helenefischer helenefischerEs ist momentan das Thema in allen Medien, Deutschlands Schlagerqueen veröffentlicht ihr neues Album, welches sehnsüchtig erwartet wurde. Dabei liegt die eigene Messlatte eigentlich unerreichbar hoch nach dem Erfolg des Vorgängers „Farbenspiel“. Ein Erfolg, der generalstabsmäßig geplant wurde, Werbefigur, ein prominenter, szeneaffiner Partner, eigene Fernsehshows sowie Livekonzerte aus der Ideenkiste großer Rockacts, mehr Publicity geht nicht. Als ihr dann Kristina Bach „Atemlos“ überließ, ging HELENE FISCHER komplett durch die Decke.
Doch so ein übergroßer Erfolg bringt auch negative Seiten mit sich, denn plötzlich war es nicht mehr möglich, die Musik der Dame nicht zu mögen. Dabei ist ja die Vielfalt gerade das Schöne an der Musik, Herdentrieb ist da eher deplatziert. Fanliebe in allen Ehren, aber dass man angefeindet wurde, wenn man die Qualität anderer Acts höher einschätzt, kann kein Künstler wirklich wollen, zumal es auch nicht in die heile Welt passt, welche die Überfliegerin gerne propagiert. Was ist also dran an ihr, dass eine ganze Nation bei der Ankündigung durchdreht? Immerhin sind dreieinhalb Jahre eine normale Zeitspanne im Business und mit Weihnachtsalbum und Fernsehauftritten war sie ja in der Zwischenzeit auch permanent präsent.

Schon die ersten Töne von „Nur Mit Dir“ nähren Widersprüche in mir und werfen weitere Fragen auf. Wirft uns nicht die schlagerliebende Elterngeneration ständig vor, zeitgenössische Populärmusik würde nur aus stumpfen Beats bestehen? Natürlich können sie es nicht besser wissen, in den Massenmedien findet fast ausschließlich rhythmusbasierte Tanzmusik statt und wenn man von melodiebetonter Tonkunst redet, hat der gemeine Bundesbürger eher Schlager im Sinn. So läuft der riesige Rockmarkt unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit und hat sein Zuhause eher auf den Bühnen und im Albumkontext anstatt in Singlehits aus dem Radio.

Nur wenn man eine Abneigung gegen Tanzbeats hat, warum schwört man dann auf HELENE FISCHER oder Epigonen wie BEATRICE EGLI und VANESSA MAI? Der Opener oder auch „Sonne auf der Haut“ tendieren musikalisch ganz klar zur Lightvariante von Eurodance, „Herzbeben „ und „Achterbahn“ sind komplett in diesem Genre anzusiedeln. Schon „Atemlos“ gab mir dieses Rätsel auf, ich bin immer noch auf der Suche nach der Lösung. Kaschiert das Moderieren von Schlagershows diesen Etikettenschwindel oder ist die Marke mittlerweile einfach so groß, dass ohne zu reflektieren konsumiert wird?

Klar versuchte Frau Fischer zuletzt im Schlagermetier neue Wege einzuschlagen, was ja im Grunde nie der falsche Weg ist. Schon länger covert sie einige Rockklassiker bei ihren Konzerten, doch auch das kann man als geschickten Marketingschachzug abtun. Immerhin holt man damit die dem Schlager zugeneigten Flanellhemdrocker ab, die seit dem Sommer ´69 neben der Höllenautobahn auf neue Lieder warten.
Mit „Viva La Vida“ nimmt sie Kurse in Tango, bringt Latino – und weltmusikalisches Flair hinein. „Dein Blick“ geht ebenfalls neue Wege, welche direkt in den wilden Westen führen. Würde sie ihre Songs selbst komponieren, ich würde den Eklektizismus sicher toll finden. Doch wenn sie nur mit Outsidewritern wie Produzent Jean Frankfurter zusammen arbeitet, nehme ich ihr das irgendwie nicht ab.

Noch dazu werden all diese Einflüsse im Schlagerkonzept bis zur Unkenntlichkeit verwässert. Das ist nichts Neues im deutschen Schlager, denn schon Mitte der Sechziger fing man an alles völlig glatt zu bügeln und jeglicher Ernsthaftigkeit zu berauben. Sicher waren die Deutschen schon immer Weltmeister im Verniedlichen, man denke nur an Wasi und Schumi, die heißen ja im richtigen Leben Markus Wasmeier und Michael Schuhmacher. An das, was Schlager früher einmal war, erinnert lediglich das allerletzte Lied „Adieu“, welches mit Schifferklavier an den französischen Chanson angelehnt ist.

