riverside_tourplakatEine der großartigsten Bands, die nicht nur der Prog, sondern die Rockmusik im Allgemeinen in den letzten Jahren heraus gebracht hat, sind die Polen RIVERSIDE. Doch nicht nur musikalisch sind die Vier eine Ausnahmeerscheinung, sondern durch ihre sympathische Art auch menschlich eine Ausnahmeerscheinung. Kreativer Kopf ist Bassist und Sänger Mariusz Duda, der auch hinter LUNATIC SOUL steckt. Doch ohne die passenden Nebenleute könnte der schlaksige Frontmann nicht diese wunderbaren Klanglandschaften entwerfen, für welche die Truppe steht. Vor Kurzem veröffentlichte die mittlerweile eingespielte Truppe ihren fünften Longplayer "Shrine Of New Generation Slaves", auf dem sie sich endgültig von den bislang immer wieder durchschimmernden Vorbildern lösten. Mit diesem hoch gelobten Werk im Gepäck begab man sich nun auf Tour, wobei sie von ihren Landsleuten DIANOYA und ihren Labelkollegen JOLLY begleitet wurden.

DIANOYA
Die zweite Band aus dem osteuropäischen Staat, welcher schon einige Prog-Geheimtipps hervor brachte, musste pünktlich um 20 Uhr als erste auf die Bühne. Zu Beginn fragte man sich, wozu das Mikro in der Mitte stehen würde, denn man wähnte sich eher bei einer instrumentalen Postrock-Formation wie LONG DISTANCE CALLING oder PELICAN. Das nicht nur, weil weder Gitarrist Jan Niedzielski noch Bassist Artur Radkiewicz Anstalten machten, ihre Positionen an der Seite zu verlassen, sondern auch, weil "Turbid Minds And Seasoned Madness" Erinnerungen an jene Acts weckte. Die mäandernden Klangschichten wurden zusätzlich noch von Keyboardklängen aus der Konserve unterstützt, die sich leider dynamisch nicht voll einbinden konnten.

Zu "Cold Genius" erschien dann Filip Zielinski auf der Bühne, der voll tätowiert in seinem Workershirt optisch schon ansprechend aussah. Nur Haarreifen gehen bei Männern lediglich bei italienischen Fußballern. Stimmlich und auch vom Acting her erinnerte er an Eddie Vedder von PEARL JAM, ohne jedoch auch nur annähernd an das Charisma der Grunge-Ikone ranzureichen. Sein Gesang wirkte ziemlich zäh und angestrengt, auch wenn er technisch sehr sauber intonierte. Irgendwie passten seine Melodien nicht so recht, in die Muster, die seine Mitstreiter vorgaben.
Die agierten gut eingespielt und recht virtuos, waren allerdings auch sehr auf ihr Spiel bedacht, so dass sie sich in Sachen Performance kaum in Szene setzen konnten. Musikalisch irgendwo im New Artrock-Niemandsland zwischen Alternative, Metal, Modern Prog und Ambient angesiedelt, wussten sie wenig Akzente zu setzen. Dazu waren auch zu viele Versatzstücke ihrer bekannteren Landsleute, sowie von TOOL oder OCEANSIZE zu erkennen. Ein Beispiel dafür, dass auch in diesem Genre so langsam das Feld abgegrast wurde und Innovation der Blaupause gewichen ist.

Zielinski wirkte für einen Frontmann ebenfalls zu steif, partiell auch unsicher, ob der nur wenig aufkommenden Stimmung, der Kontakt zum Publikum blieb ebenfalls Mangelware. So dümpelte die Show von DIANOYA eher vor sich hin, auch wenn Titel ihres aktuellen Longplayers "Lidocaine" ihre Momente haben. Wirklich dauerhaft fesseln können "21st Century" und "Good News Come After A While" nicht. Ganz ordentlich, aber ein wenig mehr Eigenständigkeit sowie Energie müsste die Truppe schon drauflegen.

