dcs tourflyerZu Weihnachten hatte sich die Freak Show in Essen etwas ganz Besonderes ausgedacht: Zwei Ruhrpott-Combos, die sich beim Headlinern an zwei aufeinander folgenden Tagen abwechselten. Die Tickets waren aufgrund der Größe der Location auf jeweils 100 limitiert - und: extrem begehrt. Dieses Review bezieht sich auf den Samstagabend-Gig.

Wer die Freak Show in Essen-Steele nicht kennt, sollte ihr unbedingt mal einen Besuch abstatten: Die Besitzer Manuela „Ela“ Nordvall und ihr Mann Benjamin „Benny“ Nordvall, Gitarrist der schwedischen Band PART TIME POSERS, der uns beim Einlass allesamt mit Handschlag begrüßte (wie sympathisch!!!) haben diesen Club mit jeder Menge Liebe zum Detail eingerichtet: Die Treppe hinunter geht es hinein in einen Monsterrachen, drinnen finden sich zahlreiche "altbekannte" Gruselgesellen wieder, von Freddy Krüger bis Frankensteins Monster - überall, selbst in der Toilette, haben sie ihre kuschligen Plätzchen gefunden. Auch die Bühne befindet sich in einem Monstermaul.
Man kann sich gar nicht satt sehen und entdeckt selbst nach Stunden der Anwesenheit immer noch neue Dinge, wie zum Beispiel das Pferdehinterteil, welches aus dem Tresen ragt. Sehr perfektionistisch werden auch selbst bei großem Andrang die Cocktails, die auf einer umfangreichen Karte angeboten werden, zubereitet - schnell und lieblos hingehuddelt wird da mal gar nichts - und das alles zu sehr moderaten Preisen. Hier fühlt sich jede/r sofort sehr gut aufgehoben. Die Nordvalls können Gastronomie, soviel ist sicher.

2ND DISTRICT
Den Anfang machten die Jungs von 2ND DISTRICT und lieferten nach eineinhalb Jahren Bühnenpause ein gewohnt grandioses Glam-Punkrock-Spektakel ab. Auf diese vier ist einfach Verlass. Die Band aus Bochum Langendreer-West um Sänger und Gitarrist Marc Ader (PUBLIC TOYS, THE REVOLVERS, brandneu: LOVESHOCKS), der über eine sehr markante, mitunter auch sehr feminine, Stimme verfügt, zeigte ein gutes Händchen bei der Songauswahl und lieferte ein buntes Potpourri aus den bisherigen Alben („Emotional Suicide“, „Poverty Makes Angry“, „What's Inside You!?) ab. Aber auch drei alte THE REVOLVERS Songs („Realize“, „Don't Tell Me“ und „Ain't Got No Sense) fanden sich natürlich - und juchhu – in der Setlist wieder.

Alle waren sie in absoluter Höchstform und mit sichtbarer Freude dabei, egal ob Drummer Keizh Klein, sein Bruder Gitarrist Daniel Klein (beide THE KLEINS), oder das an Alter und Bandzugehörigkeit jüngste Bandmitglied Marius Sullivan am Bass, der den Sleaze-Faktor in der Band zweifellos deutlich erhöht. Los ging es mit dem melancholischen „Emotional Suicide“, einem Lied bei dem es um Angst und Depressionen geht.
Weitere politische und gesellschaftskritische Lieder wie „The Bourgois Attitude“, „High Society“, „Too Many People“ und „Monotony“- bei dem das Publikum lautstark mitsang – und „Tell The System I'm Alive“ wechselten sich im Folgenden ab mit punkigen Herz/Schmerz-Songs wie „Stuck On You“, „Wherever You Are“, „Love Has Gone“, „Private Love“ und „You're Not The Right One“. Ein besonderes Highlight war die Coverversion des "Punk-Poeten" PATRIK FITZGERALD von „Safety Pin Stuck In My Heart“. Aber auch eher poppige Nummern wie „Drinking (The Song)“ und „My Baybeez Number“ durften natürlich nicht fehlen.

Zum Abschluss gab es dann noch einmal zwei schöne Coverversionen um die Ohren: Besonders der THE CULT Hit „Rain“ wusste extremst zu gefallen. Mit „Degenerated“ von der REAGAN YOUTH war dann leider auch schon Schluss - die Zeit verflog wirklich wie im Nu. Unzählige Male bereits gesehen - immer restlos begeistert - war dies definitiv der stärkste Auftritt bisher. Auch wenn ich alle „verflossenen“ Bandmitglieder sehr gut leiden kann (und davon gibt es einige!) ist die aktuelle Besetzung glaube ich meine Lieblingsbesetzung. 2ND DISTRICT sind bodenständiger und ehrlicher Punkrock mit Glam-Einschlag, der sich hören und sehen lassen kann. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die nächsten Konzerte nicht wieder so lange auf sich warten lassen...

