interview_alcest_20121208_00Hatte man jahrelang überhaupt keine Möglichkeit, ALCEST live zu sehen, da es nur ein Ein-Mann-Projekt war, so ist die zur Band gewachsene Formation mittlerweile richtig viel unterwegs. Nachdem man Europa schon letztes Jahr im Vorprogramm von PRIMORDIAL betourte, ist man jetzt als Support von KATATONIA unterwegs, zu denen man musikalisch viel besser paßt. Diese Tour ist auch ausgedehnter und als Saarländer hat man sogar die Möglichkeit, die Band zweimal auf dieser Tour zu sehen. Bei diesem zweiten Mal greifen wir die Gelegenheit am Schopf und schnappen uns Bandkopf Stéphane „Neige“ Paut zu einem Gespräch. Und hatte ich vor ein paar Wochen noch behauptet, Jeff Loomis sei etwas wortkarg, so nehme ich hiermit alles zurück. Doch lest selbst!







Anne: Wie geht es dir?

Neige: Danke, gut. Die Tour ist nun fast zu Ende. Es war eine sehr anstrengende Tour, aber bisher war es auch sehr gut, abgesehen von ein paar Problemen mit dem Nightliner. Mit dem hatten wir zweimal eine Panne, so daß wir gezwungen waren, zwei Shows in Spanien abzusagen. Es war etwas schwierig, aber die Shows sind sehr gut, und es herrscht eine sehr gute Stimmung unter den Bands. Ja…es läuft gut.

Anne: Ihr seid in den letzten anderthalb Jahr sehr viel auf Tour gewesen. Wo ist es am besten gelaufen, wo hat es dir am besten gefallen?

Neige: Jede Tour ist eine andere Erfahrung, die man macht, weißt du. Aber das erste, was mir in den Sinn kommt, ist wahrscheinlich die Tour in China. Die erste Tour, die wir in China gemacht haben. Das war vor einem Jahr. 12 Konzerte in China und ich dachte “Was zur Hölle, das ist Selbstmord!“, aber nein, es war sehr gut. Wir haben viele Leute getroffen, sehr nette Leute und wir lieben es, andere Kulturen, andere Länder und andere Leute kennenzulernen. Es war wie eine andere Welt. Und oh, wir haben jetzt kürzlich eine Tour in Japan gemacht und ich denke, das war auch eine der besten Erfahrungen in unserem Tourleben. Es war so toll! Ja, Japan und China.

Anne: Was bedeutet denn der Name ALCEST?

Neige: Oh, das ist nur der Name, den ich für den Klang der Musik ausgesucht habe. Er bedeutet gar nichts.

Anne: Es ist also nur ein Wort, das du erfunden hast?

Neige: Nein, ich habe es aus einem Buch, aber ursprünglich war noch ein „e“ am Ende. Ich habe das „e“ entfernt und ich mag die Art, wie es klingt. Es klingt sehr edel und sehr sphärisch.

Anne: Du kommst aus dem Süden Frankreichs und damit auch aus dem Süden Europas. Wie kommst du dazu, den Namen „Neige“ als Pseudonym auszuwählen, denn dort gibt es ja nicht viel Schnee?

Neige: Ja, wie du sagtest, dort gibt es nicht viel Schnee. Ich habe diesen Namen gewählt, weil als ich ein Kind war, haben mich meine Eltern mit in die Berge genommen und jedes Mal, wenn ich den Schnee fallen sah, fand ich, daß es so schön ist. So rein, weißt du, dieses perfekte Weiß und vielleicht hängt es mit meinem Ideal von ALCEST zusammen – diese sehr reine Musik zu machen. Ich weiß nicht, es hat irgendwas damit zu tun. Ja, es ist nicht unbedingt der originellste Name, aber ich mag ihn immer noch.

Anne: Du bist in vielen Projekten oder Bands involviert. In wie vielen Projekten bist du im Moment aktiv?

Neige: Ehh...(zählt an den Fingern ab) ALCEST, LANTLÔS, OLD SILVER KEY, ich spiele Bass bei den LES DISCRETS-Konzerten und manchmal Gitarre für EMPYRIUM – EMPYRIUM aus Deutschland, diese alte Folkband.

interview_alcest_20121208_01Anne: Stammen die meisten deiner Projekte aus einer lokalen Szene oder eher aus ganz Frankreich?

Neige: Nein. Das ist alles… es beschränkt sich nicht mal auf Frankreich. Denn OLD SILVER KEY ist ein Projekt, das in der Ukraine zu Hause ist und LANTLÔS stammt aus Deutschland, als es sind viele Länder.

Anne: Und woher kennst du all diese Leute?

Neige: Das sind alles langjährige Freunde.

Anne: Wie entscheidest du, wenn du einen Song schreibst, ob er für ALCEST ist oder für eines deiner anderen Projekte?