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JOLLY
Da waren die Vier aus New York City schon eine andere Hausnummer, schon gleich zu Beginn bewiesen sie Mut zu Ungewöhnlichem, welcher dem ersten Act abging. Wer startet schon eine Show mit einem loungigen Stück wie "Storytime", welches mit viel Feingefühl dargeboten wurde. JOLLY bewiesen ein ganz anderes Selbstverständnis, orientierten sich direkt mehr zum Auditorium hin. Natürlich haben sie mit Andale einen exaltierten, extraordinären Fronter, der schon mit seinem Erscheinungsbild die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Mit seinem breitkrempigen Hut wirkte er optisch wie eine Mischung aus Stevie Ray Vaughn und englischem Dandy-Stil.
Aber auch sein Spiel zeugte von Hingabe und wirkte deutlich ehrlicher und beseelter. Er schwang seine Gitarre immer leicht im Takt hin und her, versank aber in seiner Musik, nicht in seiner Technik. Auch sein Sidekick am Bass Anthony Rodione, war stets vorne zu finden, unterstützte ihn bei den Vokalarrangements, und versprühte Spielfreude. Wie schon bei DIANOYA stand das Kit von Louis Abramson an der Seite, während Joe Reilly im Hintergrund seinen Synthesizer und sein Mini-Moog engagiert bearbeitete.

Den Zuschauern blieb die deutliche Steigerung nicht verborgen, und so war der Stimmungslevel ein ganz anderer. Die Interaktion zwischen ihnen und der Band stimmte, die gegenseitige Anfeuerung verpuffte nicht wie zuvor. Um beim Publikum die Spannung hochzuhalten setzte man musikalisch auf Abwechslung, auch hier bewegt man sich im selben Terrain, weitet aber die Grenzen geschickter aus. "Where Everything´s Is Perfect" überrascht beispielsweise mit jazzigem Ende.
Das Quartett arbeitet ja im Studio mit binauralen Klängen, die angeblich die Wirkung der Songs verstärken soll, indem sie beim Hörer ein Wohlgefühl auslösen sollen. Live dürfte das schwerer umzusetzen sein, dennoch finden sich viele schöne Harmonien in ihren Liedern. Schön nachzuempfinden im entspannten Rocker "Joy", welcher wieder die verträumte Stimmung, die auch JOLLY beherrschen aufgreift. Anadale vermag mit seinen feinen Leadfills diese auch konsequenter zu betonen.

Die Truppe konzentrierte sich daher auch vor allem auf das Material der beiden Teile von "The Audio Guide To Happiness" wie "Dust Nation Bleak", während es vom Debüt lediglich "We Had An Agreement" ins Set schaffte. Mit diesen zwei Alben schaffen sie es auch der Szene neue Impulse zu geben. Ihr Anspruch mag vielleicht ein wenig hochtrabend sein, aber auf der Bühne lässt die Formation Taten folgen. Trotz des vermeintlich kopflastigen Ansatzes kam die Musik an dem Abend ebenso von Herzen wie die Dankesworte für die Unterstützung nach dem Hurrikan. Bei diesem wurde der Proberaum und diverse Wohnungen in Mitleidenschaft gezogen. Eine sympathische Band, die man auf dem Radar behalten sollte.

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RIVERSIDE
Auf diesem befindet sich der Headliner bei mir schon seit dem Debüt, mittlerweile hat die Truppe eine beachtliche Anhängerzahl hinter sich versammelt. Trotz der Nähe zum Gig am nächsten Tag in Darmstadt war das neue Substage in einer ehemaligen Schlachthofhalle gut gefüllt. Und die bereitete den Vieren direkt einen warmen Empfang. Die Polen wissen natürlich um die Kraft ihrer Musik und haben mit dem Opener ihres neuen Albums eine ideale Eröffnungsnummer kreiert, die sie dann auch genau an der Position platzieren. Der düstere, spannende Auftakt nahm die Zuschauer direkt gefangen, die wuchtigen Schläge von Pjotr Kodzieradski durchschnitten die vorherrschenden Keyboardschwaden bevor das Hauptriff einsetzte.

