live 20151205 0100 communicManchmal muss man im Leben Dinge tun, die auf den ersten Blick reichlich bescheuert wirken. Aber was man tun muss, muss man eben tun. Und zugegeben, wir haben schon etwas überlegt, bevor wir uns entschlossen, das COMMUNIC-Konzert zum 10jährigen Bandjubiläum zu besuchen. Denn das fand – wie sollte es anders sein – in der Heimatstadt der Band, dem norwegischen Mandal, statt. Also mal eben schnell im Dezember nach Norwegen gejettet.

Was das wohl werden würde? Zuerst überlegten wir, mit der Fähre zu fahren, aber das hätte wieder einen zusätzlichen Tag für die An- und einen für die Abreise bedeutet und die Busverbindungen zwischen Kristiansand und Mandal sind ja gut. Also entschieden wir uns für den Flieger. Ein kluge Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Denn am Tag des Konzertes (und einen Tag danach) zog ein Sturmtief über Südskandinavien, das in Südnorwegen für heftige Überschwemmungen und Schlammlawinen sorgte und in Dänemark das Auslaufen der Fähren verhinderte.

Und so teilte uns Oddleif Stensland, seines Zeichens Sänger und Gitarrist der Band, vor Ort mit, dass andere Deutsche, die auch kommen wollten, nach 1000 km Anreise unverrichteter Dinge wieder umkehren mussten, da die Fähren den Dienst eingestellt hatten. Somit waren wir die einzigen Nichtnorweger auf dem Konzert. An dieser Stelle mein Beileid an die deutschen Kollegen, die es nicht geschafft haben. Was ein Scheiß. Wir hingegen wurden auf dem Weg zum Konzert einfach nur ziemlich feucht (wenn sogar die Geldscheine im Geldbeutel, der in meiner Jackentasche steckte, feucht sind, dann hat es wohl etwas geregnet). Aber freundliche Norweger lassen einen auch schon mal vor Einlassbeginn in die Halle, wenn so widerliches Wetter ist. Danke dafür!

Ein großes Hallo gab es schon vor dem Konzert, denn zumindest Tor Atle hatte unsere Gesichter wohl nicht wirklich mit unseren Facebookprofilen in Verbindung gebracht und freute sich sehr, uns zu sehen. Begeisterung rief auch meine Geburtstagstorte hervor, die wir heroisch über zwei Flüge in einem Stück und sogar noch halbwegs präsentationsfähig nach Norwegen geschafft hatten.


COMMUNIC
Beim Konzert selber zeigte sich, wie gediegen die Norweger alles angehen lassen. Um 20:00 Uhr ist Einlass, irgendwann nach 21:00 Uhr startet dann mal der einstündige Countdown und um fast 22:30 betritt die Band dann endlich die Bühne. Auf dem Backdrop, auf dem wir die letzte Stunde den Countdown bewundern durften, werden die ganze Zeit Bilder des Universums oder generell der Natur eingeblendet, die teilweise sehr schöne Hintergründe ergeben. Los geht es gleich mit vier Songs des Debütalbums „Conspiracy In Mind“, dessen 10jähriges Jubiläum eigentlich gefeiert wird (auch wenn man das Ganze als Bandjubiläum tarnt). Da herrscht von Anfang an großartige Stimmung und das Publikum geht gut mit. Den Titelsong „Conspiracy In Mind“ gleich als erstes rauszuhauen lässt die Leute dann natürlich von Anfang an ordentlich Haare schütteln.

Bei „History Reversed“ kommt dann mit Bjørn Hunt der erste der angekündigten Gäste auf die Bühne. Bjørn war einmal spontan für Erik Mortensen eingesprungen, als dieser am Tag eines Auftrittes so krank wurde, dass er nicht spielen konnte. Heute bedient er jedoch die Gitarre – wobei zwei Bässe auf der Bühne auch mal interessant gewesen wäre. Zu „Ocean Bed“ wird die Band von Jonas Francis Aversano unterstützt, ein Die Hard-Fan der Truppe, der auch eine eigene Band namens MENTAL DESPAIR am Start hat und – zumindest laut Oddleif – das COMMUNIC-Material besser spielen kann als sie selbst.

