riverside tourplakatWie macht man weiter, wenn einen das Schicksal so hart trifft? Gibt es überhaupt ein Morgen, wenn ein Freund und Bandkollege so früh und unerwartet stirbt? Die Polen machten sich die Entscheidung nicht leicht, immerhin war der Gitarrenklang von Pjotr Grudzinski fünfzehn Jahre lang elementarer Bestandteil der Truppe. Ohnehin gab es nur einen Besetzungswechsel direkt nach dem Debüt, seitdem agierte man unverändert und wuchs zu einer Gemeinschaft, einer Familie. Seitdem ging es für RIVERSIDE immer nur bergauf, bis zu jenem Sonntag im Februar 2016, der alles in Frage stellte. Die übrigen Drei kehrten in sich, sagten alle Termine ab und ließen das ambiente, introspektive „Eyes Of A Soundscape“ zwischendurch sprechen. Der Wunsch, die Band weiterzutragen war am Ende stärker und so will man sich bei den Fans auf der Bühne zurückmelden. Darüber hinaus agiert man nun als Trio, die sechs Saiten übernimmt mit Maciej Meller ein enger Freund, der aber kein offizielles Mitglied wird. NECKBREAKER reiste ins weit entfernte Pratteln, um einer der Shows beizuwohnen.

Und diese Reise war eine verwunderliche durch die Welt von heute mit all ihrer verstörenden Empathielosigkeit, in der die Musik der Polen wie eine Insel anmutet. Auf der Autobahn leuchtet plötzlich ein Schild mit „Achtung, Nebel – Tempo 80“ auf, später ging es herunter auf 60. Nur leider konnte ich unterwegs vom Vogesenrand bei Saverne bis in den Schwarzwald sehen, Einheimische berichteten mir von der herrlichen Aussicht, die ich so noch nie sehen konnte, also war Nebel vollkommen utopisch. Leider ist hinterfragen so ein Thema und viele drosselten ihre Geschwindigkeit, auch wenn sich der Nebel selbst nachts nicht einstellen wollte.
Da muss man sich schon fragen, ob sich der ach so mündige Bürger heute alles gefallen lässt, man erinnere sich auch an den nicht vorhandenen Widerstand gegen die Absage vom Rock Am Ring. Irgendwie war der zivile Ungehorsam in den Siebzigern und Achtzigern doch deutlich ausgeprägter, aber vielleicht auch nur die Aufmerksamkeitsspanne. Denn als ich in Pratteln einen jungen Mann mit Sporttasche auf Skateboard nach dem Weg fragte, wusste er nicht mal, was das Z7 sein soll. Ich wies ihn freundlich darauf hin, dass diese Konzertlocation das einzige sei, was die Welt weiter als Basel entfernt von seiner Heimatstadt wahrnimmt.

Da forderte das Konzert die Zuhörer schon ganz anders. Als ob man diese erst einmal einleiten wollte, ertönte „Eyes Of A Soundscape“ als Intro, nachdem das Licht ausgegangen war. Gebannte Erwartungshaltung machte sich breit, jenes konzentrierte Harren, welches man beim Musikerlebnis in den Zeiten hatte, aus denen RIVERSIDE ihre Inspiration schöpfen. Die Zeiten, in denen progressive Rockmusik die Welt und Jugend beherrschte. Daher ist es gut, dass es heute solche Formationen gibt, die sich von ihrer Mission, diese Zeiten wieder aufleben zu lassen nicht abhalten lassen. Um die Neuformierung auch optisch klar zu stellen, kamen zuerst die drei Stammmitglieder sichtlich gelöst auf die Bretter. Frontmann Mariusz Duda überraschte mit einer einleitenden Ansprache, die frenetisch bejubelt wurde, bevor man in den ersten Song einstieg.

Das war dann die zweite Überraschung, denn eigentlich geht der Rausschmeißer von „Shrine Of New Generation Slaves“ nur eineinhalb Minuten, doch heuer wurde er mächtig gestreckt. Die Arbeiten am letztjährigen Output scheinen Spuren hinterlassen zu haben, denn neuerdings setzt man auf Ambient-Momente und ausgesprochene Improvisationsfreude. Der Fixpunkt lag klar auf dem Zusammenspiel von Mariusz Duda und den Keyboards von Michal Lapaj. Während der Frontmann mit seinem Bass viele Riffs spielte oder die Tiefen auslotete, füllte der Mann an den Tasten mit wunderbaren Flächen den Raum. Wie riesige Kathedralen baute sich das Gemisch aus Orgel und analogen Synthesizern auf und ließ den Zuschauer selig an die Siebziger denken. Ein Flirren lag im Raum, viele Stücke gipfelten in einem hypnotischen Outro, das einen komplett gefangen nahm.

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Ja, diese Band war anders, das wurde im Vorfeld so kommuniziert, doch sie waren immer noch großartig. Es ist einfach ihr Gespür für tiefe Emotionen und bewegende Melodien, welches in jeder Note zu spüren war, welches quasi in die DNA der Band überging. Nach ein paar Minuten kam dann der gute Maciej dazu und wurde sehr freundlich empfangen, als er sich ins Geschehen einbrachte. Schon beim folgenden Titelsong ihres Meisterwerkes „Second Life Syndrome“ hatte er Gelegenheit sich auszuzeichnen, denn der Longtrack bietet viele Leadpassagen. Überhaupt war dieses Album neben den beiden letzten wieder sehr präsent in der Setlist. Natürlich wurde der Mann von den Fans erst einmal kritisch beäugt, die Fußstapfen seines Vorgängers sind doch gewaltig.