Neige: Im Moment ist alles, was ich schreibe, für ALCEST. Ich komponiere nichts für die anderen Bands, es ist nur Gesang. Aber davor hatte ich eine Band namens AMESOEURS und für die habe ich viel komponiert, aber im Moment beschränkt es sich nur auf ALCEST.

Anne: Was ist der Unterschied zwischen ALCEST und LES DISCRETS? Denn ich würde sagen, daß jemand, der die beiden Bands nicht kennt, nicht sagen kann, daß die Musik von zwei verschiedenen Bands stammt. Ihr klingt sehr ähnlich.

Neige: Das finde ich nicht.

Anne: Naja, du steckst ja auch mittendrin…

Neige: Nein, ich bin kein Mitglied bei LES DISCRETS, ich spiele nur Bass auf der Bühne. Aber ich komponiere nichts.

Anne: Aber die Musik klingt schon sehr ähnlich.

Neige: Ich weiß nicht. ALCEST ist sehr sphärisch, sehr verträumt, eine sehr leichte Musik und LES DISCRETS ist etwas heavier meiner Meinung nach. Tiefer und…ich denke, du sagst das, weil es nicht so viele Bands gibt, die diese Art von Musik spielen – harte Gitarren mit sanftem Gesang.

Anne: Du spielst viele verschiedene Instrumente in den verschiedenen Bands und Projekten. Welches ist denn dein Lieblingsinstrument?

Neige: Drums. Es macht Spaß, sie zu spielen. Es macht eine Menge Spaß und Gitarre zu spielen ist sehr langweilig.

Anne: Warum spielst du dann bei ALCEST nicht die Drums?

Neige: Weil ich Songs komponieren muß. Ich kann keine Songs am Schlagzeug komponieren.

Anne: Aber du könntest es live spielen.

Neige: Schlagzeug? Ja…hm… Es ist eine spezielle Art und Weise, wie ich meine Riffs spiele. Und ich habe schon eine Person an der zweiten Gitarre und sie spielt nicht auf die gleiche Art wie ich. Das ist ok, wenn es nur eine Person ist, aber wenn zwei Gitarristen meine Riffs spielen würden, dann würden sie es nicht so tun, wie ich es mache.

Anne: Die Cover deiner Alben sind immer sehr schön und passen sehr gut zur Musik meiner Meinung nach. Wer ist derjenige, der diese Cover kreiert und ist es immer der gleiche?

interview_alcest_20121208_02Neige: Ja, bei den letzten drei Alben war es Fursy [Teyssier, Anm. d. Verf.] von LES DISCRETS. Ich komme dann mit einer Idee an, denn ich weiß genau, was ich will. Ich erkläre es ihm und er bringt seine eigenen Ideen mit ein. Und dann zeichnet er eine Skizze als eine Art Entwurf und wenn ich damit glücklich bin dann gebe ich den Startschuß und er malt das Endergebnis. Aber ich bin immer dabei. Es ist eine enge Zusammenarbeit.

Anne: ALCEST wird oft als Black Metal angesehen. Und auch dein Pseudonym klingt nach Black Metal. Man würde Black Metal erwarten, wenn man “Neige” hört, denn das bedeutet ja Schnee und das klingt kalt, aber das ist nicht das, was deine Musik ist.

Neige: Nein.

Anne: Was denkst du darüber, daß die Leute denken, ihr würdet Black Metal spielen?

Neige: Ich denke, das war mal vor vier, fünf Jahren so. Aber ich glaube, ich habe schon seit einigen Jahren nichts dergleichen mehr gelesen. Ich denke, die Leute haben begonnen zu verstehen, dass es kein Black Metal ist; es ist fast das Gegenteil von Black Metal, denn es ist sehr fröhlich und sehr schön und Black Metal ist – für mich – sehr primitiv und bösartig und dunkel und ALCEST ist das perfekte Gegenteil. Nur weil ich verzerrte Gitarren benutze, heißt das nicht, daß es Black Metal ist.  

Anne: Glaubst du, eine Band aus Südeuropa könnte überhaupt kalten, düsteren Black Metal spielen?

Neige: Ich weiß nicht. Vielleicht. Vielleicht nicht.

Anne: Wie würdest du ALCEST musikalisch beschreiben?

Neige: Für mich ist es Musik aus einer anderen Welt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Sie stammt wirklich aus einer anderen Dimension. Und ich versuche nicht, ihr einen Stempel aufzudrücken. Ich meine, man könnte es Shoegazing nennen, oder Dream Pop, Heavy Dream Pop… Für mich ist es nicht wirklich Metal. Es ist kraftvoll, aber es hat nicht diese schrammenden Gitarren, weißt du. Es gibt keine Powerchords oder schwere Riffs. Deshalb kann es meiner Meinung nach kein Metal sein.

Anne: Also du würdest es nicht Metal nennen?

Neige: Nein.

Anne: Wie würdest du es dann nennen?

Neige: Ich weiß nicht. Es ist ALCEST.

