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redemption_01Die Wahl zur Prog-Platte des Jahres fällt in diesem Jahr so schwer wie schon lange nicht mehr, da fast alle Bands mit ihren Veröffentlichungen überzeugen konnten. DREAM THEATER mit „A Dramatic Turn Of Events“, SUBSIGNAL mit „Touchstones“, OPETH mit „Heritage“, PAIN OF SALVATION mit „Road Salt Two“ und natürlich auch REDEMPTION mit „This Mortal Coil“. Da letzgenannte Band um Ray Alder, Bernie Versailles und Nick Van Dyk in Europa nicht gerade zu den Stammgästen zählen und auch sonst nicht besonders viel von sich reden machen, nutzen wir die Möglichkeit zu einem ausführlichen Interview mit dem musikalischen Kopf der Band, Nick Van Dyk, der nicht nur Stellung zum intensiven aktuellen REDEMPTION Album bezieht. Also ab damit!

Maik: Hi Nick, zuallererst muss ich Euch ein Riesenkompliment zu Eurem fantastischen neuen Album „This Mortal Coil“ machen, das meiner bescheidenen Meinung nach das beste REDEMPTION Album bislang ist. Seid Ihr denn ebenso zufrieden mit der Platte wie ich und viele andere Journalisten es sind?

Nick: Dankeschön! Wir sind glücklich so viel positive Resonanz über das Album zu erhalten und das ist etwas, was wir niemals als selbstverständlich ansehen, so dass wir das sehr schätzen. Zu unserer eigenen Zufriedenheit. Ich glaube es war Geddy Lee, der sagte, dass man niemals mit einer CD fertig ist, sondern dass man ab einem Zeitpunkt einfach keinen Einfluss mehr darauf hat. Das ist sicherlich auch hier der Fall. Sowohl Neil [Anm.d.V.: Neil Kernon, der Produzent] als auch ich hätten getötet für eine weitere Woche. Und als Perfektionist wird es eine Weile dauern, bis ich beid em Album mehr hören kann als die Dinge, die ich gerne ändern würde – Kleinigkeiten wie ein Effekt hier oder da. Ich muss zugeben, dass ich etwas überrascht bin über die geteilten Reaktionen über die Produktion, denn das ist das erste Mal der Fall seit den letzten vier Alben und der Live CD/DVD.

Maik: Ihr seid gerade von einer 6 Shows umfassenden Europatour inklusive dem bekannten Prog Power Festival zurückgekehrt. Wie war es für Euch zum ersten Mal seit einem Jahr wieder zu touren und wie haben die Leute auf das neue Material reagiert?

Nick: Es macht immer Spaß aufzutreten und es war auch großartig, diese neuen Songs zu spielen. Wir hatten ein paar kleinere Probleme, weil unser Live-Keyboarder uns ein paar Wochen vor der Tour verlassen hatte. Wir spielten dann schließlich mit einem Click-Track und ließen die Keyboardparts vom Band einspielen, was für uns etwas neu war, aber ich denke es hat alles gut geklappt und das gab uns auch etwas mehr Raum auf der Bühne. Die Reaktionen des Publikums waren toll, besonders in Deutschland, wo wir eine absolut wahnsinnige Show in Essen hatten.

Maik: Schauen wir uns nun etwas genauer „This Mortal Coil“ an, wenn Du nichts dagegen hast. Du hast im Vorfeld der Veröffentlichung gesagt, dass „This Mortal Coil“ KEIN autobiografisches Konzeptalbum über Deine Leukämieerkrankung ist, aber es scheint trotzdem ein Konzeptalbum zu sein, das von dem Thema der „eigenen Sterblichkeit“ handelt. Möchtest Du unseren Lesern einen tieferen Einblick in das Konzept geben und viel wichtiger in diesem Zusammenhang, wie geht es Dir momentan?