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DOUBLE CRUSH SYNDROME
Weiter ging es mit dem "Kickass Rock'n'Roll" von DOUBLE CRUSH SYNDROME. Die Band besteht in aktueller Besetzung aus Gründer, Sänger und Gitarrist Andy Brings, Bassist und Sänger Slick Prolidol sowie Schlagzeuger Julian Fischer (SNAKEBITE), wobei es schon ungewöhnlich ist, dass sie als Trio agieren. Brings hat auch schon einige Bands im Laufe seiner nicht kurzen Musikkarriere bespielt und dazu auch ein paar Stilrichtungen durchlaufen. Anfang der 90er Trash-Metal bei SODOM, Ende der 90er Power/Speedmetal bei POWERGOD und nebenher bis 2007 Glam Rock mit den TRACEELORDS, da dann auch als Sänger, ab 2000 dort ebenfalls an der Seite des D.C.S.-Bandkumpels Slick Prolidol (SLICK's KITCHEN). Solosachen hat er auch an den Start gebracht. Seit 2013 ist er nun also mit DOUBLE CRUSH SYNDROME am Start.

Die drei machten jedoch mehr Druck und Action als so manche fünfköpfige Band. Der erste Teil wusste auch ordentlich zu flashen, die Band versteht definitiv etwas von ihrem Handwerk. Die Zwischenansagen waren hier zwar schon ein bisschen peinlich, aber es ging alles noch klar. Die Stimmung kippte jedoch teilweise als Sänger Andy seinen Arbeitsplatz ins Publikum verlegte und das Publikum von dort anheizte. Einige nackte Männeroberkörper, vulgäre Ansagen und Frauen antatschen inklusive, was dann schnell zu einer merkwürdigen Bierzeltatmosphäre führte.

Das trifft eindeutig nicht jeden Geschmack und führte bei dem/der ein oder anderen zu Stirnrunzeln oder Fremdschäm-Gefühlen. Die D.C.S. Fans - auffällig viele kamen in Bandshirts zum Konzert - ließen sich dadurch nicht beirren, einen Teil des Publikums verlor die Band an dieser Stelle jedoch. Einige verließen den Raum, gingen Rauchen oder frische Luft schnappen, andere gingen einfach nicht mehr so mit.
Erst nach Rückkehr auf die Bühne wurde es wieder besser und die Band brachte auch noch einige richtig gute, energiegeladene Knallersongs. Die Band hatte auch einiges an "Haves" aufzubieten wie zwei unglaublich gute Sänger, wo man sich gar nicht entscheiden konnte welchen man nun besser fand. Die von Andy Brings mit unverkennbarem Metall in der Stimme, was es sehr interessant macht, oder die Stimme von Slick Prolidol, die eher rotzig daherkommt und nicht selten an Horrorpunk erinnert. Slick hatte übrigens eine recht eindrucksvolle Gesichtsbemalung. Auch der Drummer wusste was er da tat.
Meine persönlichen Highlights waren „She Is A Pistol“, „Die For Rock N Roll“ und „And They Say We Are The Freaks“. Ohne dieses unnötige – und irgendwie auch unwürdige – Gehabe, welches eindeutig über sehr willkommenes Gepose hinausging, wäre die Bilanz durchweg positiv ausgefallen. Sowas habe ich in 20 Jahren Konzertbesuchen (oft und viel) noch nie erlebt – außer mit 17 bei der BLOODHOUND GANG (und schon sind sie verraten, die musikalischen Jugendsünden). Wirklich schade...

Anschließend legte Andy Brings dann noch auf und auch da war deutlich zu merken, dass er was von Musik versteht und viele harrten noch lange in der Freak Show aus, trinkend, tanzend und die von den Nordvalls spendierten Erdnüsse (aus der Ankündigung: "ERDNÜSSE bis zum Abwinken...Schalen auf den Boden... was wir natürlich jetzt schon bereuen") fanden auch reißenden Absatz – und ganz sicher auch einige Schalen den Weg auf den Boden. Alles in Allem, trotz der benannten Minuspunkte, war das ein sehr gelungener Abend, der die weite Anreise von Wiesbaden nach Essen definitiv nicht bereuen ließ. (Manu)live 20161217 0201 doublecrush

 

(Fotos: Manu)

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