Obwohl vor allem Frontmann Mariusz Duda durch eine Erkältung gehandicapt war, wirkte die Band für ihre Verhältnisse agil. Von stimmlichen Problemen war auch kaum etwas zumerken, bei ein paar lauteren Tönen kratzte der Mann ein bisschen, meisterte aber bei den immer wieder eingestreuten Grunts mühelos. Die immer größere Bewegungsfreude auf den Brettern passt analog zur musikalischen Entwicklung der Jungs, hin zu rockigen und direkteren Klängen. Wo früher totales Versinken in der Musik angesagt war, da herrscht nun das Miteinander einer gewachsenen Rockband.
Pjotr Grudzinski ist zwar immer noch sehr an seine Effektpedale gebunden, suchte aber immer wieder die Nähe zu seinen Mitmusikern, gerade in den sehr am Classic Rock orientierten Passagen. Hier ließ er seine Gitarre auch mal krachen, während er ihr sonst diese wunderbaren, weichen Leadmotive entlockte. Duda ist inzwischen auch zu einem guten Frontmann geworden, der auf sein Publikum einging, es immer wieder animierte. Dies war schon auf der letzten Tour zu beobachten, doch gerade beim neuen Material hat es eine andere Qualität, die Spielfreude sprühte hier mehr.

Viel wurde auf der Bühne kommuniziert, auch mal ein wenig improvisiert, kurze Soli eingebunden, die Vier spielten mehr miteinander als zuvor. Dennoch stand natürlich die Konzentration auf die Musik im Vordergrund, da hat vor allem Michal Lapaj einen Schritt nach vorne gemacht. War er früher eher für die sphärische Untermalung verantwortlich, so übernimmt er immer mehr eine Führungsrolle. Besonders bei den Orgelklängen gebärdete er sich wild bei seinem Spiel hinter seinen Tasten, ließ dabei selig an die großen Keyboardwizards der Siebziger denken. Auch der Sänger fühlte an seinem Langholz jeden Ton mit, ebenso Grudzinski, als ob sie hundert Mal gespieltes immer wieder neu entstehen lassen.

Das sorgte immer wieder für Zwischenapplaus beim begeisterten Publikum, welches zwischen konzentriertem Zuhören und Interaktion pendelte. Es sind aber vor allem die älteren Stücke, welche die meisten Reaktionen hervor rufen, von denen es aber ruhig ein paar mehr hätten sein dürfen. Ob es bei lediglich drei von der "Reality Dream"-Trilogie noch ein Instrumental gebraucht hätte, lasse ich mal dahin gestellt. Man hätte auch auf einen Titel der jüngeren Vergangenheit verzichten können, weil der Fokus mit sechs Titeln auf "Shrine Of New Generation Slaves" lag.
Bei der ersten Zugabe übernahmen die Fans im Mittelteil die Chöre, stimmten diese im Anschluss immer wieder an, so dass RIVERSIDE noch einmal in das Thema einstiegen. Das zeigte, wie sehr sich Band und Zuschauer immer näher kommen. Und die forderten alles, dreimal kam das Quartett zurück auf die Bühne, natürlich hatte man am Ende noch die Single zum neuen Werk vermisst. Die grandiose Verbeugung vor den Helden der Seventies rockte noch einmal richtig die Hütte, bevor nach 110 Minuten endgültig die Lichter angingen.

Setlist RIVERSIDE:
New Generation Slave
The Depth Of Self-Delusion
Feel Like Falling
Driven To Destruction
Living In The Past
We Got Used To Us
Egonist Hedonist
O2 Panic Room
Escalator Shrine
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Left Out
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Conceiving You
Lucid Dream IV
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Celebrity Touch

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