rocktoberfest flyerNachdem sie seit ihrem letzten Longplayer dreieinhalb Jahre für einen Nachfolger ins Land ziehen ließen, hat die schwedische Hair Metalhoffnung nun keine Zeit mehr zu verlieren. Nur einen Monat nach dem Release von „Into The Great Unknown“ geht es mit der neuen Scheibe im Gepäck auf Tour. Den Auftakt machten H.E.A.T. in ihrer Heimat, bei der sie das dritte Konzert nach Stockholm brachte, wo sie im Rahmen des Rocktoberfestes auftraten, und dabei von einem illustren Billing begleitet wurden. Der Club Annexet liegt südlich des Zentrums der Metropole inmitten einer ganzen Reihe von Eventhallen wie dem bekannten Ericsson Globe.

Dort angekommen zeigte sich uns ein etwas seltsames Bild. Dass die Schweden feiern können, ist hinlänglich bekannt, nicht erst seitdem sie endlich mal wieder ein gutes Publikum für die SCORPIONS bildeten wie auf dem SwedenRock. Doch dass sie sich auch mal ein Beispiel an deutscher Kultur nehmen, war mir bislang fremd. So zeigte sich das Ambiente in bester Wies´n-Optik, der hintere Teil der Halle war komplett mit Tischen und Bänken verstellt, während vor der Bühne gähnende Leere herrschte.
Zum Glück stand die Musik von MOTHER MISERY, QUIREBOYS, EVERGREY sowie dem Headliner im Vordergrund und nicht die vom größten Volksfest der Welt bekannten Suff – und Balzrituale. Essen soll auch serviert worden sein, aber aufgrund der Fixierung auf den musikalischen Teil, konnte der Verfasser keine Kostprobe davon bekommen, nach den Konzerten blieb die Küche kalt. Dabei sah ich Burger auf einer Speisekarte, wobei es in Stockholm ohnehin nur so von Burgerrestaurants wimmelt.

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MOTHER MISERY
Um sechs Uhr abends mussten die Heavy Rocker dann gegen eine fast leere Halle anspielen, nicht nur die vorderen Reihen waren dünn besetzt, sondern auch die, im wahrsten Sinn des Wortes Hinterbänke. Davon ließe sich die Vier wenig beirren und gaben richtig Gas, wobei Gas geben auch das Lebensmotto sein dürfte. Angesichts der Optik konnte man nur raten, ob die Herren in ihrer Freizeit lieber an Motorrädern oder Muscle Cars herum schrauben. Leder und Jeans bestimmten das Bild und die Haare waren ölig wie der Boden ihrer Garage. Doch wer so nach Bier und Motoröl riecht, der kommt auch so einem Event gerade recht, und so konnten sich MOTHER MISERY ihren verdienten Applaus erspielen.

Musikalisch erinnerte das alles stark in ihre Landsleute von MUSTASCH, sie mischten das Erbe von THIN LIZZY, welches sie in schönen Twin Leds wiedergaben, mit einem modernen Anstrich. So groovten Songs wie „Broke Down“ oder „Standing Alone“ wie die Hölle, während vor allem Frontmann John Hermansen Alarm machte und seine Bikerhymnen lässig heraus röhrte. Sein Nebenmann Thomas Piehl gab sich unter seiner Mütze vielleicht eine Spur zu cool, wusste aber bei den Soli zu gefallen.
In eine „Stars And Stripes“-Weste ebenso amtlich gekleidet, war Bassist Stefan Hellström sehr viel unterwegs und suchte immer wieder Kontakt zu der Handvoll anwesender Fans. Einzig sein Rhythmuspartner Jimmy Lindbergh hätte ein paar mehr Variationen anbieten können, doch er legte mehr Wert auf Power. Die kam auch bei dem Gig rüber, der letzten Endes aber doch nur ein nette Aufwärmübung für die Nackenmuskeln war.

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QUIREBOYS
Da waren die einzigen Nichtschweden im Billing schon eine ganz andere Hausnummer, bereits das Auftreten des Sechsers zeugte von einer ordentlichen Ladung Selbstvertrauen. Durch die vielen Auftritte der letzten Jahre sind sie zu einer Einheit gewachsen, die weiß, wie man jede Bühne rockt. So war es nicht verwunderlich, dass sich nun deutlich mehr Menschen vor der Bühne einfanden, auch wenn die Tische nun gut belegt waren. Dem Charisma der wohl coolsten Truppe des Erdballs konnte man sich nur schwerlich entziehen, wobei Frontmann Spike wie üblich die Führungsrolle zukam.

Mit ungeheurer Lässigkeit tänzelte das wandelnde Piratenkopftuch über die Bühne und schleifte seinen Mikroständer mehr hinter sich her, als das er ihn trug. Wie der Mann ohne seine obligatorische Kopfbedeckung aussieht, weiß vermutlich nicht mal sein Kopfkissen. Dazu kleidet er sich gerne im britischen Dandystil, wobei er damit inmitten seiner Jungs nur wenig auffällt, vielleicht noch ein wenig bunter rüberkommt.
Er wusste die Menge mit launigen Ansagen über den Blues und die Welt zu unterhalten und lobpreiste immer wieder seine „Cola“, nicht ohne das Publikum zu bitten, ihm Nachschub zu besorgen. Aber so eine Ausnahmestimme benötigt natürlich immer das beste Material, um geölt zu werden, unglaublich wie man so allabendlich Konzerte bestreiten kann, ohne chronisch heiser zu werden.