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„Waves Of Visual Decay“, den Titelsong des zweiten Albums gibt es in einer akustischen Version. Hier hat Drummer Tor Atle Anderson Pause und der Song wird nur von Oddleif und Erik, unterstützt vom „Mystery Choir“ performt. Beim schon vorher angekündigten „Mystery Choir“ hatte der ein oder andere aufgrund des Ankündigungsfotos schon Bedenken, es könnte sich um GHOST handeln, tatsächlich sind es jedoch natürlich allesamt Musiker aus Mandal, die sich unter den Masken versteckten (bis auf Per Bertrand Aanonsen, der beim ersten Auftritt vergisst, seine Maske aufzusetzen). Bei „The Distance“ kommt dann zum ersten Mal Peter Pophaar Jensen zum Einsatz. Der Däne hat die Keyboards auf „Conspiracy in Mind“ eingespielt und die Band auch auf ihrer ersten Tour begleitet. Und beinahe hätte er heute gar nicht auf der Bühne gestanden. Denn auch Peter wollte eigentlich mit der Fähre kommen und stand vor verschlossenen Türen, konnte dann aber noch extrem kurzfristig einen Platz im Flugzeug ergattern und so doch noch auf dem Konzert auftreten.

Auch der nächste Song hat Besonderes zu bieten, auch wenn der Anteil, den COMMUNIC daran haben, wohl eher gering ist (doch wer weiß?). „Raven’s Cry“ ist nicht nur der einzige Song des „Payment of Existence“-Albums, sondern während des Songs gehen auch irgendwann die Lichter in der Halle an. Man wundert sich, mehr aber auch nicht (hat sich wohl wieder ein Depp an den Lichtschalter gelehnt). Irgendwann fällt jedoch das verdächtig wirkende rote Blinklicht über den Türen ins Auge. Und als die Band den Song abbricht, da hört man dann auch mal die Durchsage „Feueralarm“. Panikaffin, wie der gemeine Norweger so ist, wird dann erstmal genüsslich weiter am Bier genippt, bis irgendwann die Angestellten kommen und uns alle herausbitten. Also schlendert man gemütlich Richtung Ausgang und die ersten Witze machen die Runde, daß COMMUNIC ja schließlich angekündigt hatten, das Buen Kulturhaus in Flammen zu setzen. Konnte ja niemand ahnen, dass sie es so wörtlich nehmen… Wir sind gerade mal im Foyer angelangt, da heißt es schon: Falscher Alarm, alle wieder zurück, es geht weiter. Eine kurze Verzögerung gibt es noch, denn Erik hat die Gunst der Stunde genutzt und steht noch an der Bar. Und dann gibt es „Raven’s Cry“ noch einmal in voller Länge, dieses Mal ohne Unterbrechung.

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Bei „Fooled By The Serpent“ greift man wieder auf die Unterstützung durch Jonas zurück und bei „Watching It All Disappear“ kommt wieder der Mystery Choir zum Einsatz. Dieses Mal tragen dann auch alle brav ihre Masken, auch wenn die das Bier trinken nicht unerheblich erschweren. Und dann kommt der (zumindest für mich) bedeutsamste Moment der ganzen Show. COMMUNIC hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass sie eine Gitarre verlosen, auf der sich Unterschriften der Bandmitglieder sowie aller Gäste befinden. Wie die Verlosung stattfinden sollte, war allerdings noch nicht wirklich klar. Am Ende entschied sich die Band dafür, die Gitarre an die Fans mit der weitesten Anreise (und die mit dem Kuchen) zu verschenken und das trfft dann – tadaa – uns. Also muss die Anne auf die Bühne kraxeln, um das gute Stück in Empfang zu nehmen, etwas mit dem Oddleif zu knuddeln und festzustellen, dass die feine Begleitung sich genau diesen Moment für den Getränkenachschub aufgehoben hat und dieses epochale Ereignis somit gar nicht miterlebt. Timing, Junge, Timing! Allerdings stellt uns der unerwartete Segen dann vor das nächste Problem: Wie transportiert man eine Gitarre ohne Kasten in einem Flugzeug? Ahh!

