ND_2010Die Urväter des Grindcore beackern in diesem heißen Sommer wiederum einige Festivals, u.a. auch das örtliche Rock am Bach in St. Wendel. Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen, Frontmann Barney das eine oder andere Statement zu entlocken. Nicht nur die Band, jede Person an sich ist der Inbegriff von Freundlichkeit und Höflichkeit. Entsprechend war der Empfang hinter der Bühne, wo Barney mir an einem schattigen Plätzchen Rede und Antwort stand in seiner gewohnt höflichen, korrekten und mehr als freundlichen Art.

 

Jochen: Willkommen in Deutschland Barney, willkommen im kleinen Saarland.

Barney: Vielen Dank. Ich kenne das Saarland, ich weiß, dass Erich Honecker aus dem Saarland kommt.

Jochen: Sehr schön. Gefällt es Dir hier? Das Land, die Leute, die Mentalität?

Barney: Es ist ein nettes kleines Bundesland, jedes Örtchen ist anders, zum Norden hin scheint es etwas konservativer zu werden, aber das spielt ja hier nicht unbedingt eine Rolle.

Jochen: Ihr werdet also gut behandelt hier? Planung und Organisation läuft gut? Bekommt ihr, was ihr braucht, vor allem genug zu trinken?

Barney: Oh ja, alles ist prima, wir kriegen jede Menge Wasser, was gerade bei diesen Temperaturen sehr wichtig ist.

Jochen: Ihr seid momentan hier auf Festivaltour?

Barney: Wir machen momentan fast nur Wochenendshows, weil Anfang oder Mitte der Woche kaum jemand zu Shows kommt. Da ist es sehr schwierig, die Leute beizukriegen. Die Shows laufen leider nicht mehr so gut wie früher, warum auch immer. Deshalb planen wir zur Zeit nur noch Wochenendgigs, nicht, um den Promoter glücklich zu machen, sondern damit ein paar Leute mehr zu uns kommen. Aber jede Band ist momentan in der Situation.

Jochen: Das stimmt, heute sind noch weniger Fans vor Ort als gestern, vielleicht weil es gestern noch etwas bewölkter war und die Sonne nicht so beisetzte wie heute. Aber es ist ein tolles Festival zu einem akzeptablen Preis mit tollen Bands, so was bekommt man nur selten im Saarland geboten.

Barney: Dennoch verstehe ich das nicht, es ist wohl generell so. Damit muss man eben leben. Ich habe auf jeden Fall immer Spaß. Ich würde nicht hier sein, wenn es mir keinen Spaß mehr machen würde.

Jochen: Ist schon ein neues Album in Planung?

Barney: Ja, wir fangen im Januar mit dem Songwriting und den Plänen fürs neue Album an.

Jochen: Und wie stehts um eine weitere DVD?

Barney: Die letzte DVD ist zwar ein paar Jahre her, aber ich will nicht dauernd eine DVD rausbringen müssen mit einer halben Stunde Konzert plus Bonusmaterial. Wenn, dann möchte ich was Konkretes herausgeben, etwas Besonderes.

Jochen: So eine Art Dokumentation?

Barney: Ja, so ähnlich. Ich habe die Dokumentation von der Band CRASS (UK-Punkband der 70er und 80er Jahre, Anm. d. Red.). gesehen, mit einer Zusammenstellung von klassischen Videoclips und viel eigenem Material, das hat mich beeindruckt. Für so etwas wäre ich bereit. Sag doch mal ehrlich: wie viele DVDs muss man haben mit Liveaufnahmen und Aufnahmen von betrunkenen Leuten backstage von ca. einer halben Stunde, die Witze machen, die eh keiner versteht, weil es meistens Insider sind?


 

Sag doch mal ehrlich: wie viele DVDs muss man haben mit Liveaufnahmen und Aufnahmen von betrunkenen Leuten backstage von ca. einer halben Stunde, die Witze machen, die eh keiner versteht, weil es meistens Insider sind?

Barney über Sinn und Unsinn von DVD-Dokus


Jochen: Also werden wir heute keine neuen Songs hören?

Barney: Nein, auf keinen Fall, wir haben noch gar nichts geschrieben.

Jochen: Habt ihr denn überhaupt Zeit zu proben?