Nick: Textlich gesehen waren REDEMPTION immer schon eine Band, die den Widerspruch zwischen den hellen und den dunklen Aspekten der Menschheit, der Beziehungen untereinander etc. in den Mittelpunkt gestellt hat. Es gibt Hoffnung bzw. Glaube und Verzweiflung, Erlösung und Angst, Verwunderung und Zynismus usw. Im Falle von „This Mortal Coil“ handeln die Songs vom Thema der Sterblichkeit. Früher oder später werden wir uns alle bewusst, dass wir nur eine begrenzte Zeit haben. Manche von uns finden dies in einer eher erschütternden Art und Weise heraus, wie bei einer Diagnose, aber wir können uns auch darüber bewusst werden durch den Tod eines Freundes oder eines Familienmitglieds. Es sei denn wir haben das Glück und sterben unerwartet während wir schlafen, ansonsten bleibt uns nichts anderes übrig, als unseren Tod an bestimmten Punkten zu betrachten. Das ist also wie bei anderen REDEMPTION Texten ein gemeinsamer Nenner, eine Erfahrung, die wir alle teilen.  

Danke dass Du nach meiner eigenen Gesundheit fragst. Ich befinde mich jetzt seit zwei Jahren auf dem Wege der vollständigen Genesung und ich nehme starke Medikamente, die die Krankheit von mir forthalten sollen. Wenn ich diese noch ein weiteres Jahr nehme, stehen die Chancen gut, dass ich geheilt bin. Also Daumen drücken, aber die Zeichen stehen momentan sehr gut.

Maik: Eine Sache, die mir beim neuen Album besonders gut gefällt, ist dass jeder einzelne Song ein Volltreffer ist. Respekt! Nichtdestotrotz, wenn ich einen Favoriten aussuchen müsste, würde ich „Blink Of An Eye“ wählen, wegen seinem genialen Chorus. Hast Du denn einen Lieblingssong oder liebst Du jeden einzelnen Deiner Songs?

Nick: Also generell mag ich alle Sachen, die wir machen, aber natürlich gibt es trotzdem Songs, die ich mehr mag als andere. Meine Favoriten vom neuen Album sind „Dreams From The Pit“, „Noonday Devil“ und „Departure Of The Black Horse“. Meine Favoriten der früheren Alben wären „Sapphire“, „Fall On You“ und „Black & White World“.

Maik: Schauen wir uns einmal den Prozess des Songwritings bei Euch an. Als musikalischer Kopf und Gitarrist/Keyboarder bist Du derjenige, der den Weg vorgibt. Haben die anderen Mitglieder denn auch einen Einfluss oder kümmerst Du Dich um alles alleine?

Nick: Normalerweise schreibe ich die Musik, die Gitarren, die Keyboards und eine grobe Basslinie und eine Gesangsmelodie und dann schicke ich das den anderen Jungs, um Ihre Reaktionen und Anmerkungen zu erfahren und in der Regel nicken sie das auch ab. Wenn wir dann aufnehmen, fügt Chris zuerst die Drums und seine Ideen hinzu, was sehr wichtig ist. Sean nimmt meine Basslinien als Basis, ändert diese aber auch und fügt eine Menge interessanter Sachen hinzu, da er ein sehr talentierter Bassspieler ist und anders denkt, als ein Gitarrist der nebenbei Bass spielt. Ray hält sich größtenteils an meine Vorgaben, aber auch da ergeben sich während des Aufnehmens kleinere Änderungen. Bei diesem Album bat ich Chris um etwas Hilfe bei den Lyrics zu einem Song und Sean hatte einige coole Riffs, die sehr wichtig bei dieser Platte sind.

Maik: Auf dem Vorgänger „Snowfall On Judgment Day“ hattet Ihr den DREAM THEATER Sänger Lames LaBrie als Gast bei dem Song „Another Day Dies“. Hattet Ihr auch auf dem aktuellen Album Gastmusiker und wie war es damals mit James zu arbeiten?

