dragonforce reachingontoinfinityAls man sich von ZP Theart trennte und den unbekannten Mark Hudson als neuen Sänger ins Boot holte, sahen viele den Abstieg der Extreme Powermetaller gekommen. Das eher schwache „The Power Within“ schien den Skeptikern sogar recht zu geben, doch mit „Maximum Overload“ liefen DRAGONFORCE wieder zu ganz großer Form auf. Drei Jahre später, Hudson ist mittlerweile fest integriert, gibt es nun endlich einen Nachschlag. Dazwischen gab es mit „Killer Elite“ zwar eine Best Of und die etwas krude DVD „In The Line Of Fire“, doch die waren eher für Sammler. Das neue Material ist mit „Reaching Into Infinity“ wieder genauso großspurig betitelt, wie wir es von den Jungs kennen, kann es mit den alten Hits mithalten?

Alles neu macht der Mai, oder was? Sphärische Intros sind ja beliebt, in dem Genre sowieso, doch dieser verrückte, internationale Haufen pflegte bislang gleich in die Vollen zu gehen. Da es sich dabei noch um den Titelsong handelt, stellt sich die Frage, ob uns die sechs etwas sagen wollen. Zum Glück schießt „Ashes Of The Dawn“ erstmal wesentlich vertrauter nach vorne und liefert das, was man erwarten konnte, pfeilschnelles Riffing und hohe Stimmlage im hymnischen Refrain.
Doch ein bisschen was vermisst man, die nötige Portion Irrwitz, der die bisherigen Werke auszeichnete. Teilweise kommt das fast schon rockig rüber und weckt Erinnerungen an das zu zahme „The Power Within“, besonders in Stücken wie „Our Final Stand“. Die Melodien sind nicht so herrlich klebrig, der etwas direktere Mix von Jens Bogren verzichtet auf Chöre, die Drumsalven rattern nicht so quer über das Kit und irgendwie wirkt alles wie mit angezogener Handbremse.

Die wird beim folgenden „Judgement Day“ etwas gelockert, die beiden Gegenpole werden mehr ausgereizt. Gab es im Quasiopener mit ein paar symphonischen Keyboards in der Mitte ein paar bei der Band bislang unbekannte Töne, so ballert man hier ein paar Elektroklänge über ein Breakdown, nur um kurz danach eine Orgel anklingen zu lassen. Ja, DRAGONFORCE sind eindeutig dabei, ihren Horizont zu erweitern, allerdings hätte man dazu nicht unbedingt die alten Trademarks ein Stück weit vernachlässigen müssen.
Aber was sollen sie auch machen, ewig das gleiche Geschredder wird auf Dauer auch langweilig und der Wiedererkennungswert ist immer noch recht hoch. Wie sie in „Astral Empire“ die heftigen Attacken mit ruhigen Tönen kontern hat schon etwas, und das akustische Intermezzo hat man auch nicht unbedingt erwartet, den weiten Chorus schon eher. In „Curse Of Darkness“ flirtet man lässig mit der Göteborgschule, nachdem die Strophe locker galoppiert zieht die DoubleBass an, bevor der sehr eingängige Refrain eher konventionell ausfällt.

So richtig weit aus dem Fenster lehnen sich die aus aller Herren Länder zusammen getrommelten Musiker, wenn sie sich mit „Edge Of The World“ Richtung Deutschland orientieren. Nach futuristischen Quietschesounds landen sie zwischen RUNNING WILD und AXEL RUDI PELL. Düstere Akustikklänge gehen in einen von der Orgel begleiteten Stampfrhythmus über, bevor sich der Chorus über alles erhebt. Akustische Breaks, sphärische Leads sowie Soloduelle zwischen Gitarre und Synthesizer klingen deutlich nach dem Pellator.
Die Growls zwischendurch dann weniger, doch es will sich alles in diesen epischen Longtrack einfügen, ohne ihn zu überfrachten. Da kommt dieses Händchen für den Song, das DRAGONFORCE zweifelsohne besitzen, zum Tragen. Noch wuchtiger und teutonischer kommt „Hatred And Revenge“ daher, der selbst für die Band sehr eingängige Refrain, trieft vor herrlichem Pathos. Das lässt sich nicht nur hervorragend mitschmettern, dazu kann man auch prima in die Schlacht reiten.

Natürlich beinhaltet „Reaching To Infinity“ auch ganz typisches Futter für die langjährigen Anhänger. „Midnight Madness“ ist so ein Kandidat, die Geschwindigkeit völlig überdreht, die Chöre verhallt und tief im Kitsch watend. Nicht ganz so kitschig geht es bei „Silence“ zu, der einzigen Ballade der Scheibe, die eher getragen und weit um die Ecke biegt, dabei gängige Powerballadenelemente reproduziert. In der Disziplin werden sie wohl nie mehr an „Starfire“ vom legendären Debüt heran kommen, auch weil sie den Schmachtfaktor hier nicht zulassen, sondern tendenziell auf ernsthaftere Klänge setzen.

Doch all die ganzen dezenten Neuerungen, die ja schon auf dem Vorgänger begonnen haben, sind nur ein Vorgeschmack auf das, was einem die Sechs in „War“ um die Ohren blasen. Noch tiefer, noch düsterer, bevor aus dem nichts ein Thrash-Sperrfeuer losbricht. Zu derbem Gezocke bellt Mark Hudson passend, was ihm überraschend gut zu Gesicht steht, während die cheesige Bridge wieder den brutalen Kontrast bildet.
Wenn er dann „War, now this is war“ brüllt, um direkt danach eine Zeile Eierquetschgesang hinterherzuschieben, ist das absolut Welt und lässt sogar von INTO ETERNITY träumen. Deren Haupteinfluss waren ja im Übrigen DEATH, von daher ist man hier gar nicht so weit weg, denn mit „Evil Dead“ hat man gleich noch ein Cover von denen darauf gepackt. Wenn sie schon schocken, dann aber richtig!

Man muss aber ganz klar festhalten, dass die beiden Nummern als sowohl als Songs als auch im Albumkontext funktionieren. Damit schaffen es DRAGONFORCE sich wirklich neue Horizonte zu erschließen und ihre immer schon krassen Gegensätze auf ein neues Niveau zu heben. Nur schade, dass sie beim Ausarbeiten von diesen den bisher bekannten Kontrasten zwischen sehr süffigen Refrains und irrsinniger Geschwindigkeit nicht so viel Beachtung geschenkt haben, sonst wäre da ein wirkliches Knallerwerk heraus gekommen. Für die angestammten Fans ist das nicht immer leicht zu konsumieren und bedarf einiger Eingewöhnungszeit, doch dann kann man mit „Reaching Into Infinity“ so richtig Spaß haben. (Pfälzer)

 

Bewertung:

Pfaelzer7,5 7,5 / 10


Anzahl der Songs: 13
Spielzeit: 69:40 min
Label: EAR Music
Veröffentlichungstermin: 19.05.2017

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