Paganfest2013_FlyerDie Welle scheint sich doch ein wenig länger zu halten, als man hätte noch vor ein paar Jahren annehmen können. Denn eigentlich überschritt der Pagan Metal von 2005 bis 2007 seinen Zenit, aber da sich in der Szene keine andere Richtung wirklich konsequent durchsetzen konnte, stehen die Wikinger und Heiden immer noch mit an der Spitze der Bewegung. Daher macht in jedem Frühjahr das PAGANFEST europaweit Station, während im Herbst das stilistisch ähnliche HEIDENFEST über den Kontinent tourt. An dem Abend war es wieder Zeit für die erstgenannte Veranstaltung, die in Saarbrücken ihren Auftakt feierte. Dem feierwütigen Publikum sollte ein sehr bunt gemischtes und internationales Programm geboten werden.

BORNHOLM
Den Anfang machen die Ungarn, welche letztens mit "Inexorable Defiance" erstmals ernsthaft auf sich aufmerksam machen. Thematisch ist die Truppe von ihrer Herkunft her ein wenig weg von der großen Szene Skandinaviens, doch die geringe Nähe wirkt sich nicht als größere Eigenständigkeit aus. Das gilt schon mal augenscheinlich für die optische Präsenz, die Rüstungen erinnern stark an DARK FUNERAL, wenn auch ein wenig gepaart mit klassischem Altrockeroutfit. Der Eindruck wird noch verstärkt, weil die fünf Herren schon ein wenig betagter sind als die meisten jungen Bands dieses Genres. Leider war zu dem Zeitpunkt die Kamera noch nicht vor Ort, so dass keine Bilder der Magyaren existieren.

Vom Set her setzte man natürlich zum großen Teil auf das aktuelle Album, als Einstieg wählte man dessen Opener. Und dessen wogende Dynamik zieht sich durch das gesamte Set, was musikalisch eher weniger mit Viking Metal zu tun hat, sondern eher mit melodischem Black Metal. Man scheint also musikalisch trotz des langen Zeitraums zwischen den Scheiben früh den eigenen Stil gefunden zu haben. Für die Verhältnisse können BORNHOLM auch mit einem guten Sound aufwarten, der den wuchtigen Arrangements den nötigen Druck verlieh. Aber auch vom Spiel zeigt man sich gut aufeinander abgestimmt, was die Zuschauer in ein Meer an Klängen warf.

Dazu zeigen sich die Musiker sehr engagiert, auch wenn sich lediglich Frontmann Renfield viel bewegt. Aber das massive Banging mit Einsatz des gesamten Oberkörpers wirkt sehr massiv und erzeugt ein starkes Gesamtbild. Das wissen die für den frühen Zeitpunkt schon anständig versammelten Besucher aber nur mit Höflichkeitsapplaus zu würdigen. Ich hatte schon in meiner Besprechung des Studiowerkes befürchtet, dass das doch allzu feierlaunige Publikum mit dem schweren, pompösen Sound wenig anzufangen weiß. Vor Jahren war man mit der Marschrichtung noch näher am Pagan Metal, doch der hat sich verändert, und nicht zu seinem Vorteil.

Setlist BORNHOLM:
Fear Of Wonder/Swordbearer
... On The Way Of The Hunting Moon
Walk On Pagan Ways
The Call Of The Heathen Thrones
Throne Of Crows
Acheron

WOLFCHANT
Die einzige völlige Unbekannte für mich waren die einzigen einheimischen Vertreter in diesem Sechserpack. Als die Bayern die Bühne betraten, sah man zuerst vier langhaarige Instrumentalisten, die sich direkt mit Twin-Lead-Gitarren in Szene setzten. Sicherlich eine willkommene Abwechslung, sich beim traditionellen Metal zu bedienen, und damit den Sound zu verfeinern. Das geschah im weiteren Verlauf des Konzerts noch öfters, auch weil man viel von klassischem Gesang zu Grunts wechselte.
Die beiden Frontmänner erschienen erst zu ihrem Einsatz auf der Bühne und versuchten sofort die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, was ihnen ja auch irgendwie gelang. Mario "Lokhi" Möginger und Michael "Nortwin" Seifert wirken mit ihrem Bauchansatz in etwas zu engen Unterhemden etwas prollig. Im Verbund mit den mit Dreck und Blut geschminkten Gesichtern wirken die kurz behaarten Mucker wie aus dem Bautrupp, der morgens meine Einfahrt pflasterte rekrutiert. Warum musste ich ständig an die Deutschrocker HAUDEGEN denken?