Barney: Wir spielen so oft, wir brauchen nicht zu proben, wir lieben eh die Spontaneität, wir spielen auch ohne Proben tight zusammen, auch wenn es manchmal nach Chaos klingen mag.

Jochen: Ich meinte ja auch eigentlich, um neue Songs zu schreiben zwischendurch…

Barney: Damit fangen wir erst im Januar an. Wir sind bis dahin ja dauernd auf Tour, da bleibt keine Zeit mehr für neue Songs. Im Januar verschanzen wir uns zum Schreiben und 2 Monate später geht’s wieder ins Studio. Wir haben mittlerweile unseren Trott gefunden und befolgen den auch weiterhin, um unsere Arbeit zu erledigen.

Jochen: Habt ihr denn überhaupt noch Privatsphäre mit all der Tourerei?

Barney: Wir haben diese Entscheidung mit den vielen Touren für uns getroffen, wir haben uns für diesen Weg entschieden, aber natürlich brauchen wir aber auch mal Luft für uns selbst. Das ist für uns ebenso wichtig wie das Touren, aber es gibt uns allen sehr viel, dass wir immer noch in der Welt herumfahren und spielen können, dass die Leute uns immer noch sehen wollen. Wir sind einfach glücklich mit dieser Situation. Natürlich braucht jeder von uns auch mal für sich selbst Zeit zum Durchatmen, zum Nachdenken, nur für sich selbst, weg von allem anderen. Wir versuchen auch, das verstärkt hinzubekommen.

Jochen: Ihr seid ja quasi immer von irgendwelchen – teils fremden und auch komischen – Leuten umgeben.

Barney: Wie gesagt, ich bin glücklich mit der Situation. Ich lerne immer gerne neue Leute kennen, jeder Mensch ist anders, so erfährt man was vom Leben. Es ist aber auch meist sehr intensiv, dann muss man auch mal all das verlassen und sich alleine an einen Fluss setzen oder so ohne den Trubel drumherum.

Jochen: Ihr habt auch früher alle – bis auf Du selbst – in einem Haus gewohnt…

Barney: Ja, ich habe nie in diesem Haus gewohnt, das hat aber nichts mit den Jungs zu tun. Aber du bist mit ihnen auf Tour, und wenn du heim kommst, dann willst du sie nicht auch noch um dich haben.

Jochen: Ihr spielt weiterhin mit nur einer Gitarre?

Barney: Ja, auf jeden Fall. Und es funktioniert gut. Wir haben das nicht großartig geplant; als Jessie schon nicht mehr bei uns spielte, noch bevor er starb, übernahm Mitch bereits spontan alle Gitarrenparts, wir hatten damals auch gar keine Zeit, einen neuen Gitarristen zu suchen. Aber es hat gut funktioniert, und wir dachten uns: Warum einen neuen Gitarristen bei uns aufnehmen, wo wir doch schon so aneinander gewöhnt sind? Es wäre ja nicht nur ein 2. Gitarrist gewesen, das wäre nicht die Schwierigkeit gewesen, aber für uns hätte ja damit ein komplett neuer Prozess angefangen.


 

Warum einen neuen Gitarristen bei uns aufnehmen, wo wir doch schon so aneinander gewöhnt sind?

NAPALM DEATH bleiben weiterhin zu viert.


Jochen: Müsst ihr jetzt auf einige Songs live verzichten mit nur einer Gitarre?

Barney: Nein, wir spielen jeden Song, egal welchen. Mitch hat sein Gitarrenspiel der Situation angepasst, er stellt sich da sehr clever an. Er hat damit kein Problem.

Jochen: Ich brauche Dir ja nicht zu sagen, dass ihr eine Legende seid…

Barney: Oh nein, nein, nein, bitte nicht…. (lacht)

Jochen: …es ist zumindest für mich einzigartig, eine Band zu kennen und zu schätzen, die seit über 25 Jahren extreme und brutale Musik macht, immer noch erfolgreich unterwegs ist, und immer noch soviel Spaß an der Sache zeigt.

Barney: Viele andere Bands könnten es so machen. Das ist eine reine Kopfsache. Das ist doch ein ganz einfacher Denkprozess. Wenn du es für dich unnötig schwierig machst, dann wird es dir auf Dauer auch zu schwierig. Andernfalls kannst du einfach nur eine gute Zeit haben. Am Ende haben Bands an Qualität verloren, nur weil sie dachten, sie wären ein Hype, sie wären die Nummer 1. Gut, solche Bands haben vielleicht eine beachtliche Geschichte, aber wenn du so anfängst zu denken, wird die Qualität der Musik automatisch zurückgehen. Du bist immer nur so gut wie dein nächstes Album. Wenn unser nächstes Album Müll wird, dann kann es ganz schnell mit uns vorbei sein.