Er versuchte seine Rolle so gut es geht auszufüllen, setzt sogar auf das selbe Equipment wie Grudzinski, dennoch bringt er seine eigene Persönlichkeit mit ein. Mit ihm hat man sich einen klasse Gitarristen an Bord geholt, der sich in das dichte, hochdynamische und perfekt getimte Spiel der Formation einfügen konnte. Es ist aber nicht zu verhehlen, dass ihm dieser ganz feine, warme Ton nicht ganz gelingt, doch das können nur wenige, Pjotr war neben Steve Rothery wohl der beste David Gilmour-Legat.
Der absolute Tiefgang fehlt ihm auch bei den harten Anschlägen, die metallische Kante vermisste man auch ein bisschen. Da verstand es das Gründungsmitglied doch noch ein wenig mehr Kontraste zu setzen, alles noch schärfer auszuloten. Meller hingegen landet öfter mal in der rockigen Mitte, dann könnte er mit seinem Spiel bei heutigen OPETH einsteigen. Zumal er mit seiner langen, dunklen Mähne und seinem Bart ohnehin gut zu den Schweden passen würde, doch für RIVERSIDE ist er dennoch der wohl beste Ersatz, den man finden konnte.

Wie schon erwähnt war er nicht so prominent im Soundgewand untergebracht wie man es von RIVERSIDE gewohnt ist. Doch es war wie immer eine Augenweide den Vier zuzusehen, wie sie ihre Klänge erschaffen, Meller wiegte seine Axt hin und her, Lapaj beugte sich über seine Keyboards und Duda versuchte sich an großen Gesten, wenn er einzelne Töne zelebrierte. Traumhaft schön breiteten sich die Klangteppiche aus, umhüllten die Zuschauer. Wie in aller Welt der Mischer so einen Sound in das alte, versteckte Industriegebäude bekam, wird mir ewig ein Rätsel bleiben, jedes Detail war zu vernehmen. Dabei machte es ihm der Betonfußboden nicht gerade leicht, auf dem man seltsamerweise ständig festklebte; eigentlich müssten die Bierreste doch in den ausgewaschenen Gräben abfließen.

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Mit dem nächsten Stück vom zweiten Album direkt im Anschluss wurde zum ersten Mal das Publikum miteinbezogen. Wenn dies nicht gerade am Mitsingen war, schwelgte es im Klangmeer und wogte mit den Wellen hin und her. Erfreulicherweise waren nur wenige Handys oben, obwohl die Lightshow schon gute Motive bot. Doch die Anhänger versanken lieber in den Emotionen und saugten diese in sich auf, ganz so wie in den Zeiten, als die progressive Musik erforscht wurde. Mariusz ging auch auf die Menschen ein, wie sich auch die ganze Band sichtlich daran erfreute, dass so viele gekommen waren, um den Weg mit ihnen weiterzugehen. Damit setzte er da an, wo er zuletzt immer offener auf der Bühne wurde und nicht mehr so introvertiert agierte wie zu Beginn der Karriere. So wurde der große Hit der Band zu einem schönen Mitsingkanon inmitten instrumentaler Wucht.

Ähnlich interessant in der Bearbeitung kam auch der Opener des aktuellen Studioalbums, der in akustischem Gewand neue Facette hervor brachte. RIVERSIDE erfanden sich an dem Abend ein Stück weit neu und sind doch immer die gleiche Band geblieben, das spüren auch die Fans, die bereitwillig folgen, denn auch das ist progressiver Anspruch, der stetige Wandel. Duda ließ es in seinen Ansprachen immer durchscheinen, dass auch die Musiker das selbst wissen. Die Löcher in seinem Longsleeve sah er symbolisch für die Wunden, welche seine Band erlitten hat, doch er steht immer noch da oben.
Trotz aller Melancholie in den Lieder der Band war es keine Nacht, um zu trauern, sondern eine Nacht der Wiederauferstehung. Um das noch deutlicher zu machen brachte man den Eröffnungstitel am Ende noch einmal in ganz anderem Arrangement dar, die Klangfarben wechselten in eine viel hellere Stufe. Zuvor schwörte er sein Publikum ein, mit einem Lächeln heraus zu gehen, die Liebe in sich zu Tragen. Jene Liebe, die ihm und seinen Kollegen half, den Schmerz zu überwinden. Recht hat er, Liebe geht tief, Hass ist nur oberflächlich und seine Musik hilft wieder tief zu gehen, etwas das fehlt in dieser Welt. Alleine deswegen ist es schön, dass RIVERSIDE wieder da sind. (Pfälzer)

Setlist RIVERSIDE:
Coda
Second Life Syndrome
Conceiving You
Caterpillar And The Barbed Wire
The Depths Of Self-Delusion
Lost (Why Should I Be Frightened By A Hat?)
O2 Panic Room
Saturate Me
Escalator Shrine
Before
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Towards The Blue Horizon
Coda

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