Nick: James war damals der einzige Gast und es war großartig mit Ihm zu arbeiten. Er ist ein Freund und ein absoluter Profi im Studio. Ich denke, er brachte den Song richtig nach vorne und sogar einige gute Ideen haben sich während des Aufnehmens ergeben. Es war nicht so, dass er einfach nur den Song eingesungen hat, sondern er hat sich emotional in den Song hineinversetzt. Auf dem aktuellen Album spielt Gary Wehrkamp von SHADOW GALLERY beim Lied „Begin Again“ ein Keyboardsolo.

Maik: Wenn es eine Sache gibt, die bei „This Mortal Coil“ nicht ganz so perfekt ist wie die Songs, dann ist es der Sound oder die Produktion, die in meinen Ohren etwas zu kalt und unnatürlich wirkt. Wie denkst Du darüber, insbesondere weil heutzutage viele Rockbands wieder zurückgehen zu einem Sound, der weniger nach Computer klingt?

Nick: Du bist nicht der Einzigste, der Kritik an der Produktion übt. Um ehrlich zu sein, bin ich etwas müde darüber nachzudenken und darüber zu reden. Ich kann mit der Kritik leben und akzeptiere natürlich, dass nicht jeder dieselben Dinge hört oder mag.  

Maik: Die Special Edition von „This Mortal Coil“ enthält eine Bonus CD mit 6 eher ungewöhnlichen Coverversionen für eine Metalband, unter anderem von ELTON JOHN, TOTO und TORI AMOS. Hast Du eine besondere Beziehung zu diesen Songs und was sind denn Deine Haupteinflüsse wenn's ums Musik machen geht?

Nick: Zu meinen Einflüssen. Ich bin in der Bay-Area zur Zeit der Thrashbewegung aufgewachsen, also sind meine Einflüsse die NWOBHM und der Bay-Area-Thrash, insbesondere die eher technischen Bands wie MEGADETH. Später bin ich in Berührung gekommen mit den progressiven Rockbands wie RUSH, KANSAS, GENESIS usw. Ich muss auch zugeben, dass ich ein Anhänger von SAVATAGE in ihrer späteren Zeit bin. Man kann in Sachen Vocals bei REDEMPTION einiges erkennen, was auf SAVATAGE zurückgeht. Ich hatte auch eine klassische Ausbildung, so dass einige meiner Kompositionen, bewusst oder unbewusst, durch klassische Musik beeinflusst sind.

Maik: In diesem Zusammenhang hätte ich eine Frage zur musikalischen Einordnung von REDEMPTION. Normalerweise bekommt Ihr den Stempel „Progressive Metal“ oder „Progressive Power Metal“ und Ihr werdet mit Bands wie DREAM THEATER und SYMPHONY X verglichen. Kannst Du mit diesen Vergleichen leben oder denkst Du, dass die Band besser mit anderen Worten beschrieben werden kann?

Nick: Ich bin darüber erfreut, mit solchen Bands verglichen zu werden, die Freunde von uns sind und die mit die beste Musik machen auf einem sehr hohen Level und mit großer Professionalität. Ich denke wir sind etwas aggressiver als DREAM THEATER und etwas weniger neo-klassich beeinflusst wie SYMPHONY X.

Maik: Zu Beginn haben wir bereits darüber gesprochen, dass Ihr gerade eine paar Shows in Europa gespielt habt. Sind momentan weitere Shows geplant, um Werbung für „This Mortal Coil“ zu machen?

Nick: Wir haben noch ein paar zusätzliche Shows gespielt, aber es ist immer eine große logistische Herausforderung und auch recht teuer. Wir spielen nächstes Jahr auf dem Prog Power US und werden wahrscheinlich um den Dreh herum noch ein paar weitere Shows spielen. Nächstes Jahr wird für Ray weitestgehend ein FATES WARNING Jahr werden.

Maik: Wenn wir einen Blick in die Vergangenheit werfen, sehen wir, dass REDEMPTION inzwischen seit etwa 10 Jahren existieren. Was waren denn die Highlights in dieser Ziet und gab es auch Rückschläge?

