hätten, sind ihm offenbar unbekannt).. Das will ich ihm jedoch nicht zum Vorwurf machen, immerhin ist er Kanadier, aber vieles hätte man auch durch Recherchen herausfinden können. Dabei sind es mitunter ganz einfache Dinge; z.B. sollte man doch von jemandem, der immerhin 3 Monate auf den Färöern verbracht hat, erwarten können, dass er weiß, dass es auf den Färöern nur eine Brücke zwischen den Inseln gibt. Aber er scheint da Brücken und Dämme gleichzusetzen. Auch haben z.B. Týr auf der Bühne niemals (Schau-)Waffen getragen. Teilweise findet man auch falsche Übersetzungen (z.B. „Hildarting“ (aus „Ormurin Langi“) bedeutet nun wirklich nicht „Schlacht“). Und da der Verfasser auch das Summer Institute der färöischen Universität besucht hat, sollte er zumindest jemanden kennen, der ihm beim Übersetzen hätte helfen können.

Aber auch er stellt fest, dass es schwer ist, auf den Inseln Färöisch zu sprechen. Wird man als „Fremder“ erkannt, wird man automatisch auf Englisch angesprochen und färöische Sprechversuche werden höflich ignoriert. Das kann ich nur bestätigen.

Störend empfinde ich beim Lesefluss, dass die Interviews so belassen wurden, wie sie geführt wurden, also mit allen „Hm“s, „you know“s und „Uh“s, die nunmal auftauchen, wenn zwei Menschen einfach so drauflosreden. Dies hätte man zumindest für die Buchversion glätten und zu ganzen Sätzen ausformulieren können. Ebenfalls störend ist, dass die Gesprächspartner bei den Interviews stets mit Initialen abgekürzt werden, anstatt z.B. mit Vornamen. Überhaupt wirkt die amerikanische (und im Grunde ja auch deutsche) Art, von Personen mittels ihres Nachnamens zu sprechen, hier seltsam fehl am Platze. Im Zusammenhang mit Färingern ist man es einfach nicht gewohnt, nur den Nachnamen zu lesen. Ist z.B. von „Joensen von Týr“ die Rede, muss ich immer überlegen, wer hier gemeint ist. „Heri von Týr“ klingt natürlicher und vertrauter.

Aufgepeppt wurde die Arbeit mit einigen Fotos von den Färöern bzw. Albumcovern oder Fotos von Konzerten. Ich wähle hier bewusst den Ausdruck „aufgepeppt“, denn die Bilder finden sich oft ohne Bezug zum Text irgendwo wieder.

Etwas schade finde ich, dass Green die Fragen, die er seinen Interviewpartnern stellt, nicht verrät. Zwar bekommt man immer mal wieder einzelne Interviewhappen vorgesetzt, aber es wäre auch interessant gewesen, einmal eine Zusammenstellung der (sicher häufig gleichen) Fragen zu sehen. Alles in allem ist es dennoch ein interessant zu lesendes, umfangreiches Werk, das insbesondere für Menschen, denen die färöische Musikszene bisher noch fremd ist oder für Menschen, die sich für die Einflüsse der färöischen Vergangenheit auf die heutige Musik beziehen, interessieren. Man sollte dabei aber schon ein gewisses Interesse am Metal mitbringen, denn der nimmt den Hauptteil der Arbeit ein, was einem aber auch schon der Titel verrät. (Anne)

Bewertung: 6 / 10
Anzahl der Seiten: 332
ISBN: 978-99918-76-55-9
Verlag: Sprotin
Erscheinungstermin: 2013

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