Jochen: Das wird aber sicherlich niemals passieren…

Barney: Wer weiß, ich steh dem Ganzen da sehr offen gegenüber.

Jochen: Meiner Ansicht nach kann man eure umfangreiche Diskographie in 3 verschiedene Phasen einteilen – „Scum“ bis „Utopia Banished“, „Fear, Emptiness, Despair“ bis Words From The Exit Wound“ und „Enemies Of The Music Business“ bis heute. Gibt es da eine Lieblingsphase bei Dir?

Barney: Nein, ich mag jede Phase, weil jede ein gewisses Etwas hat. Die entsprechenden Alben stellen alle Meilensteine für mich dar. Mit „Fear…“ kam die experimentelle Phase, die ich aber auch gut fand, sie hat uns neue Wege gezeigt. Ab „Enemies…“ haben wir uns wieder mehr auf unsere Ursprünge besonnen, haben aber die experimentellen Einflüsse weiter eingebaut und verfeinert. Somit haben wir nicht wirklich einen Rückschritt gemacht, sondern eher eine fortschreitende Weiterentwicklung unserer Musik, die wir am liebsten machen.

Jochen: Also wird das nächste Album auch wieder all diese Elemente enthalten?

Barney: Ja, natürlich, es wird wieder mal sowohl experimentell als auch schnell und chaotisch, das ist es einfach, was wir machen wollen. Wir werden uns in meinen Augen dabei dennoch weiter entwickeln und keinen Schritt zurück machen. Wir leben von der Spontaneität, aber dennoch sollte immer ein Fortschritt erkennbar sein.

Jochen: Hast Du Angst davor, tourmüde zu werden und einen „normalen“ Job machen zu müssen?

Barney: Ich habe keine Angst davor, aber wenn es soweit ist, werde ich sofort aufhören und mich damit abfinden müssen. Was nutzt es, etwas weiterzumachen, wenn du es nur noch halbherzig machst? Die Leute werden es direkt merken, die sind nicht dumm, die lesen aus deinem Gesicht und deiner Körpersprache, dass du nicht mehr so dahinterstehst. Ich will den Leuten aber keine halben Sachen bieten, ich will ihnen 100% geben, jedes Mal. Wenn die Shows also mau werden oder die Alben uninteressant, weiss ich, dass meine Zeit gekommen ist, dass ich nicht mehr weiter machen will.

Jochen: Bisher müsst ihr also nicht mehr noch zusätzlich zu NAPALM DEATH jobben?

Barney: Dafür ist gar keine Zeit, ich mache zwar noch einiges ehrenamtlich, aber nichts Regelmäßiges, es ist auch nicht notwendig.

Jochen: Mitch ist noch nebenbei in der Videobranche tätig? (Er wirkte u.a. mit bei dem Videoclip zu „Scoop“ von NASUM, Anm. d. Red.)

Barney: Ja, genau, er unterrichtet momentan diese Dinge. Ehrlich gesagt, NAPALM DEATH nimmt soviel Zeit in Anspruch, nicht nur die Shows und die Aufnahmen, sondern auch der ganze andere Kram nebenbei, ich wollte auch nicht noch nebenbei was machen müssen.

Jochen: Shane spielt ja noch in weiteren zahlreichen Bands…

Barney: Oh ja, ich kann diese musikalische Motivation, die er hat, gar nicht aufbringen. Ich investiere sie in NAPALM DEATH natürlich, aber darüber hinaus nicht. Wenn er das tun kann, soll er das ruhig. Ich habe keine andere Band, NAPALM DEATH beschäftigt mich ausreichend. Ich mache viel für die Band, um die sich Shane nicht kümmern muss, somit kann er die anderen Bands nebenbei haben.

Jochen: Mir stellt sich die Frage, ob Du irgendwann mal von Interviews genervt bzw. gelangweilt bist?