Der Blues war natürlich so ein Thema in diesem Abend, schließlich haben die QUIREBOYS gerade ihr Coveralbum veröffentlicht, von dem es zwei Kostproben gab. Wie üblich stellte die neue Scheibe auch die Auftaktnummer, die hier zwingender als auf Konserve rüber kam. Hatte ich noch in meinem Review die schwache Abmischung des Piano bemängelt, so kam Keith Weir hier deutlich besser zur Geltung.
Überhaupt wurden die beiden Stücke von „White Trash Blues“ deutlich inspirierter und beseelter rüber gebracht, ich wusste doch, dass sie es besser können. Die beiden Gitarristen Guy Griffin und Paul Guerin zeigten sich so blind eingespielt, dass sie sich die Licks und Soli mühelos zuwarfen, und sich dabei in die lässigsten Posen warfen. Noch cooler agierte Nick Mailing an den vier Saiten, der mit seinem zurück gekehrten Bruder Pip an den Drums das perfekte Rhythmusgerüst bildete.

Ansonsten gab es natürlich die volle Ladung aus dem legendären Debüt „A Little Bit Of What You Fancy“, welches immer die Hälfte des Sets einnimmt. An jenes Werk werden sie auch nie mehr herankommen und das wollen die Fans auch hören, damit haben sie seinerzeit einen Standard gesetzt. Leider fehlten „I Don´t Love You Anymore“ oder „Sex Party“, für die in einer knappen Stunde kein Platz war.
Doch abseits dieses Materials gab es auch sonst wenig Abwechslung, die Lieder von den Alben seit jener Zeit variieren wenig, dabei hätten „Beautiful Curse“ oder „Twisted Love“ genug Beiträge zu bieten. Natürlich werden all diese Stücke in beeindruckender Manier dargeboten, die QUIREBOYS wurden für die Bühne geboren. Sie müssen allerdings aufpassen, dass sie nicht irgendwann zu vorhersehbar werden.

Setlist QUIREBOYS:
Going Down
Too Much Of A Good Thing
Misled
There She Goes Again
Mona Lisa Smiled
This Is Rock´n´Roll
Tramps & Thieves
Leaving Trunk
Hey You
Sweet Mary Ann
7 O´Clock

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EVERGREY
Waren die Sleazer zuvor das Kontrastprogramm in Sachen Herkunft, so gab es nun das stilistische Kontrastprogramm. Inmitten von Hard Rockacts wirkten die progressiv angehauchten Power Metaller auf dem Papier wie ein Fremdkörper. Doch wie schon auf dem von mir oft besuchten Sweden Rock-Festival ist auch hier Abwechslung gerne willkommen, und eine etwas düstere Nuance tat der Sache durchaus gut.
Noch besser tat, der an dem Abend generell sehr gute Sound, welcher die epische Schlagseite von Tom Englund und seinen Mannen sehr gut zur Geltung brachte. Waren mir auf dem Sweden Rock vor drei Jahren die Gitarren zu präsent, so transportierten hier die Keyboards die Wärme und Weite der Kompositionen weitaus besser. Dies machte das Ganze weitaus homogener, so dass sich auch die Emotionen viel besser entfalten konnten.

Auch die Chöre saßen sehr gut und zeigten, wie gut die Formation aufeinander eingespielt war, auch wenn es ein Verbund mehrerer Individuen ist. Englund war der klare Frontmann, der mit seiner Stimme durch die Songs leitete, während die anderen den perfekten Background lieferten. Manchmal stand er ohne Griff zu seinen sechs Saiten da und ging in seinen Melodien auf, während sich der Rest der Saitenfraktion um das Kit von Jonas Ekdahl versammelte, und die treiben Rhythmen zelebrierte.
Als weiterer Aktivposten erwies sich Henrik Danhage, der ebenso wie Ekdahl vor ein paar Jahren glücklicherweise zurückkehrte. In bester Malmsteen-Manier poste er bei seinen Soli und bekam vom Sänger auch den Raum, um diese wirklich bestechend darzubieten. Johan Niemann ist mehr der Arbeiter am Bass, aber bei den mehrstimmigen Parts ebenso wichtig wie Rikard Zander. Dessen seltsame, in Endzeitoptik gehaltene Tastenkonstruktion mit Lautsprechern im Sockel war ein weiterer Hingucker.

Da Hauptteil des Sets bestand hauptsächlich aus Liedern vom „Hymns For The Broken“-Longplayer, von dem ganze fünf gespielt wurden. Ansonsten kam nur noch Material von „Recreation Day“ öfter als einmal zum Einsatz. Das so oft zitierte Opus manifestierte seinerzeit die angesprochene Rückkehr der früheren Mitgliedern und zu alter Stärke, welche an dem Abend offenbar wurde. Herrlich anzusehen, wenn sie in den Riffpassagen synchron die Matten schwangen und das ansonsten spärliche Licht dazu flackerte. Am Ende ein viel bejubelter Gig, in einer nun gut gefüllten Halle, der nach 75 Minuten mit ein paar Klassikern als Zugabe endete.