Aber zurück zum Programm: Bei „They Feed On Our Fear“ kommt Peter Pophaar Jensen zum zweiten Mal zum Einsatz, bevor das Konzert dann nach „Destroyer Of Bloodlines“ leider schon viel zu früh endet. Zwischendrin gehen auch mal die Einspielungen auf dem Backdrop flöten und man darf sich stattdessen den Bildschirm des entsprechenden Laptops betrachten. Da Norweger ja, wie wir schon bemerkt haben, eher gediegen sind, dauert es auch eine Zeitlang, bis die Maus im Schneckentempo zur richtigen Datei gewandert ist und es weiter geht. Schuld war bestimmt der Feueralarm, der das Timing durcheinandergewürfelt hat. Doch was soll’s. Eine Band wie COMMUNIC lässt man aber nicht einfach ohne Zugabe ziehen und so gibt es zunächst noch einen Song vom aktuellen Album „The Bottom Deep“ bevor dann nicht nur die Band, sondern auch alle bisherigen Gäste sowie mit Frode Garshol auch einer, der bisher noch nicht in Erscheinung getreten ist, auf die Bühne kommen, wo man zusammen DIOs „We Rock“ zockt, das vom Publikum begeistert mitgesungen wird. Freudestrahlende Mitglieder des Mystery Choir, die sich spätestens jetzt enttarnen und ihre Masken ins Publikum werfen, schießen mit Handflitterglitterkanonen in die Luft (Männer sind einfach Spielkinder) und berieseln uns alle mit wunderbarem goldenen Flitterglitter.

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Leider ist die Bühne etwas voll (wie auch Teile des Mystery Choirs), so dass eines der Chormitglieder kopfüber seitlich von der Bühne purzelt. Das sieht ziemlich übel aus, aber die Security ist schnell zur Stelle (das dürfte auch ihr einziger Einsatz an diesem Abend gewesen sein) und später auch ein Notarzt. Bis auf diesen Zwischenfall ein sehr gutes und schönes Konzert. Endlich mal COMMUNIC länger als 45 Minuten spielen zu sehen – alleine das war den Trip nach Norwegen wert. Einzig der Sound hätte gerne besser sein dürfen. Während man die Instrumente stets sehr klar (manchmal schon zu klar) hörte, ging Oddleifs Gesang oft unter, manchmal war er kaum zu hören. Schade. Trotzdem war das Konzert alles in allem den ganzen Aufwand wert. COMMUNIC haben ordentlich gerockt und nach zwei Stunden dachte man eigentlich nur: “Wie, schon vorbei? Die haben doch grade erst angefangen?“ Aber der Wunsch nach einer Headlinertour in Europa wird wohl erstmal nur ein Wunsch bleiben.


Setlist COMMUNIC:
Conspiracy In Mind
Communication Sublime
History Reversed
Ocean Bed
Facing Tomorrow
Denial
Waves Of Visual Decay
The Distance
Raven's Cry
Fooled By The Serpent
Watching It All Disappear
They Feed On Our Fear
Destroyer Of Bloodlines
------------------------------
Flood River Blood
We Rock (DIO Cover)


Aber nach dem Konzert ist vor der Aftershowparty und so werden erstmal Tische und Stühle hereingetragen. Da ja jetzt jeder weiß, dass wir nicht nur aus Deutschland kommen, sondern auch die Gitarre gewonnen haben, ist der Andrang bei uns groß. Die freundlichen Norweger gratulieren uns herzlich, unterhalten sich mit uns (manchmal aufgrund erhöhten Alkoholpegels seitens der Norweger nicht ganz einfach) und einer schenkt uns sogar die ergatterte Setlist. Danke!