Musikalisch waren diese schon eher nach dem Motto des Abends oder nach dem Geschmack des Publikums, in dem sich einige Fans der Jungs befanden. Neben der typischen Thematik über Krieg und Schlachten wird in "Never To Drunk" auch wieder der allseits beliebte Alkohol besungen. Gerade bei der Nummer gab es vermehrt Schunkelmelodien, die für ausgelassene Stimmung und die ersten kleinen Pits sorgen. Dazu gab es auch Stoff aus dem am nächsten Tag erscheinenden Album "Embraced By Fire".
Das war leider ebenso wenig am Merchstand erhältlich wie das neue von THYRFING. Unfähige Mercher oder engstirniges Label? In Sachen Zusammenspiel lief allerdings nicht viel zusammen bei WOLFCHANT, denn in Sachen Timing war man teilweise recht daneben. Klar wurde der Eindruck durch den schlechtesten Sound des Abends noch verstärkt, aber dennoch sollte eine schon recht erfahrene Truppe tighter daher kommen. Zwar konnten die beiden Gitarristen wenigstens überzeugen, aber sie wurden doch recht dünn abgemischt.

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EX DEO
Da hege ich mal die Hoffnung, dass sich der Siebener den nachfolgenden Gig angeschaut hat, denn EX DEO zeigten wie man diese Disziplin beherrscht. Klar sind die Jungs noch ein wenig besser eingespielt, schließlich handelt es sich hier um die gesamte Mannschaft von KATAKLYSM, wobei hier Stéphane Barbe die zweite Gitarre bedient, während Dano Apekian sein Langholz übernimmt. Aber so direkt hintereinander wird der Unterschied doch allzu deutlich, denn die Franko-Kanadier sind ein verdammtes Uhrwerk, ein präzises Rollkomando.
Der Gitarrensound von JF Deganais gehört zu den härtesten und markantesten im ganzen Metal-Genre und fegt noch von seinem Nebenmann verstärkt wuchtig über das Publikum hinweg. Dahinter sorgt Max Duhamel mit seinem wuchtigen Punch und seiner hämmernden Doublebass für das mächtige Fundament. Eine absolute Maschine. Auch vom Auftreten sind die Jungs sehr souverän, kein Wunder haben sie schon die größten Bühnen der Welt gespielt.

Dennoch haben sie Spaß daran, bei dem, von ihrem italienisch stämmigen Frontmann Maurizio Iacono initiierten Projekt ein paar kleinere Brötchen zu backen. Mit ihrer an das römische Reich orientierten Thematik sind sie auch ein wenig abseits vom Rest des Packages. Von der Melodieführung sind vor allem die Keyboardeinspielungen sehr von den damaligen Klängen (oder denen die uns die Filmindustrie seit den Sechzigern vorgaukelt) beeinflusst. Wuchtige, leicht sakrale Posaunen erheben sich, können sich aber nicht immer optimal mit den Metalbackground verbinden. Doch wenn die Band das Tempo noch ein wenig mehr im Vergleich zur Stammband drosselt, erhebt sich ein mächtiger Schwall, der direkt die Nackenmuskulatur anspricht.

Auch optisch setzt man die Thematik gekonnt um, die Rüstungen wirken sehr mächtig und passen sich dem Klangbild, welches auch wieder differenzierter rüber kommt an. Was das Ganze mit der 13ten Legion, deren Wappen rechts und links vom Drumriser prangen, zu tun hat, weiß ich jetzt nicht, dazu fehlt mir dann doch der umfassende Einblick. Auch die Zuschauer schienen weniger an den Texten von "I, Caligula" oder "The Final War" interessiert zu sein, die auch gerne mal im Hörspielstil gesprochen wurden. Das gehört zwar zum Konzept, nimmt den Songs aber ein wenig den Druck und die Eingängigkeit, weswegen ich KATAKLYSM immer noch klar vorziehe. Ich befürchte aber, dass die an dem Abend hier nicht viel besser angekommen wären, viele geschüttelte Mähnen, ordentlicher Applaus, aber nicht entsprechend der Leistung.

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THYRFING
Warum diese Herren hier schon an der Stelle im Billing ran müssen, ist mir völlig unverständlich. Kaum eine andere Band hat das Genre so geprägt wie die Schweden. Als ihre Songs schon öfter in Metaldiscos gespielt wurden, waren die meisten der anderen Combos noch gar nicht gegründet. Doch aufgrund ihrer geringen Touraktivitäten ist es in den letzten Jahren ruhig geworden um die Szene -Urväter.
Und das scheint mir heute das Mittel zu sein, um das Publikum zu ziehen, neben diverser Alkohol-schwangeren Lyrics. Wie ich schon andeutete, hat sich das Genre mittlerweile sehr verändert, und allzu bierseliges Geschunkel der Marke TROLLFEST steht auf solchen Veranstltaungen höher im Kurs als die alten Kämpen. Was das allerdings noch mit der Grundidee der Stilrichtung zu tun hat, will sich mir nicht erschließen.