Setlist EVERGREY:
Passing Through
The Fire
Leave It Behind Us
Distance
A New Dawn
Black Undertow
My Allied Ocean
I´m Sorry
Broken Wings
The Grand Collapse
--------------------------
Recreation Day
A Touch Of Blessing
King Of Errors

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H.E.A.T.
Bis um halb elf abends waren nun alle eingelaufen, um dem Headliner zu huldigen, schon beim Introtape wurde klar wegen wem die meisten heute die Reise angetreten haben. Und schon ging es los mit einem Knall, von Pyros befeuert gab es den Opener des neuen Albums, der sich für die Position geradezu anbietet. Die Jungs waren sofort in ihrem Element und brannten ebenso ein Feuerwerk ab. Jimmy Jay lief breitbeinig mit seinem Bass umher, schüttelte sein nun kürzeres Haupthaar unablässig und suchte oft den Kontakt zu seinem Rhythmuspartner Crash.

Der sorgte mit wirbelnden Stöcken für die knalligen Arrangements und trieb die Songs mächtig nach vorne. Allerdings sollten wir über sein Drumsolo mit „Flash“-Zitaten von QUEEN eher das Mäntelchen des Schweigens hüllen. Der Riser stand nicht in der Mitte wie bei Rockacts üblich sondern leicht seitlich, gleich berechtigt mit dem von Keyboarder Jona Tee, der sich zuletzt immer mehr in den Gesamtsound einbrachte, und deswegen auch noch mehr im Vordergrund steht. Vor allem im Solopart des aktuellen Titeltracks konnte er seine Klasse unter Beweis stellen und zeigen, dass die neuen Songs durchaus zünden können.

Können sie, aber leider nicht alle, jener Titelsong gehört sicher dazu, doch wie schon im Review angedeutet, war der Vorgänger eine ganze Ecke besser. Von dem gab es im Anschluss zwei Knaller und sie Stimmung schnellte weiter nach oben. Leider machten H.E.A.T. nun den Fehler und hauten zu viele neue Nummern heraus, die noch nicht bei jedem angekommen waren, und die nur unter ein paar ganz frühe Songs gemischt wurden.
Die beiden ersten Scheiben mit Erik Grönwall kamen erst spät zum Zug und sorgten klar für die lauteren Reaktionen. Am Ende waren es einfach zu viele Beiträge von „Into The Great Unknown“, zwei weniger hätten es auch getan, zumal „Tearing Down The Walls“ und „Better Off Alone“ schmerzlich vermisst wurden. Dennoch muss man dem populärsten Hair Metalexport zugestehen, dass sie in der Lage sind, mehr als eineinhalb Stunden bequem zu füllen.

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Doch selbst wenn die Stimmung ein wenig abflaute, ein geborener Frontmann wie Grönwall wusste immer Rat, seine Performance war atemberaubend. Ruhe kennt der Mann nur einmal, las er eine Ballade vom neuen Langeisen lediglich vom Piano begleitet vortrug, und dabei bewies wie hoch er mit seiner Stimme kommen kann. Ansonsten war er ständig unterwegs, wobei ihm die Bühne viel zu klein war.
Immer wieder kletterte auf die Cases vor der Bühne oder auf die Absperrung des Photograbens. Dabei scheute er auch nicht vor direktem Publikumskontakt – im Gegenteil – von einem Fan nahm er das Handy um sich beim Singen mit den Leuten im Rücken zu filmen. Dazu suchte er immer den Kontakt zum zurückgekehrten Gitarristen David Sky, der seinen Job eher ruhig unter seinem Filzhut erledigte.
Dafür war er spielerisch voll auf der Höhe, immerhin sind viele Parts eigentlich für zwei Äxte geschrieben worden und seine Soli waren großartig. Beide schienen einen besonderen Draht zueinander zu haben, gerade wenn sie einige Rockklassiker einpflegten. Trotz aller Turnerei kam der gute Erik nie außer Atem und bot eine ebenso starke stimmliche Leistung. Sicher ist er das Ass im Ärmel von H.E.A.T., die am Ende einen wahren Triumphzug hinlegten und das Annexet in eine Partyzone verwandelten. (Pfälzer)

Setlist H.E.A.T.:
Bastard Of Society
Emergency
Mannequin Show
Straight Through The Heart
Redefined
Blind Leads The Blind
Into The Great Unknown
1000 Miles
We Rule
Time On Our Side
Shit City
Beg Beg Beg/Whole Lotta Rosie/Little Piece Of My Heart/Beg Beg Beg
  -Drumsolo-
Breaking The Silence
Eye Of The Storm
In And Out Of Trouble
Best Of The Broken
Inferno
---------------------------------------------------------------------------------------------
Point Of No Return
A Shot At Redemption
Living On The Run

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Alle Photos von Anna

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