Einige der Bühnengäste zeigen uns stolz, welche Unterschrift auf der Gitarre von ihnen stammt. Wir unterhalten uns vor allem mit Peter, mit dem wir uns auch schon vor der Show unterhalten haben und mit Frode, der uns ebenfalls schon vor der Show von Oddleif als „guter Deutscher“ vorgestellt wurde und der mit seinem Hamburger Dialekt echt verwirrt. Hauptproblem für uns noch immer: Wie bekommen wir die Gitarre heil nach Hause? Am Ende machen wir mit Oddleif aus, dass er sie uns mit der Post schickt. Das ist vermutlich der sicherste und günstigste Weg.

Obwohl wir hier so gut wie niemanden kannten, stehen wir nun kaum eine Minute ohne Gesprächspartner da. Jeder will mal mit den verrückten Deutschen reden, die nur für COMMUNIC nach Norwegen kommen. Mein lieber Freund ist verwirrt, wenn man ihn auf Horst Tappert anspricht („Warum kennen hier alle Derrick?“), junge Norweger kann man verwirren, wenn Penis die Antwort auf alles ist. („What are you guys talking about on Christmas eve?“ „Mostly about penises!“). Weil der gemeine Norweger auch nichts von zentraleuropäischen Stress hält, erzählt er uns auch begeistert, welche Nummer seine Karte hat, ohne zu merken, dass er mit dieser Nummer ein Ticket für das AMARANTHE-Konzert nächsten Mai im Buen Kulturhaus gewonnen hat. Nachdem ich ihn darauf hinweise, kennt seine Freude keine Grenzen, denn er wollte sowieso zu dem Konzert, hat sich aber noch kein Ticket gekauft. So kann man auch mit kleinen Sachen großen Kindern Freude machen.

Da jede gute Party irgendwann damit endet, dass alle in der Küche stehen, stehen irgendwann alle im Foyer (und sehen dem Notarzt dabei zu, wie er eine Alkoholleiche abtransportiert. Auf unsere Frage, ob das bei COMMUNIC-Konzerten immer so endet, schüttelt Oddleif vehement den Kopf, während Tor Atle später lachend meint, dass auf ihren Konzerten in Mandal grundsätzlich Polizei, Notarzt und auch mal die Feuerwehr auftauchen). Irgendwann gibt es dann auch die Geburtstagstorte und ich stelle mit Erstaunen (und Erleichterung!) fest, dass sie nicht nur Form, sondern auch Geschmack behalten hat. Begeisterte Norweger lassen mich ernsthaft mit dem Gedanken spielen, eine Bäckerei-Konditorei in Norwegen zu eröffnen (denn Brot backen ist eines von den Dingen, die Norweger nicht können. Also „nicht“ im Sinne von „sowas von gar nicht“.).

Vom Buen bis zu unserer Unterkunft ist es ein Fußmarsch von etwa 2 km und so endet die Party für uns ziemlich abrupt, als Oddleif uns anbietet, im Taxi mitzufahren. Denn auf unsere Frage „Wann?“ kommt ein „Jetzt!“. Und ein Taxi können wir bei dem garstigen Wetter nun wirklich nicht ruhigen Gewissens ausschlagen. So können wir uns leider nicht mehr von Tor Atle verabschieden. Von Erik haben wir uns glaube ich mindestens einmal verabschiedet, Peter und einige Fans fahren auch im Taxi mit, so dass wir dort noch Zeit zum Verabschieden haben.

Alles in allem war dieser Konzertabend das, was man „a night to remember“ nennt. Ein geniales Konzerterlebnis, bis tief in die Nacht mit lauter lustigen, freundlichen Norwegern unterhalten – einfach toll. Auch der Band scheint es gut gefallen zu haben, denn die plant bereits das nächste Konzert im nächsten Jahr. Ich glaube, da kommen wir aber nur, wenn es im Sommer stattfindet. Jetzt sind wir erstmal nass genug. (Anne)



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