Doch THYRFING haben nicht nur bislang mit weiteren starken Alben wie dem 2008er "Hels Vite", sondern auch mit guten Shows überzeugen können. Aber das kam zuletzt kaum noch an, mal sehen, ob "De Ödeslösa" den Zustand ändern kann. Und wie nicht anders von ihnen gewohnt, kamen die Fünf, leider ohne ihren Keyboarder Peter Löf sehr kraftvoll auf der Bühne rüber. Schon alleine vom  einheitlichen Auftreten her mit ihren oliven Hemden und Lederwesten mit eigenem Backpatch demonstrierten sie Kompaktheit. Die beiden Gitarristen Patrik Lindgren und Fredrik Hernborg standen rechts und links wie Türme in der Brandung und steuerten in den Refrains ihre maskulinen Wikingerchorstimmen bei.

Doch der Blickfang war eindeutig Jens Ryden, der als Frontmann noch überzeugender wirkte als sein Vorgänger Thomas Väänänen. Der drahtige Hüne stand mit Ketten behangen meist breitbeinig da oben oder stolzierte mit seiner wilden Entschlossenheit herum. Sein wütendes Gekeife kam mit einer Inbrunst und Überzeugung rüber, wie es nur noch Alan Averill von PRIMORDIAL zu toppen weiß. Auch in Sachen Gestik erinnert der Sänger an den Iren, indem er all den Hass seiner schwer grollenden Hymnen auch visuell spürbar macht.
So muss Viking Metal klingen, donnernd, wuchtig, dessen Songauswahl sich bei allen bisherigen sechs Alben bedient, sowie mit zwei Titeln des kommenden Werkes aufwartet. Die Riffs walzen unaufhaltsam nach vorne, oft getragen von bombastischen Keyboardwänden, nur von flirrenden, ruhigen Passagen unterbrochen. Dahinter thront der neue Mann an den Kesseln, der schwedische Drum-Söldner Dennis Eckdahl und füttert druckvoll den Rhythmus. Immer wieder nehmen seine Schlagzeugfiguren eher mantra-artige Züge an, was den Liedern durch das hypnotische Feeling noch  zusätzliche Intensität verleiht.

Da bleibt einfach die Frage, wie sich dieses Genre so von seinen Wurzeln, von der archaischen Wut entfernt hat. Auch in Sachen dichtem Gesamtbild haben sie der Konkurrenz immer noch viel voraus, aber dazu später mehr. Keine Spur von bierseligem Gehampel, sondern Konzentration auf die Sagen und Geschichten der Vorfahren. Dazu kreisten in der Menge reihenweise die Matten, da wo das sonst die Leiber tun, auch wenn die ganz große Begeisterung nicht aufkommen wollte. Aber viele der Anwesenden kennen die Band gar nicht mehr, bleibt zu hoffen dass sie an dem Abend überzeugt wurden. Denn am Ende verabschiedete man sich mit zwei Hits, von denen Generationen von Nachahmern nur träumen können.

Setlist THYRFING:
Mot Helgrind
The Voyager
Kaos Aterkomst
Griftegried
Mjölnir
Veners Förfall
Far At Helvete
Storms Of Asgard
Going Bezerk

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ARKONA
Ich habe zwar nicht mitbekommen, was die Russen bislang relevantes geschaffen haben, aber der Blick auf die Shirts der Fans zeigte einen großen Anteil an deren Leibchen. Folglich wurde die Truppe von lautem Jubel empfangen und Frontfrau Mascha Archipova gab erstmal den Barney. Völlig entgleist ackerte sie über die Bühne brüllte ihre wilden Vocals in die schnellen Riffs ihrer Nebenleute. Dabei war es unmöglich ein vernünftiges Bild von ihr zu machen, denn entweder hingen alle Haare ins Gesicht oder sie lehnte ihren Oberkörper soweit zurück, das man es gar nicht sehen konnte.
Dann sorgte eine folkloristische Passage für recht abrupte Ruhe und für ein wenig Achselzucken meinerseits. Man muss der Band ihre große Bandbreite zugute halten, gerade die Sängerin beherrscht von tiefsten Grunzern bis zum Klargesang alle Facetten. Dazu bekommt sie noch Unterstützung von ihrem Gitarristen Lazar bei den tiefen Stimmen und Flötist Volk bei den Clearvocals. Im instrumentalen Bereich beherrscht man auch die volle Stimmungsvielfalt, so wechseln sich fast beschwörende Parts mit schunkelfreundlichen Folkelementen und derben Metalabfahrten ständig ab.