Anne: Bei ALCEST gibt es viele Instrumentals. Wie wichtig oder unwichtig sind Texte für dich?

Neige: Die Texte? Oh, sie sind die Basis des Projektes. ALCEST ist eine Konzeptband. Ich spreche von etwas sehr Bestimmten. Und die Texte sind genauso wichtig wie die Musik. Ich sage immer, daß es bei ALCEST drei sehr wichtige Dinge gibt: die Musik, die Texte und die Cover. Und keines davon ist weniger wichtig als die anderen. Ansonsten könnte es auch ein Fotoprojekt sein oder ich könnte einfach nur Texte schreiben. Aber es gibt auch noch die Musik. Aber alles ist sehr wichtig, denn ich möchte etwas ganz Bestimmtes ausdrücken und daher muß ich es auf verschiedenen Wegen mitteilen. Nicht nur mittels Musik.

Anne: Und warum haben einige Songs englische Songtitel, aber keine englischen Texte oder überhaupt keinen Text?

Neige: Weil die Titel auf Französisch beschissen klingen.

Anne: Wirklich?

Neige: Ja, ja.

interview_alcest_20121208_04Anne: Du hast oft in Interviews gesagt, daß das Thema deiner Songs eine Welt ist, die parallel zu der unseren existiert und die du als Kind gesehen hast. Kannst du diese Welt immer noch sehen?

Neige: Ich habe nie etwas “gesehen”. Es war mehr wie mentale Bilder, sehr, sehr detaillierte mentale Bilder.

Anne: So wie Träume?

Neige: Ja, wie Träume, aber im Wachen. Wie Visionen. Es ist nicht etwas, was man konkret vor Augen sieht.

Anne: Also ist deine Musik der Ausdruck dieser Visionen?

Neige: Ja, nicht mehr und nicht weniger.

Anne: Glaubst du, daß du diese Welt eines Tages wieder sehen wirst?

Neige: Vielleicht wenn ich sterbe. An dem Tag, an dem ich sterbe, werde ich wahrscheinlich an diesen Ort zurückkehren. Vielleicht.

Anne: Denkst du, nur Kinder können diesen Ort sehen?

Neige: Ja, ich denke ja. Vielleicht nicht nur Kinder. Vielleicht kann eine bestimmte Art Menschen während dem Meditieren, während intensivem Meditieren, auch diese Art anderen Geisteszustand erreichen. Man kann Visionen haben und vielleicht können bestimmte Medien ähnliche Dinge erfahren. Aber ich habe es nur als Kind erlebt.

Anne: Euer Video zu “Autre Temps” ist das erste, das ihr je gemacht habt?

Neige: Ja.

Anne: Wollt ihr so etwas noch mal machen?

Neige: Ja, sogar noch umfangreicher. Ja, ja.

Anne: Also ist das eine gute Art um das auszudrücken, was du sagen willst?

Neige: Ja, mit einem Video funktioniert das sehr gut.

Anne: Hat es auch Spaß gemacht, es zu drehen?

Neige: Oh ja, es war sehr, sehr – es waren sehr intensive Momente. Denn da war ein Team von vielleicht 10 Leuten und alle haben für ALCEST gearbeitet, für diesen Song und es war sehr berührend. Weißt du, ich habe fast geweint. Es was so schön, diese Leute zu sehen, die alles dafür gegeben haben um dieses Video zu drehen.

Anne: Großartig! Wer hatte denn die Idee zu diesem Video? Du oder das Label?

Neige: Ich.

Anne: In ein paar Tagen werden ihr auch eine BBC Live Session veröffentlichen und es wird nur als Vinyl erscheinen.

Neige: Ja.

Anne: Wird es niemals als CD veröffentlicht werden?

Neige: Ich denke nicht, nein.

Anne: Und warum nicht?

Neige: Weil…ich weiß nicht. Es ist keine professionelle Aufnahme, weißt du. Es ist mehr eine Momentaufnahme, es ist live, darum gibt es Fehler und es ist sehr roh. Ich denke nicht, daß digitale Medien gut dazu passen. Ich denke, Vinyl ist altmodischer und paßt besser dazu.

interview_alcest_20121208_03Anne: Magst du Vinyl auch lieber?

Neige: Ja. Ja, ja, ich bin Vinylsammler.

Anne: War diese Livesession akustisch oder normal elektronisch?

Neige: Es war normal.

Anne: Hast du schon Pläne für das nächste Album?

Neige: Ja, es ist schon fertig. Wie müssen es nur noch aufnehmen.  

Anne: Habt ihr schon ein Veröffentlichungsdatum?

Neige: Nein, es wird Ende des Jahres sein, denke ich. Ende nächsten Jahres.

Anne: Ende nächsten Jahres? Das ist aber noch sehr lange.

Neige: Ja, das ist ein bißchen lang. Ja.

Anne: Ok, das waren meine Fragen, ich danke dir für das Interview.

Neige: Ok, kein Problem, es war mir eine Freude.
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