Barney: Nein, bin ich nicht. Jeder Gesprächspartner ist ein anderer Mensch und somit eine neue Erfahrung. Was soll ich mich auch beschweren, wenn Leute mit mir reden wollen? An dem Tag, an dem das nicht mehr so ist, sollte ich mir Gedanken machen, vorher nicht. Natürlich gibt es die eine oder andere Frage, die einem nicht so liegt, aber es gibt keine dummen Fragen. Ich bin da sehr objektiv. Am Ende des Interviews muss die Story wie gewünscht stehen, dafür sind dann eben mal auch solche Fragen notwendig.

Jochen: Was kannst Du jungen Bands raten, um den Weg des Erfolgs wenigstens annähernd so zu gestalten wie ihr?

Barney: Immer präsent sein und niemals dem Erfolg nachjagen. Das ist der Kernpunkt, für sich selbst denken und nur das tun, was du auch tun willst. Wenn dir jemand ein Angebot macht, ob ernsthaft oder nicht, das deinem Konzept widerspricht, bringt dich das nicht weiter. Wenn du deine Band deshalb ändern sollst, wird es dich anpissen, und dann wirst du auch bald aufgeben wollen. Wenn du was ausprobierst und es klappt nicht, dann hast du es aber wenigstens versucht. Wenn du was tust, was du gar nicht willst, wirst du es nicht mögen, und du machst Musik aus der falschen Motivation heraus.

Jochen: Ihr macht eine der extremsten Musikformen und seid dennoch alle so freundliche und nette Leute in der Band.

Barney: Weißt du was? Lass mal den ganzen Musikkram außen vor. Ohne den bin ich doch auch nur ein ganz normales menschliches Wesen. Ganz im Ernst, ich bin gerne unter Leuten, ich lerne gerne neue Leute kennen, und das wäre auch ohne die Musik so. Ich will da keinen Sonderstatus haben. Ich möchte die Leute fair behandeln, ich versuche, niemanden negativ einzustufen.

Jochen: Aber die Gefahr besteht doch durchaus, irgendwann abzuheben?

Barney: Oh ja, die Gefahr ist wirklich groß. Ich habe in der Szene Leute kennen gelernt, ohne jetzt Namen zu nennen, die sonst was von sich behaupten. Was soll das? Der Erfolg zählt doch nicht für die eigene Person an sich, auch wenn es dir natürlich gut gefällt. Es geht dabei um die Fans draußen, die dich soweit gebracht haben.

Jochen: Im Saarland gibt es das ja auch schon, dass Bands so von sich überzeugt sind und sich wie die Stars aufführen, wenn sie mal ein Erfolgserlebnis hatten, dass sich dabei ihr Charakter entscheidend verändert. Die Musik rückt dabei völlig aus dem Fokus. Und dann steht die nächste Enttäuschung auch schon an.

Barney: Genau, die Erwartungshaltung ist unproportional hoch. Wenn ich zu einem unserer Auftritte gehe, erwarte ich erstmal gar nichts. Dann schaue ich mir an, was man daraus machen kann, danach kann ich erst behaupten, dass wir das Bestmögliche getan haben.

Barney Jochen: Auf einer Sampler-DVD hast Du mal euren alten Stammclub gezeigt, Euren Proberaum, sogar dein Apartment. Das war alles so familiär, als wärt ihr noch ganz am Anfang eurer Karriere. Euer ganzes Verhalten ist so bodenständig, man kann es kaum glauben.

Barney: Dankeschön. Warum sollten wir uns denn auch das Leben so schwer machen, wenn es so einfach sein kann? Man muss nur offen genug sein.

Jochen: Der Unterschied zwischen der brutalen Musik und eurer friedlichen und freundlichen Art ist schon prägnant.

Barney: Ja, man kann es als Paradoxon sehen. Auf der einen Seite die brutale Musik, auf der anderen Seite die Texte, die eher positiv zu verstehen sind. Das kann man eben als künstlerisch ansehen, ohne jetzt zu anmaßend zu sein.

Jochen: Noch ein paar Schlussworte?

Barney: Oh ja, da habe ich einige Klischees in petto. Vielen Dank an alle, die uns bisher unterstützt haben, die es uns ermöglicht haben, immer noch hier zu sein. Danke an die Leute da draußen, die wegen uns gekommen sind. Vielen Dank für das nette Interview und viel Spaß noch heute Abend.

Jochen: Barney, vielen Dank für das angenehme Gespräch.

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