Mir persönlich, der mit dem Material der Band nicht vertraut ist, ist das auf Dauer zu anstrengend. Kann sein, dass es an meiner infektbedingten Müdigkeit gelegen hat, aber schlüssige Songs wollten sich bei "Yarilo" oder "Goi, Rode Goi" nicht einstellen. Natürlich sind die einzelnen Abschnitte für sich genommen ansprechend, bei den metallastigen Parts geht im Publikum einiges, ständig entstehen Pits. Archipova tut ihres dazu, feuert die Menge immer wieder an, animiert bei hymnischen Refrains zu Singalongs und eröffnet auch eine "Wall Of Death". In den folkloristischen Momenten wird dagegen ausgiebig geschunkelt und getanzt, die Stimmung ist jedenfalls recht gut.
Ich bin ja durchaus ein Freund von vielschichtigem Material, aber das muss auch irgendwo zusammen kommen. Gerade jüngere Paganacts haben da so ihre Probleme, das Phänomen, dass die Einzelteile sich nicht vermengen wie bei FINNTROLL oder MOONSORROW ist bei vielen zu beobachten. Gleiches gilt bei ARKONA für das Bühnenverhalten, welches auch nicht unbedingt geschlossen wirkt. Das liegt vielleicht auch an der allzu großen Präsenz ihrer Frontfrau, aber auch am affektierten Rumgespringe des Mannes an den Blasinstrumenten. Egal, dem Publikum gefiel es und ich mach mir so meine Gedanken.

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ALESTORM
Nach einem langen Abend war es Zeit für den Headliner, und auch hier habe ich mir nicht wünschen lassen, dass es diese Jungs mal so weit schaffen. Klar, liegt ihre hohe Position sicherlich auch daran, dass die absolute Spitze mit Abwesenheit glänzte, aber für mich persönlich dennoch einen Platz zu hoch. Aber die Schotten erwiesen sich als durchaus würdig, scheinen sie in den letzten Jahren doch zugelegt zu haben. Das gilt vor allem für ihr Auftreten, welches deutlich sicherer wurde, aber auch für ihre Fähigkeiten als Musiker, sowie in Sachen Ausdruck.
Vorbei sind die Zeiten ständiger Wechsel von Line-up und an den einzelnen Instrumenten. An den sechs Saiten scheint sich Daniel Evans etabliert zu haben und glänzt mit ein paar Griffbrettzaubereien, hat es aber schwer sich gegen zwei Keyboards durchzusetzen. Wobei ich mich bei Sänger Christopher Bowes immer noch wundern muss, hielt ich die Roland-Keyboardgitarre doch seit dem ersten Split von MODERN TALKING für ausgestorben. Jedenfalls kam ihr Sound kraftvoll aus den Boxen und war, wie fast bei dem ganzen PAGANFEST auch gut ausgesteuert.

Dabei liegt es noch nicht mal an gleich zwei Tastenmännern, dass der von ALESTORM auch derart nahe am Kitsch ist, dass sich keine Melodicrock-Combo mehr auf einem Metalfestival schämen muss. Die Melodien waren griffig und wurden auch in den mehrstimmigen Passagen gut rübergebracht. Aber auch hier war so manches Arrangement schön aus dem Mainstream entlehnt. Macht nichts, wenn´s gefällt, ich darf da ja kaum kritisieren, Hauptsache die Fans hatten ihren Spaß dran. Da wurde vieles mitgesungen, und auch diejenigen, die nicht so vertraut waren hatten beim zweiten Chorus keine allzu große Mühe mehr. Dabei schienen die Stücke der ersten beiden Scheiben wie "Keelhauled", "Over The Seas" oder "Captain Morgan´s Revenge" noch mehr abgefeiert zu werden als etwa "Shipwrecked".

Auch als Frontmann hat Bowes dazu gelernt und agiert souveräner, als ich ihn in Erinnerung hatte. Er weiß nun wie er mit seinem Publikum umgehen muss und spielt ihm nicht nur den Clown vor. Nur den hohen Verschleiß an Bier auf den Brettern könnte er mal ein wenig einstellen. Bei so manch Anwesenden weiß ich nicht, ob das erste was ihnen zu Heavy Metal einfällt, "Saufen" ist. Gerade ALESTORM bieten für diese Klientel den optimalen Soundtrack, dessen sollten sie sich bewusst sein. In vielen Augen erweckt das den Eindruck, dass es nur darum ginge, doch es geht immer noch um Musik. Und mit der wird sich in meinen Augen zu wenig beschäftigt, oder wie könnte es sonst sein, dass so eine großartige Band wie THYRFING in Vergessenheit gerät. (Pfälzer)

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