Soundtechnisch noch viel katastrophaler ist das totale Verzerren des Eigenklangs der Instrumente, die ebenfalls ihrer Charakteristik beraubt werden. Ich erwarte ja gar nicht, dass man direkt heraus hört, ob hier eine Gibson – oder Fender-Gitarre gespielt wird, doch man sollte zumindest das Instrument identifizieren können. Ohnehin dünkt mir, dass viele Töne weniger Instrumenten entstammen denn Programmspuren. Wenn ich da als Vergleich das ähnlich umfangreiche „Trilogy“ der weitgehend unbekannten serbischen Bluesdame ANA POPOVIC vor genau einem Jahr nehme, da dürfen die Instrumente atmen und ihren Charme entfalten.

Hier fehlt einfach jegliche klangliche Tiefe, alles wurde spätestens beim Mastering komplett glattgezogen. So verfehlen die wirklich tollen Chöre in „Wenn Du lachst“ ebenso ihre Wirkung wie das Orchester bei „Weil Liebe Nie Zerbricht“. Man muss zugeben, dass alles sehr sauber und druckvoll produziert wurde, doch es klingt so organisch wie der Chemieunterricht der siebten und achten Klasse.
Der Musikliebhaber mag schon ein wenig Dynamik in der Musik, hier wurde nur unverhohlen auf Radioairplay geschielt. So wurde beim Hören der einzige Ausschlag auf der Dezibelskala von vorbeifahrenden Autos vorm Büro verursacht. Nützen tut das dennoch wenig, denn einen Hit wie „Atemlos“ kann ich auf dem Album nicht entdecken, am ehesten kommt da „Wir Brechen Das Schweigen“ mit seinem Stadionchorus heran.

„Helene Fischer“ bleibt vieles schuldig, woran die Sängerin noch die wenigste Schuld trägt. Sie ist zwar nicht das Ausnahmetalent, von dem einen die Anhängerschaft immer vorschwärmt, doch singen kann sie, das muss man neidlos anerkennen. Gerade bei den Balladen kann sie in den Phrasierungen viel herausholen, und viel mehr ausfeilen, als es ihre Backingtracks vermögen. Wenn das Tempo in den flotten Discofox geht, gelingt ihr das weniger, ein Problem mit dem viele im Musical geschulte Vokalisten zu kämpfen haben. Und bei Liedern wie dem Bierzeltschunkler „Das Volle Programm“ wird ihr Talent eigentlich verschleudert.

Und irgendwann ist es mal gut mit den Balladen, wenn die auch zu den besseren Songs gehören. Vor allem bei der Doppel-CD-Version mit sechs weiteren stellt sich schnell eine Sättigung ein, weil eben auch keine Wendungen eingebaut wurden, die ein paar Widerhaken auswerfen. 24 Lieder sind einfach zu viel, wenn man so gleichförmig agiert, das hat etwas von den frühen Neunzigern, als man unbedingt die Laufzeit des damals neuen Mediums ausreizen wollte. Ohnehin hat dieses Jahrzehnt die meisten Spuren hinterlassen, wobei die Achtziger-Hommage „Genau Mein Ding“ auch keinen Mehrwert bietet.

Was hat man hier eine Chance vertan! Man hätte einem Genre, welches seit Jahrzehnten an den Baum gefahren wird, wieder künstlerische Relevanz einhauchen können. Beim kreativen Prozess tagen mehr Menschen als im Ausschuss der meisten mittelständischen Unternehmen. Im Vorfeld wurde von Persönlichkeit und Emotionen geredet, doch scheinbar vergas man, dass die Tiefgang benötigen, um sich zu entfalten.
Am ehrlichsten empfinde ich das bewegende, ihrer Mutter gewidmete „Du Hast Mich Stark Gemacht“. Doch wenn ich „Laune Der Natur“ das aktuelle Werk der TOTEN HOSEN dagegen halte, jenes ist voll von Aussagen, mit denen man sich identifizieren kann. Mit der Gewissheit im Rücken, dass die Scheibe ein Selbstläufer wird, hätte man hier viel mehr riskieren, wirkliche Musik und kein Entertainment produzieren müssen. (Pfälzer)


Bewertung:

Pfaelzer4,0 4 / 10


Anzahl der Songs: 24
Spielzeit: 86:17 min
Label: Polydor/Universal
Veröffentlichungstermin: 12.05.2017

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