Nick: Die Highlights waren die Tour mit DREAM THEATER und die tollen Reaktionen auf unsere Alben. Und natürlich, dass ich immer noch da bin und Musik schreiben kann. Das Lowlight ist ganz klar der allgemeine Zustand im Musikbusiness. Es ist wie es ist, die Leute haben entschieden, dass Musik einen kleinen Wert hat und Musiker fast keine Möglichkeit mehr haben, Geld damit zu verdienen. Wir müssen uns einfach damit abfinden, aber es ist eine Schande, dass die Musik so entwertet worden ist.  

Maik: Könntest Du bitte in diesem Zusammenhang ein paar Worte zu Euren vergangenen Veröffentlichungen sagen, so dass jemand, der Euch erst mit diesem Album kennen lernt, eine Vorstellung von der Vergangenheit von REDEMPTION hat.

- „Redemption“: Unser Debütalbum fühlt sich inzwischen wie ein Demo an mit einigen interessanten Ideen, die andeuteten, was noch kommen sollte, aber wenig gemein hat mit unserer restlichen Diskographie, was die Performance, die Songs, die Texte und die Produktion angeht.

- „The Fullness Of Time“: Das Durchbruchalbum, das den Sound von REDEMPTION prägte und eine Menge toller Musik enthält inklusive unserem Magnum Opus „Sapphire“.

- „The Origins Of Ruins“: Dieses Album war der Beweis, dass wir kein One-Hit-Wonder sind. Das Songwriting war verbessert und zeigte unseren eigenen Sound, der heftiges Riffing mit starken Melodien verbindet. Die Produktion war ebenfalls im Vergleich zu „The Fullness Of Time“ besser.

- „Snowfall On Judgment Day“: Für uns die logische Fortsetzung mit einigen von unseren besten Songs. „Walls“, „Black & White World“ und „Life In One Day“ gehören zu unseren besten Songs.

Maik: Bevor wir gleich zum Ende kommen, hätte ich eine Frage an Dich, die nur am Rande mit REDEMPTION zu tun hat. Vor einiger Zeit hat Steve Jobs von Apple seinen Kampf gegen den Krebs verloren und hier in Deutschland sagen nun viele, dass Apple mit seinen Produkten das Musikbusiness verändert hätte, ja sogar gerettet hätte. Wenn ich die letzten 10 bis 15 Jahre zurückschaue, habe ich so das Gefühl, dass einige dieser neuen technischen Möglichkeiten die Musikindsutrie eher zerstört hat. Was ist denn Deine persönliche Meinung zu diesem Thema, Du bist schließlich als Musiker ein Insider. Mehr Vorteile oder mehr Nachteile?

Nick: Ich glaube, dazu habe ich weiter oben bereits was zu gesagt. Es gab und gibt Vorteile, was die Verbreitung, den Vertrieb und das Marketing angeht, das Internet erlaubt eine viel größere Reichweite. Und weil die Computer immer leistungsfähiger wurden, ist das Aufnehmen inzwischen deutlich einfacher und in manchen Fällen auch günstiger.
Auf der anderen Seite hat das Internet dazu geführt, dass die Konsumenten eine Möglichkeit bekommen haben, Musik umsonst zu bekommen, ohne Rücksicht darauf, ob es legal oder illegal ist. Diese Entwicklung führt dazu, dass eine Menge Musik getötet wird. Man wird Bands haben, die in ihrer Garage weiter Musik machen und Bands, die groß genug sind, um zu überleben, aber die meisten von ihnen  hauptsächlich deshalb, weil sie Werbung machen und große Arenashows spielen können.
Bands wie SYMPHONY X werden es sehr schwer haben, von der Musik zu leben, und ich denke, das ist eine Schande. Aber die Verbraucher haben gesprochen.

Maik: Vielen Dank Nick, dass Du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast und ich wünsche Dir alles Gute für Dich persönlich und für Deine Band. Die letzten Worte des Interviews gehören Dir!

Nick: Das einzige, was eure Leser wissen sollten, ist, dass wir wirklich ihr Interesse und ihre Unterstützung schätzen. Ich hoffe, dass wir bald wieder die Möglichkeit haben werden, in Deutschland aufzutreten.

(Maik)
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